Das Telefon klingelt, Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs) steigt aus der Dusche. Man sieht sein Missgeschick nicht, hört aber seine Schmerzensschreie, die sogar den garstigen Nachbarn auf den Plan rufen. Eine Schultereckgelenksprengung legt Voss‘ rechten Arm lahm. „Herr Voss, Sie sind ein wenig schief“, bemerkt die Rechtsmedizinerin am Tatort. Der Kommissar denkt jedoch nicht daran, sich krank schreiben zu lassen. Er lächelt die Schmerzen weg, allerdings wird ihm mit Manfred Kramer ein Polizeibeamter als Helfer und Chauffeur an die Seite gestellt, der in zwei Wochen in Pension geht und sich entsprechend lustlos auf seine letzte Sonderaufgabe einzulassen scheint. Gespielt wird dieses One-Hit-Wonder eines Sidekicks vom bayerischen Kabarettisten und Schauspieler Sigi Zimmerschied, der mit unerschütterlicher Ruhe und vereinzelten, überraschend tatkräftigen Ausbrüchen seine spezielle Duftmarke hinterlässt. Mehr Humor ist aber nicht in der wieder von Max Färberböck maßgeblich gestalteten Episode „Ich sehe dich“, dem insgesamt elften Film des vor zehn Jahren gegründeten Nürnberger „Tatort“-Teams.
Foto: BR / Hager Moss / Schuller
Weil das vermeintlich unbescholtene Opfer ein einziges Mal wegen zu schnellen Fahrens aktenkundig wurde, findet die Polizei schnell die Identität des in einem „Wahnsinnsloch“ (Voss) vergrabenen Toten heraus: Andreas Schönfeld (Benjamin Schaefer) war vor zwei Jahren von seiner Mutter Erika (Marion Reuter) vermisst gemeldet worden. Den musikalischen Fahrradhändler „Andi“, der mit zwei Schlägen getötet wurde, scheinen alle gemocht zu haben. Sogar die Vikarin (Lisa Oertel), der er einen Heiratsantrag machte, nur um ihn fünf Tage später wieder zurückzuziehen, urteilt: „Er war einfach ein netter Kerl.“ Vor der Befragung der Vikarin haben Färberböck, Co-Regisseur Danny Rosness und Co-Autorin Catharina Schuchmann aber schon atmosphärische Zweifel gesät. Sie lassen Voss langsam das unheimliche Haus inspizieren, in dem Andi mit seiner Mutter lebte. Auch die Musik (Diego Noguera), die in der Inszenierung starke Akzente setzt und manchmal regelrecht in die Handlung fetzt, hält sich fast vollständig zurück. Im Keller findet Voss ein in rotes Licht getauchtes Foto-Labor, und Erika Schönfeld steht plötzlich wie ein Gespenst in einem Horrorfilm oben an der Treppe. Ein „Psycho“-Zitat muss man darin nicht unbedingt sehen: Voss sieht wohl, dass der einsamen alten Frau die Todesnachricht weiter zusetzt, handelt aber nicht danach.
Neben der Musik irritieren auch Kameraführung und Schnitt mit plötzlichen Schwenks, Tempo- und Perspektivwechseln, die den konzentrierten und ruhigen Rhythmus bewusst aufbrechen. Als würde ein plötzlicher Schmerz in den Film fahren wie in Voss‘ rechten Arm. Fabian Hinrichs spielt das erfreulich unaufgeregt und ohne permanente Jammerei. Das gilt auch für den Übergang im sich neu formierenden Ermittlerteam: Die von Voss sehr geschätzte Kollegin Paula Ringelhahn wird noch mit einem Satz in Erinnerung gerufen, doch ansonsten tragen Voss und Kommissarin Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid) – plus Zimmerschied – den ersten Franken-„Tatort“ ohne Dagmar Manzel mühelos. Jedenfalls fragt man sich eher, weshalb das Team unbedingt nach dem Manzel-Ausscheiden wieder erweitert werden muss.
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Was bleibt: In Färberböcks „Tatort“-Filmen ist die Ermittlungsarbeit Nebensache, das Hauptaugenmerk gilt den Figuren, ihren Motiven und Abgründen. Dazu passt der mehrdeutige Titel „Ich sehe dich“, der eine enge, zugewandte Verbindung zwischen zwei Menschen beschreiben könnte – oder aber eine zu enge, übergriffige Beziehung, wenn das „Sehen“ eigentlich „Beobachten“ meint. In der ersten Hälfte nähern sich Voss, Goldwasser und das stets in großer Zahl anwesende, aber nur als Kulisse aufgereihte Team der Mordkommission dem so rätselhaft makellosen Opfer an. „Es ist, als ob er eine Mauer des Guten um sich gebaut hätte“, sagt Voss über Andi Schönfeld, dessen Lieblingswort nach Aussage der Mutter „Ja“ lautete. Es ist keine Überraschung, dass sich hinter der Mauer des Ja-Sagers eine andere, erschreckende Welt auftut, die sich in der zweiten Hälfte in einem weiteren Handlungsstrang spiegelt. Da begegnet dem Publikum ein inniges Paar, die blinde Lisa Blum (Mavie Hörbiger) und ihr Nachbar Stephan Gellert (Alexander Simon). Die beiden wirken freilich ebenfalls wie eingemauert. Die Dialoge behaupten eine große, bedingungslose Nähe, die sich im Spiel von Hörbiger und Simon nur ansatzweise einstellt und die angesichts von Lisas Vorgeschichte auch an ein Wunder grenzt. Dem schmerzgeplagten Voss bleibt auch nichts erspart: Am Ende muss er dieses Wunder zerstören und retten zugleich.


3 Antworten
Völliger Schwachsinn! Katatstrophale, kramphaft konstruiertes Drehbuch, ebensolche Regie, wirkt eher wie das Storyboard zu einem drittklassigen PC-Game, also mehr Schnitzeljagd als Krimi, zumal die Ermittler noch unsympathischer rüberkommen als der Täter, allen voran Herr Hinrichs, dem man einen psychopathischen Serienkiller eher abkaufen würde als seine Rolle als – äußerst unsympathischer, uncharismatischer, aber nerviger und klugscheißerischer, kleinkarierter Hinterwädler-Provinz-Kommissar. Der Rest ist Langeweile…
Vielleicht sollten sich die Tatort-Verantwortlichen doch langsam nach begabteren Drehbuchautoren umsehen, was inzwischen so alles an Tatorten läuft – abschreckende Beispiele sind Münster und Kiel und inzwischen auch Nürnberg – hat mehr mit „Musikantenstadl“ zu tun als mit überzeugenden Krimis.
Aber meiner Ansicht nach gehört Tatort“ ohnehin massiv relaunched und auf neue, zeitgemäße Füße gestellt oder völlig abgesetzt.
Zum einschlafen…
Wunderbarer Tatort. Ich war selten so fasziniert von der Darstellung der Emotionen der Ermittelnden. Herr Voss und Herr Kramer waren überragend. Bitte weiter so.