Langner ist undercover unterwegs. Er wurde auf einer Wache eingeschleust, in der offenbar Kollegen arbeiten, die bei lukrativen Einbrüchen die Hand aufhalten. Auch die Biathletin Steffi Schober, die an der Polizeisportschule trainiert hat und aus dem Kader flog, wird auf eigenen Wunsch diese Dienststelle zugewiesen. Hier herrscht ein rauer Ton. Das Wort führen Schön und Jung, zwei Streifenpolizisten, die Langner überführen will – allein ihm fehlen die Beweise. Die Obermachos ahnen, dass Steffi ihnen Ärger machen will. Während eines Einsatzes schubst Schön die Kollegin vom Dach eines Hochhauses. Wie es scheint, sind die kleinen Polizisten nur die Handlanger. Die Drahtzieher für den Mord sitzen weiter oben. Ist vielleicht an der Polizeisportschule etwas faul? Das Reizwort „Doping“ macht die Runde.
In „Laufen und Schießen“ gibt es zwei Tötungen. Beide Male sieht man den „Täter“ – und dennoch ist dieser Krimi aus der ZDF-Reihe „Unter Verdacht“ einer der spannendsten der bislang 15 Fälle um die interne Ermittlerin Eva Maria Prohacek. Das spricht für die Qualität des Drehbuchs. Geschickt verwebt Autor Wolfgang Stauch die diversen Handlungsstränge und Milieus, lässt den Zuschauer mehr wissen als die Ermittler und gibt ihm dennoch genug ungelöste Fragen auf die 90-minütige Wegstrecke durchs Münchner Novembergrau, von dem sich gelegentlich die Augen im tief verschneiten Voralpenland erholen können. Schon die Idee, das erste Opfer noch eine Weile zu begleiten, ist dramaturgisch klüger als mit der typischen „Tatort“-Leiche zu beginnen, weil es für Empathie sorgt. Ein Argument nicht nur für diesen Film, sondern auch für die ganze Reihe, die nur selten mit einer Leiche „aufmacht“.
„Laufen und Schießen“ vereint alles das, was „Unter Verdacht“ für gewöhnlich auszeichnet. Wolfgang Stauch und Ed Herzog gelingt es, diese höchst markanten „Farben“ in eine Episode zu mischen. Da ist die Prohacek, gestreng und humorlos, wenn es um moralische Verfehlungen oder die Seilschaften der Großkopferten geht. Ihr Reich bleibt der Keller. Ganz anders Dr. Reiter – der bewegt sich in den oberen Etagen. Sein jovialer Witz und seine sadistische Schadenfreude springen aufgrund des köstlichen Gerd Anthoff förmlich auf den Zuschauer über. Launig auch das Psycho-Spiel, das Reiter und Prohacek, diesmal im Schulterschluss, mit dem höchsten Sportförderer der Landesregierung treiben. Ein tragikomisches Bild gibt dagegen Langner ab, der sich eine Mitschuld am Tod der Kollegin gibt und selbst in die Schusslinie der beiden korrupten Münchner Asphalt-Cowboys gerät.
Eine weitere Stärke des Films: ob die Herzkrankheit eines Verdächtigen oder die Schießfreude eines Biathleten – keine Drehbucherfindung bleibt ungenutzt. In „Laufen und Schießen“ werden dramaturgisch alle Register gezogen. Auch inszeniert ist das alles tadellos, doch die Story ist zu stark, die Handlung zu dicht, um das beim ersten Sehen wirklich im Detail alles wahrzunehmen. Auch das ist wohl eher ein Zeichen für einen (sehr) guten Film. „Laufen und Schießen“ hat zwar nicht die verstörende Kraft der zwei, drei ganz großen Prohacek-Krimi-Verschwörungsdramen, aber mit dem Blick auf ein breites Publikum ist das ein Krimi, dem nur wenige in diesem Jahr das Wasser reichen können. (Text-Stand: 10.12.2010)