Schwarzes Gold

Harriet Herbig-Matten, Hilmer, Wlaschiha, Urzendowsky, Justin Koch, Wolfrum, Trachte. High Noon in der Heide

Foto: NDR / Viktoria Grunjajew / Boris Laewen
Foto Martina Kalweit

„Schwarzes Gold“ (Kinescope Film / NDR) kleckert nicht. Mit internationalen Größen und angesagten Jungdarstellern vor der Kamera klotzt die Produktion on top mit Komponist Hans Zimmer. Dessen Soundteppich orchestriert sechs Episoden über die Zeit des niedersächsischen Ölbooms um 1900. Ja, den gab es, auch wenn das heute niemand weiß. Vertraut und gelernt sind dagegen die fiktionalen Dramen, die „Schwarzes Gold“ vor dem historischen Hintergrund in Szene setzt. Da reitet die Magd, die in einer von Männern dominierten Welt für ihre Selbstbestimmung kämpft. Und es kämpfen Liebende um die Liebe. Das mag das ältere Publikum jetzt langweilig erscheinen, aber das ältere Publikum ist hier auch nicht gemeint. „Schwarzes Gold“ hat das Potenzial alle zu begeistern, die noch nie einen Fuß in die Heide gesetzt haben, geschweige denn wissen, wann Erika blüht.

Im Herbst trifft man sich in der Lüneburger Heide zum Entkusseln. Junge Gehölze müssen weg, um die typischen Heideflächen zu erhalten. Als Filmlandschaft wurde die Heide bislang noch nicht entkusselt. Dabei bietet das mythisch-melancholische Flair dieser Landschaft viel Potenzial. Das weite Hügelland hat alles, was schöne Bilder und reitendes Personal brauchen. Statt Rudolf Prack, der 1951 aus dem Sattel glitt, um sein Trachtenmädel durch die Luft zu wirbeln, nun also Tom Wlaschiha, der – mit Liebe nichts am Hut – im Sattel bleibt, um seinen Widersachern von oben herab warnend ins Auge zu blicken.

„Schwarzes Gold“ wurde rund um das Museumsdorf Hösseringen bei Celle und im Camp Reinsehlen bei Schneverdingen gedreht. Unweit dieser Höfe führte man 1858 eine der weltweit ersten Erdölbohrungen durch. Bis 1920 entstand in der Südheide Deutschlands produktivstes Ölfeld. Lila wurde zu schwarz. Historische Aufnahmen vom Bohrgelände inspirierten Headautor Justin Koch zu seiner ersten großen fiktiven Geschichte. „Schwarzes Gold“ soll erlebbar machen, welche Opfer der (industrielle) Aufbruch mit sich brachte. Für die Wahl der tragischen Hauptfigur gibt es viele TV-Vorbilder. Von der Krankenschwester über die Hebamme bis zur unterschätzten Konzern-Erbin. In der „Schwarzes Gold“-Variante ist es die junge Bauerntochter Johanna.

Schwarzes GoldFoto: NDR / Boris Laewen
Oben: Johanna (Harriet Herbig-Matten) muss nach einem Wutausbruch ihrem Arbeitgeber gegenüber zu Kreuze kriechen. Unten: Aus unterschiedlichen Welten und doch tief verbunden seit Kindheitstagen: Johanna und Richard Pape (Aaron Hilmer).

Harriet Herbig Matten ist seit „Bibi & Tina – Die Serie“ (2020) mit dem Reiten vertraut. Der Mehrteiler „Maxton Hall“ (2024) machte sie als Ruby Bell international bekannt. Die Liebesgeschichte im Elite College ist Prime Videos meistgesehene Original-Serie aller Zeiten. In „Schwarzes Gold“ zeigt Herbig-Matten nun, dass sie auch Kartoffelernte kann. Viel Lob gebührt dabei der Maske (Anette Keiser), die das hager-verhärmte der sich plagenden Bäuerinnen in die Gesichter von Mutter (Jessica Schwarz) und Tochter zeichnet.

Neben den Frauen als Motor der Handlung ist die Figurenkonstellation der Männer klar dem Western-Genre geschuldet. Darunter der Bauer vom alten Schlag (Peter Schneider als Johannas Vater), der unbarmherzig gierige Geschäftsmann (Tom Wlaschiha als Wilhelm Pape) und der Außenseiter, mit dem zu rechnen ist. Marton Czokas (Denzel Washingtons Gegenspieler in „Equalizer“) spielt diesen Tyler Robertson. Schon sein US-Akzent macht ihn zum Außenseiter. Staubmantel und Westernhut tragen Pape und Robertson wie eine zweite Haut. Zum Ende der Auftaktfolge setzt sich auch Johanna einen Hut auf.

Bei der jungen Generation kommt zum Überlebenskampf die Liebe. Mehr Drama Baby heißt in diesem Fall, dass der Sohn des reichen Pape (Aaron Hilmer, „Luden“, „Wer ohne Schuld ist“) die arme Johanna liebt und seine Schwester Sofia (Lena Urzendowsky, „In die Sonne schauen“) sicher nicht den, dem sie versprochen ist. Glücklich gegeneinander gecastet sind Johannas Verehrer Richard Pape und sein Konkurrent, der Wanderarbeiter und Gelegenheitsboxer Jakub Mazurak. Aaron Hilmer und Slavko Popadic erinnern in ihrer Physiognomie ein wenig an das Doppel Delon/Belmondo.

Schwarzes GoldFoto: NDR / Boris Laewen
Oben: Wilhelm Pape (Tom Wlashiha) ist euphorisiert: Die Testbohrungen waren erfolgreich – das Öl sprudelt! Unten: Die Lamberts wollen sich Papes Gewaltherrschaft nicht länger beugen. Jessica Schwarz, Harriet Herbig-Matten & Leo Knižka: „Schwarzes Gold“

Stichwort überlebensgroß: Das beherrscht Hans Zimmer so gut, dass man sich als Fan leiser Geschichten schon vor ihm fürchten muss. Auch in „Schwarzes Gold“ bleibt das einzelne Instrument nicht lang allein. Trotzdem dürfen auch mal nur Schafe blöken oder es reicht ein jammernder Ton, der sich langgezogen über die Aussichtslosigkeit legt. Wirklich schaurig brechen ein paar eigens für die Serie komponierte Hymnen („In Oil we trust“) in das Geschehen ein. Die Songs gemahnen an irischen Folk, die Texte sind grob auf Protest geschmiedet. Sobald sie verklungen sind, bestimmt wieder der Wechsel von freischwebenden Westernanklängen und einem mechanisch klopfenden Kolbentakt die Akustik.

Für die optische Umsetzung verwendeten Jörg Widmer und Andreas Köhler teilweise analoge, historische Linsen. Die Kameraführung setzt auf behutsame Bewegungen und den Kontrast zwischen großer Nähe zu den Figuren und der epischen Weite der Landschaft in Cinemascope. Dass nichts zu sauber aussehen sollte, bleibt ein frommer Wunsch. Von weißen Zähnen über weiße Pferde bis zu akkuraten Anzügen mochte man Schmutz und Armut wohl doch nicht allzu deutlich ausstellen. Richtig schmutzig dagegen sind die Intrigen in diesem Spiel. Von brennenden Schafen bis zur Not-Operation eines auf dem Ölfeld verletzten Jungen wagt das Regie-Duo Nina Wolfrum und Tim Trachte dramatische Bilder, die im Kopf bleiben.

Hakelig wird es, wo aktuelle Fragestellungen allzu offensichtlich in die historisch verbürgte Handlung gestanzt wurden. Ob sich Ingenieure anno 1900 um die ökologischen Folgen ihrer Arbeit viele Gedanken gemacht haben, ist nicht belegt. Ähnlich aufgesetzt wirkt der Western-Dreh, der jedem Arbeiter zwischen Lüneburg und Uelzen eine Waffe unter den Hosenbund zaubert. Kein Ding, dass die Fiktion der Wirklichkeit schnell den Rang abläuft, so viel Cowboy und Indianer hätte es am Ende vielleicht doch nicht gebraucht.

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6 Antworten

  1. Mir war das zuviel Western. Was mich gestört hat ich musste immer den Ton regulieren von laut auf leise. Die Musik war viel zu laut dann musdte man die Lautstärke wieder höher drehen das man die. Schauspieler verstand.

  2. Leider findet tittelbach.tv ja so ziemlich alles, was der ÖRR produziert, ganz toll, sogar die grauenhafte Mozart/Mozart-Serie. Daher sind die hiesigen Filmkritiken als Orientierungshilfe nicht zu gebrauchen.

  3. Es ist GROSSES Kino.Gibt absolut NICHTS zu mäkeln.Zimmers grandiose Musik,gewaltig und episch,ein Wendungsreiches Drehbuch und gnadenlos gute Darsteller*innen.
    Grandios

  4. Ich fand den Film mega und habe mir nach der Ausstrahlung noch den 5.und 6.Teil angeschaut….war schon lange nicht mehr soo beeindruckt von einem Film

  5. Für mich als Boomer etwas zu skizzenhaft, und strotzend von Unplausibilitäten. Wahrscheinlich für einen Western okay. Da waren früher auch jede Menge Ungereimtheiten und Verkürzungen drin.
    Die Heide blüht und blüht, obwohl angeblich Frühjahr war. Tagelang werden die immer gleichen Furchen beackert – und selbstverständlich bespricht man konspirative Pläne an Orten wo andere lauschen können.
    Hab keine Doku erwartet, aber die pathetische Anmutung, inklusive der aufdringlichen Musik von Hans Zimmer waren nicht wirklich meins. Schauspielerische Leistung durchaus okay.
    Ich würdige den Versuch eines Heide-Western, brauche aber nicht mehr davon.

  6. Ich bin mittlerweile beim 3. Teil und kann den Hype absolut nicht nachvollziehen. Vielleicht kommt ja irgendwann noch Spannung auf.
    Besonders störend und unpassend empfinde ich aber die englische Filmmusik, die meines Erachtens überhaupt nicht zum Inhalt des Filmes passt.
    Schade, ich hatte im Vorfeld relativ große Erwartungen und war eigentlich voller Vorfreude.

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Serie & Mehrteiler

NDR

Mit Harriet Herbig-Matten, Aaron Hilmer, Tom Wlaschiha, Jessica Schwarz, Lena Urzendowsky, Marton Csokas, Henny Reents, Slavko Popadic, Daniil Kremkin, Leo Knizka, Stephan Kampwirth, Peter Schneider

Casting: Marion Haack

Kamera: Jörg Widmer, Andreas Köhler

Szenenbild: Albrecht Konrad

Kostüm: Mirjam Muschel

Schnitt: Friederike Weymar, Andreas Althoff

Musik: Hans Zimmer, Aleksey Igudesman

Produktionsfirma: Kinescope Film

Produktion: Matthias Greving, Kirsten Lakaczik

Headautor*in: Justin Koch

Drehbuch: Justin Koch  , Thorsten Näter, Pamela Katz, Florian Vey

Regie: Nina Wolfrum, Tim Trachte

Quote: (1-4) 2,33 Mio Zuschauer (10,7% MA)

EA: 22.11.2025 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 29.12.2025 20:15 Uhr | ARD (4 Folgen)

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