Sheep

Sandmeyer, Minichmayr, Düringer, Ostrowski, Altenberger, Haase, Grüber & Reinberg. Mensch müsste man sein

13.07.2026 10:00 ZDF-Stream Streaming-Premiere
24.08.2026 23:59 ZDF TV-Premiere
Foto: ZDF / Patrick Wally
Foto Tilmann P. Gangloff

Alles andere als Kinderfernsehen: In der ungemein einfalls- und abwechslungsreichen österreichisch-deutschen Serienfabel „Sheep“ (ZDF, ORF / Horse&Fruits) findet Widder Oliver heraus, welch’ schauerliches Schicksal eine Schafherde am Ende ihrer Reise zu einem Bauernhof erwartet, aber die anderen halten ihn für einen Verschwörungserzähler. Die Tiere sind echt, digital bearbeitet wurden nur ihre Mundbewegungen. Gesprochen werden sie unter anderem von Verena Altenberger, Birgit Minichmayr und Michael Ostrowski. Mittendrin verblüfft das Buch- und Regie-Duo Leni Gruber und Alex Reinberg durch einen radikalen Bruch, als Oliver (Merlin Sandmeyer) und eine Zufallsbekanntschaft (Jella Haase) dank halluzinogener Drogen zu menschlichen Stars einer Sitcom werden.

Wer hätte das gedacht: Nicht der Mensch, sondern das Schaf ist die Krone der Schöpfung; zumindest glauben das die Schafe. Höhepunkt ihrer Lebensreise ist „ein Ort, an dem jedes Schaf seine Erfüllung findet.“ Die Einführung in die spielfilmlange fünfteilige Serie „Sheep“ entpuppt sich jedoch als Werbespot für einen Betrieb, der mit dem Slogan „Genuss, der sich entfaltet“ wirbt. Welch’ gruseliger Art dieser Genuss sein mag, lässt sich erahnen, aber erst mal feiern die Tiere eine Abschiedsparty. Einzig Außenseiter Oliver ist nicht in Feierstimmung. Trotzdem macht er sich auf die Suche nach alkoholischem Nachschub und stößt in der Speisekammer des Bauernhofs auf ein schauriges Geheimnis. Schlagartig wird ihm klar, welches Schicksal die Herde erwartet.

So könnte auch ein Kinderkrimi beginnen, zumal „Sheep“ nicht nur wegen der technischen Umsetzung an „Ein Schweinchen namens Babe“ (1995) erinnert, aber die Serie ist eine Fabel für Erwachsene. Der Auftakt zur zweiten Folge, für vegetarisch bewegte Menschen das nackte Grauen, lässt daran keinen Zweifel: Das Ziel jener Reise, an deren Ende die Schafe ihre Träume verwirklichen wollen, ist eine Schlachterei, wie Oliver (Merlin Sandmeyer) herausfindet, doch aus Sicht der anderen klingt er wie ein typischer Verschwörungserzähler. Der erleuchtete Manfred (Roland Düringer) hatte ihm schon vorher erklärt, dass sich in der Regel erst später beurteilen lasse, ob ein Ereignis gut oder schlecht sei. Nicht mal Lara (Birgit Minichmayr), durch ihre Brille als Intellektuelle ausgewiesen, glaubt ihm.

SheepFoto: ZDF / Patrick Wally
Aus Schaf wird Mensch – und Oliver (Merlin Sandmeyer) und Joleen (Jella Haase) sind suf einmal Darsteller in einer Sitcom.

Natürlich verdanken die im Schnitt jeweils fünfzehn bis zwanzig Minuten kurzen Folgen ihre Spannung nicht zuletzt der Frage, ob es Oliver gelingen wird, die Herde zu überzeugen, doch der eigentliche Reiz der Serie ist der wilde Genre-Mix. Am ausgefallensten in dieser Hinsicht ist Folge vier, als das Buch- und Regie-Duo Leni Gruber und Alex Reinberg (Koautor: Sebastian Huber) die Flucht des Widders im „Found Footage“-Stil à la „Blair Witch Project“ (1999) inszeniert. Im Wald trifft er ein Schaf, dessen bester Freund ein Baumstumpf ist. Joleen (Jella Haase) träumt davon, nach Sardinien auszuwandern, dem letzten Ort auf Erden, an dem Schafe ungefährdet in freier Wildbahn leben können. Dank einer halluzinogenen Droge macht Oliver eine verstörende bewusstseinserweiternde Erfahrung: Plötzlich findet er sich gemeinsam mit der neuen Freundin als Menschenpaar in einer Sitcom wieder.

Auch handwerklich sorgt „Sheep“ immer wieder für Überraschungen. Manfreds Erzählungen von den Abenteuern vor seiner Zen-Zeit werden durch eine Art Scherenschnitt-Animation illustriert, die Bilder zu Joleens Lebensgeschichte sind lebendig gewordene Höhlenwandmalereien (Animation und Grafik: Alexander Gratze). Die verschiedenen Stilmittel sowie die inhaltlichen Schwerpunkte prägen zudem die unterschiedlichen Gestaltungen des Titels. Damit kein Zweifel aufkommt, wer die Hauptfiguren sind, haben sich Gruber und Reinberg einer ähnlichen Methode bedient wie weiland Steven Spielberg, der „E.T. – Der Außerirdische“ (1982) auch kameraperspektivisch konsequent aus Kindersicht erzählt hat; deshalb bleibt der erwachsene Gegenspieler in dem Science-Fiction-Klassiker ein Mann ohne Gesicht. Das gilt auch für den Bauern (Markus Schramm), dem die Serie zwar gewisse individuelle Merkmale zubilligt – er ist mit einer Frau geschlagen, die ihre Abende lieber mit „Markus Lanz“ verbringt –, aber eine physiognomische Identität verweigert. Die Kamera (Patrick Wally) zeigt ihn entweder aus der Ferne oder spart bei Nahaufnahmen die Augenpartie aus; mal fällt ein Schatten aufs Gesicht, mal verstellen Gegenstände den Blick. Tatsächlich zu sehen ist er erst in der finalen Konfrontation mit Oliver, als dessen Fluchtplan zu scheitern droht. Auch akustisch leben Menschen und Schafe in verschiedenen Welten: Die Zweibeiner reden zwar miteinander, aber für die Tiere und somit auch fürs Publikum bleibt ihre Sprache unverständlich.

SheepFoto: ZDF / Patrick Wally
Filmsprachlich auf den Spuren von Spieelbergs „E.T.“: Von dem Bauern (Markus Schramm) erkennt man lange so gut wie nichts.

Der Rest ist Liebe zum Detail. Das variierte „Zarathustra“-Motiv zur Schöpfungsgeschichte am Anfang, die Spielsachen, mit denen Oliver seinen Plan erläutert, sein anfänglicher Neid auf die Zweibeiner: „Mensch müsste man sein. Das Hirn so groß wie eine Erdnuss, immer im Moment, nur triebgesteuert existieren.“ Sehr witzig ist auch die „Synchronisation“ eines Gesprächs zwischen dem Bauern und seiner Gattin. Alles andere als lustig ist hingegen die Erklärung für den äußerst beschränkten Wortschatz von Außenseiter Hans (Michael Ostrowski), der immer nur „Luftpumpe“ ruft. Als Oliver erkennt, was er damit meint, kommt für Manfred jede Rettung zu spät.

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Serie & Mehrteiler

ZDF

Mit Merlin Sandmeyer, Birgit Minichmayr, Roland Düringer, Michael Ostrowski. Verena Altenberger, Jella Haase, Markus Schramm,Christoph Krutzler

Kamera: Patrick Wally

Szenenbild: Ruth Erharter, Verena Gross

Kostüm: Stephanie Edelhofer

Schnitt: Dominik Kubisch, Pia Huemer

Musik: Paul Plut

Soundtrack: Ankathie Koi („Kate, It’s Hunting Season“), Candice Gordon („Cannibal Love“), Paul Plut („Vota“), Euroteuro („Autogrill“)

Redaktion: Jakob Zimmermann

Produktionsfirma: Horse&Fruits Filmherstellung OG

Produktion: Florian Brüning, Thomas Herberth

Drehbuch: Leni Gruber, Sebastian Huber, Alex Reinberg

Regie: Leni Gruber, Alex Reinberg

EA: 13.07.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 24.08.2026 0.00 Uhr | ZDF