„Der Mann, der zuviel wusste“ oder auch „Zur falschen Zeit am falschen Ort“: „Spurlos in Marseille erzählt die klassische Hitchcock-Geschichte vom unbescholtenen Bürger, der Zeuge eines Verbrechens wird, fortan als Mörder gilt und nicht nur von den Gangstern, sondern auch von der Polizei gejagt wird. Fabian Busch ist eine ausgezeichnete Besetzung für derartige Rollen: Bruno Bassmann, ehedem Bootsbauer, nun Hausmann, muss weit über sich hinauswachsen, um seine Frau zu retten. Ihr gilt der Titel: Auf dem Weg in den südfranzösischen Urlaub legt das Ehepaar einen Zwischenstopp in Marseille ein; Katja (Jeanne Tremsal) will sich mit einem ehemaligen Studienkollegen treffen. Als sie nicht zurückkehrt und die Aussage eines Kellners nahelegt, dass sie entführt worden ist, wendet sich Bruno erst an die Polizei, dann ans deutsche Konsulat, aber beide können nicht viel ausrichten. Durch Zufall findet er raus, worum es geht: Seine Frau arbeitet für die Deutsche Allgemeine Zentralbank in Frankfurt und hat brisante Daten entwendet, die sie dem befreundeten Journalisten übergeben wollte; Bruno findet den Mann kurz drauf tot in dessen Badewanne.
Foto: Degeto / Roland Suso Richter
Die Handlung des Drehbuchs von Gernot Krää erinnert verblüffend an die im Januar 2020 ausgestrahlte Charlotte-Link-Verfilmung „Die Entscheidung“. In dem nicht minder fesselnden Thriller spielt Felix Klare einen Familienvater, der gemeinsam mit einer Streunerin ohne eigenes Verschulden in ein Verbrechen verwickelt wird; das ungleiche Duo gerät ebenfalls in Marseille ins Visier einer skrupellosen Organisation. Hier wie dort gibt es einen Stick mit belastendem Material, hinter dem die Verbrecher her sind. Die Rolle der jungen Komplizin wird in „Spurlos in Marseille“ von Sabrina Amali gespielt: Die schlechtgelaunte Taxifahrerin Aliya kann Bruno eigentlich nicht leiden, weil sie ihn für einen „scheiße deutsche Bürokratie-Spießer“ hält, aber sie ist der einzige Mensch in Marseille, dem er vertrauen kann; außerdem verliebt sie sich ein bisschen in ihn. Mit ihrer Hilfe findet Bruno raus, wer mutmaßlich hinter Katjas Entführung steckt: Die Spur führt zu einem tunesischen Ex-Politiker, der enorme Summen unterschlagen und außer Landes geschafft hat. Der lange Arm des Mannes reicht offenbar bis nach Frankfurt, denn auch die Wohnung der Bassmanns ist durchsucht worden.
Regisseur Roland Suso Richter hat viele große Filme über wichtige zeitgeschichtliche Ereignisse gedreht, allen voran „Der Tunnel“ (2001), „Dresden“ (2006), „Mogadischu“ (2008) und „Die Spiegel-Affäre“ (2014). Zuletzt hat er im Auftrag der ARD-Tochter Degeto den „Zürich-Krimi“ auf ein höheres Niveau gehoben. Für diese Reihe ist mit „Borchert und die tödliche Falle“ (2020) auch einer der besten Thriller dieses Jahres entstanden. Handwerklich sind sich die beiden Filme sehr ähnlich, zumal Richter erneut Max Knauer an seiner Seite hatte, der auch bei Richters gleichfalls sehenswertem Polit-Thriller „Jagd durch Prag“ (2018) aus der Degeto-Reihe „Die Diplomatin“ für die Bildgestaltung verantwortlich war; der Regisseur und der Kameramann ergänzen sich offenbar kongenial. Eine Verfolgungsjagd über die Dächer von Marseille mag nicht so spektakulär aussehen wie in einem Actionspektakel aus Hollywood, aber Bruno Bassmann ist ja auch nicht Jason Bourne. Davon abgesehen funktioniert das Zusammenspiel von Kamera, Schnitt und Musik ähnlich gut wie in dem „Zürich-Krimi“. Viele Perspektivwechsel sorgen für eine enorme Handlungsdichte, häufige Schauplatzwechsel lassen den Film überdurchschnittlich aufwändig wirken. Es gibt ohnehin hierzulande nicht viele Regisseure, deren Inszenierungen eine vergleichbare visuelle Kraft entfalten. Auch die Hochspannungsmusik von Arash Safaian, der schon bei dem Thriller „Der 7. Tag“ (2017) für Richter gearbeitet hat, ist fast zu groß für handelsübliche TV-Lautsprecher.
Foto: Degeto / Roland Suso Richter
Für den Autor ist „Spurlos in Marseille“ dagegen ein recht ungewöhnlicher Stoff. Krääs Regiedebüt war 1992 der Kinderkrimi „Die Distel“. Nach langer Pause folgten „Mein vergessenes Leben“ (2015, Buch und Regie), ein bewegendes Demenzdrama mit Robert Atzorn; „Schöne heile Welt“ (2019, Buch und Regie), eine sehenswerte Tragikomödie mit Richy Müller als dauernörgeliger Langzeitarbeitsloser, der sein Herz für einen kleinen Flüchtling entdeckt; und schließlich „Wackersdorf“ (nur Buch, 2020), ein filmisches Denkmal für den aufmüpfigen Landrat, der den Bau einer Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz verhindert hat. Mit seinem jüngsten Drehbuch hat Krää einen zwar nicht herausragenden, aber dank Richters Inszenierung fesselnden Thriller geschrieben. Dass nicht alle Wendungend er Handlung so überraschend sind wie vom Autor geplant, ist nicht zuletzt eine Frage der Besetzung; so ist zum Beispiel schon früh klar, wer der eigentliche Schurke der Geschichte ist.
Davon abgesehen ist die Auswahl der Schauspieler nahezu perfekt, zumal Richter auch für die Nebenfiguren markante Mitwirkende gewinnen konnte, allen voran Gitta Schweighöfer als Großmutter. Jeanne Tremsal hat schon in Richters „Dipomatin“-Episode „Böses Spiel“ gezeigt, dass sie jenseits etwa des „Herzkinos“ im ZDF viel zu selten in größeren Rollen besetzt wird. Sabrina Amali wiederum, Schweizerin mit marokkanischen Wurzeln, hat bereits in einigen deutschen TV-Produktionen mitgespielt; ihre bislang prägnanteste Rolle war die einer jungen Polizistin, die in dem ZDF-Krimi „Gegen die Angst“ (2019) in ein Loyalitätsdilemma gerät. Vorzüglich geführt ist auch Lea Weinkauf als Brunos Tochter. Anders als die Charlotte-Link-Adaption „Die Entscheidung“ wird „Spurlos in Marseille“ außerdem dem Schauplatz gerecht: Brunos Hilflosigkeit wird noch dadurch unterstrichen, dass er kein Französisch kann; wenn sich Aliya auf Arabisch mit ihrer nordafrikanischen Familie unterhält, versteht er ohnehin kein Wort. Mit Bruno redet die Taxifahrerin allerdings Deutsch; dafür bietet der Film eine ebenso schlüssige Erklärung wie für ihre Antipathie gegen sein Heimatland. Sorgfältig ausgewählter französisch-arabischer Ethno-Rap vermittelt das passende Lebensgefühl, und Zeit für schöne Bilder haben Richter und Knauer auch noch gefunden. Seltsam nur, dass die Fahndung der Polizei nach Bruno irgendwann überhaupt keine Rolle mehr spielt; er rasiert sich nicht mal den Vollbart ab, um sich von seinem Phantombild zu unterscheiden. Enttäuschend ist auch der Schluss: Wenn die Degeto keine Fortsetzung in Auftrag gibt, endet die Geschichte ziemlich unbefriedigend. (Text-Stand: 25.8.2020)