Deutsche Staatsanwaltschaften preisen sich gern als „objektivste Behörde der Welt“. Tatsächlich genießen sie im hiesigen Rechtssystem als „Wächter des Gesetzes“ und Kontrollinstanz der Polizei eine einzigartige Sonderstellung: Um jegliche Einflussnahme auszuschließen, agieren sie völlig unabhängig; jedenfalls theoretisch. In der Praxis sind sie allerdings weisungsgebunden, weshalb die Justizministerien als übergeordnete Behörde sehr wohl Einfluss nehmen können. In juristischen Kreisen wird daher immer wieder darüber diskutiert, ob die Staatsanwaltschaften „Handlanger der Politik“ seien. Individuelle Voreingenommenheit oder politische Ansichten spielen bei bestimmten Verfahren selbstredend ebenfalls eine Rolle; und davon handelt das Justizdrama „Staatsschutz“.
Foto: Lotta Kilian / Jünglinge Film
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Seyo Kim, eine junge Juristin, die kürzlich in einer brandenburgischen Kleinstadt ihre Probezeit als Staatsanwältin angetreten hat. Eine ihrer ersten Lektionen lautet: Achtzig Prozent der Verfahren werden eingestellt. Eine zweite Hauptfigur wird als Widersacherin eingeführt: Anwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch) engagiert sich für Geflüchtete, die Opfer von rechtsextremistischen Übergriffen geworden sind, steht aber meist auf verlorenem Posten, weil sich die Taten nicht beweisen lassen. Dass Seyo, Tochter koreanischer Eltern, ebenfalls einen migrantischen Hintergrund hat, gibt dieser Konstellation eine besondere Note. Die bis dahin unerschütterliche Neutralität der Staatsanwältin bröckelt, als sie selbst betroffen ist: Hinter einer Unterführung wird sie mit ihrem Rad zu Fall gebracht, ein Mann bewirft sie von der Brücke mit Brandsätzen. Die Verbrennungen sind nicht lebensgefährlich, aber sie empfindet das Attentat als Mordversuch.
Faraz Shariat, gebürtiger Kölner mit iranischen Wurzeln, ist für sein autobiografisch geprägtes Regiedebüt „Futur Drei“ (2020) vielfach ausgezeichnet worden. „Staatsschutz“, in Zusammenarbeit mit der ZDF-Redaktion Das kleine Fernsehspiel entstanden, ist sein zweiter Spielfilm. Das Drama unterscheidet sich jedoch deutlich vom gewohnten Fernsehfilm: Die fahlen Bilder sind größtenteils grau oder beige, bunte Farbtupfer fehlen völlig. Die Musik (Gabriel Ólafs) ist über weite Strecken eher eine Art Geräuschkulisse, die Kamera (Lotta Kilian) beschränkt sich weitgehend darauf, geduldig die Ereignisse zu beobachten. Auch die sachlichen Darstellungen sowie die juristischen Dialoge entsprechen diesem quasidokumentarischen Ansatz, der natürlich perfekt zum Objektivitätsanspruch der Staatsanwaltschaft passt: Chen Emilie Yan verkörpert ihre erste Filmrolle zumindest zunächst betont unterkühlt.
Foto: Lotta Kilian / Jünglinge Film
Damit ist Shariat ein bewusstes Risiko eingegangen: Hauptfiguren sollen in der Regel zur Identifikation einladen, aber Yans Spiel hält das Publikum auf Distanz. Die Empathie muss sich auf einer abstrakten Ebene einstellen, ist dadurch jedoch umso nachhaltiger: weil es sich nicht um eine eher oberflächliche und entsprechend flüchtige Emotion handelt. Die Atmosphäre wird zudem zunehmend bedrohlich. Hinzu kommt, dass sich das Drehbuch von Claudia Schaefer (Koautorinnen: Jee-Un Kim, Sun-Ju Choi), auch dies ein Unterschied zu den meisten TV-Produktionen, nicht mit Erklärungen aufhält. Die Zusammenhänge ergeben sich aus der Handlung, und sie sind erschreckend: Seyo ist überzeugt, das sie nicht das erste Opfer des Täters war. Gegen die ausdrückliche Anweisung ihres Vorgesetzten (Arnd Klawitter) beginnt sie, auf eigene Faust in den Akten der Behörde zu recherchieren. Tatsächlich stößt sie auf weitere mutmaßlich rechtsextremistisch motivierte Anschläge, in einem Fall gar mit Todesfolge. Die Ermittlungen waren in vielen Fällen schlampig, womöglich mit Vorsatz. Als sie am eigenen Leib erfährt, welche Formen polizeiliche Willkür annehmen kann, gibt der Film seine objektive Haltung auf. Trotzdem verzichtet Shariat (Regie und Produktion) weiterhin auf typische Thriller-Elemente.
„Staatsschutz“ lässt sich dennoch als politisches Widerstandsprojekt betrachten. 2025 sind laut einer Statistik des Verbands der Beratungsstellen für Betroffene von rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt 4.300 Menschen Opfer solcher Angriffe geworden; mehr als die Hälfte der Taten war rassistisch motiviert. Seyos Chef spricht dagegen von einer „paranoiden Verschwörungstheorie“ und repräsentiert damit eine höchst bedenkliche Haltung: Die vermeintlich objektiven Staatsanwaltschaften verharmlosen viele dieser Taten und leugnen die Existenz rechtsradikaler Netzwerke. Rassismus ist in Deutschland auch ein institutionalisiertes Problem, wie das unabhängige Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt mit seiner „InRa“-Studie über Rassismus bei Behörden wie der Bundespolizei oder dem Zoll belegt hat.

