Und plötzlich ist alles anders. Gerade noch döste die Abiklasse eines Kleinstadtgymnasiums vor sich hin, als wie aus dem Nichts ein Video auf der digitalen Tafel erscheint. Jemand hat sich ins digitale Netzwerk der Schule gehackt, die Bilder sind auf sämtlichen Monitoren zu sehen. „Ich will nicht mehr. Ich kann nicht mehr“, erklingt ein geflüsterter Hilferuf. Das Lehrerkollegium ist alarmiert, allerdings nicht alle: „Kryptischer Nonsens von ’nem verhinderten Dichter.“
Foto: ZDF / Martin Valentin Menke
Tatsächlich enthält das Video wie auch der Film „Von uns wird es keiner sein“ mehr als nur Anspielungen auf „Unterm Rad“ von Hermann Hesse. Die 1906 erschienene Erzählung endet mit dem Tod eines Schülers, der am Leben scheitert. Ein entsprechender Druck spiegelt sich auch in den zentralen Figuren des Films. Julia, Mina, Waldi und Tom (Mina-Giselle Rüffer, Derya Akyol, Lukas von Horbatschewsky, Kosmas Schmidt) sind eine Clique, die keine Geheimnisse voreinander hat. Das Video löst jedoch eine Kette von Ereignissen aus, in deren Verlauf sich recht bald zeigt, wie wenig die vier jenseits ihrer eher oberflächlichen Freundschaft voneinander wissen. Für diesen Irrtum steht das Titelzitat: Julia meint damit, dass sie alle doch viel zu gefestigt seien, um sich das Leben nehmen zu wollen. Das Drehbuch von Lucas Flasch offenbart jedoch nach und nach, dass sie Belastungen ausgesetzt sind, die selbst für breitere Schultern nur schwer zu stemmen wären.
Der Film ist in den erwachsenen Nebenrollen verblüffend prominent besetzt, zumal viele Mitwirkende nur kurze Momente haben. Gerade den Eltern kommt eine besondere Bedeutung zu, weil sie natürlich besonderen Einfluss auf ihre Kinder und daher einen nicht unerheblichen Anteil an deren Stress haben. Dass den Söhnen und Töchtern das familiäre Gefüge nicht mehr den Halt bietet, den sie benötigen, wird früh deutlich; die jeweiligen Gründe offenbart Flasch erst später. Weil sich die vier nicht gegenseitig einweihen, kommt es prompt erst zu Missverständnissen und dann zu Spannungen.
Foto: ZDF / Martin Valentin Menke
Regie führte Simon Ostermann, „Von uns wird es keiner sein“ ist nach diversen Serienfolgen (darunter „Oh Hell“, Magenta 2022) sein beeindruckendes Langfilmdebüt. Die Kamera (Johannes Greisle) ist stets nah, aber nie zu nah bei den Hauptfiguren. Das erhöht einerseits die Intensität der Darbietungen, birgt andererseits aber auch ein gewisses Risiko der Überdosierung. Dank Ostermanns Führung findet der Film jedoch durchgehend die richtige Balance, zumal gerade die jungen Ensemblemitglieder ganz ausgezeichnet sind und größtenteils bereits über viel Erfahrung verfügen. Nur für Kosmas Schmidt gilt das nicht, dabei hat er die schwierigste Rolle, aber auch er macht das bravourös: Tom, der Rebell des Quartetts, leidet unter der Kälte eines Vaters (Moritz Führmann), der wie eine Figur aus vergangenen Zeiten wirkt, als Männer glaubten, keine Gefühle zeigen zu dürfen; deshalb muss die Familie mit einem Tabu leben. Mina hat ein Vaterproblem ganz anderer Art, Waldi traut sich nicht, zu seinem wahren Ich zu stehen; nur Julia macht sich ihren Druck ganz allein.
Foto: ZDF / Martin Valentin Menke
All’ das deutet Flasch zunächst nur an. Dieses dramaturgisch sehr effektive Konzept prägt bereits den Auftakt, als im Lehrerzimmer über einen Notfallplan diskutiert wird, bevor die Ereignisse des Morgens in einer Rückblende nachgereicht werden, und zieht sich durch den gesamten Film: Sämtliche Figuren tragen eine Last mit sich herum, allen voran Lehrer Ritchie (Sabin Tambrea), der einzige aus dem Kollegium, dem das Video richtig an die Nieren geht. Seine Bürde lässt sich erahnen, als eine Psychotherapeutin (Stefanie Reinsperger) an die Schule kommt. Ritchies besondere Rolle zeigt sich schon allein durch die personelle Konstellation: Anders als die Jugendlichen, die immerhin in ihrem direkten Umfeld einen gewissen Halt finden, steht er unter erheblichem Druck, weil er sich ständig nach allen Seiten rechtfertigen muss.
Die Besetzung mutet teilweise fast absurd verschwenderisch an, zumal einige der bekannten Mitwirkenden (Anna Schudt, Mariele Millowitsch, Christina Hecke) nur kurze Momente haben. Die genügen allerdings, um den Figuren Tiefe zu verleihen und die Bedeutung der Rollen zu verdeutlichen. Sehr wichtig ist auch die Musik (Lisa Morgenstern), die hintergründig durchgehend für Spannung sorgt. Natürlich lebt der in kühlen Farben gehaltene Film nicht zuletzt von der Neugier auf die Urheberschaft des Videos, aber letztlich ist es bloß der Motor der Handlung. In den Vordergrund schiebt sich mehr und mehr die Frage nach den Wurzeln des jeweiligen Unglücks, das den Beteiligten zu schaffen macht.
Foto: ZDF / Martin Valentin Menke


2 Antworten
Der Film thematisiert zu 100% die zwischenmenschlichen Zerwürfnisse, sowohl in der Schülerschaft, als auch im Lehrerkollegium und dessen Privatsphäre, sodass die technische Umsetzung/Realisierung des Videohochladens auf den Schulserver, dass alle das Video zeitgleich sehen konnten und das Video nicht abgeschaltet werden konnte, im Film zu Beginn nicht hinterfragt wurde. Denn dann hätte man wohl ziemlich schnell den Uploader aufgrund seines technischen Knowhows herausgefunden und der Film und seine beabsichtigte Motivation wäre ziemlich schnell zu Ende gewesen. Das war wohl nicht gewollt, ist aber somit eine Drehbuchschwäche.
Der Film ist mit seinen Schüler-Darstellern hervorragend gespielt und auch die prominente Besetzung der Lehrer, wenn auch nur in Kurz-Auftritten ist gerechtfertigt, um den Motiven der Person indirekt Tiefe zu geben.
Früher gab es Filme, wie «Ferris macht blau». Solche Filme – insbesondere die von John Hughes – waren damals Therapie genug. Aber damals in den 1980er-Jahren agierte auch eine andere Lehrergeneration, die noch mehr Respekt für sich beanspruchte und einforderte, obwohl dieser Respekt in der Rückschau noch weniger als heute gerechtfertigt war. Das ist m.E. auch ein Schwerpunkt-Thema in «Ferris macht blau», was speziell zu Beginn von «Ferris macht blau» sehr amüsant umgesetzt worden ist.
Deshalb: Die Zeiten von damals sind nicht unbedingt vergleichbar, trotzdem halte ich die gemeinsame Sichtung des Films «Ferris macht blau» mit anschliessender Besprechung/Diskussion auch heute für eine ausgezeichnete und gut investierte Therapiestunde.
Endlich kommen nun öfters „Filme mit Anspruch“ in unser Fernsehprogramm !
Danke an das ZDF für die Integration dieses brisanten Themas der psychischen Gesundheit. Wir haben den Film bereits gestreamt und sind uns darüber einig: Dieser Film ist mehr als sehenswert. Bitte zeigen Sie weitere Filme „aus dem Leben“ und nicht nur Krimis, Quizshows o.ä.
Wir würden uns außerdem sehr über eine fiktive Darstellung der gesamten COVID-Pandemie freuen, ähnlich Ihrem so hervorragenden Film: „Die Welt steht still“, der leider nur den Anfang der Pandemie darstellt.