Nord bei Nordost – Jagd in die Vergangenheit

Cordelia Wege, Bredin, Dinda, Hennicke, Holger Karsten Schmidt, Aelrun Goette. Cold-Case-Beziehungskrimi

Foto: NDR / Degeto / Frizzi Kurkhaus
Foto Rainer Tittelbach

Auch die zweite Episode von „Nord bei Nordost“ (NDR, Degeto / triple pictures) ist ein ARD-Donnerstagskrimi-Highlight. „Jagd in die Vergangenheit“ ist kein Ermittler-Krimi von der Stange: keine Leiche zu Beginn, dafür ein Gefängnisausbruch. Emotional besonders spannend: Der Flüchtige war jahrelang der beste Freund der Familie von Polizistin Nina Hagen, ja, er rettet ihr sogar noch das Leben, bevor die „Jagd“ beginnen kann. Wie so oft bei Autor Holger Karsten Schmidt resultiert der besondere Flow aus Erzähleffizienz und einem Konstruktionsprinzip, das auf Kompaktheit, Klarheit und Stringenz baut, auf strukturelle Dichte und moderates Zuschauer-Mehrwissen. Mehr noch als bei „Nord bei Nordwest“ geht es auch hier nicht vornehmlich um kriminalistische Ermittlungsarbeit, sondern um große Themen: Liebe, Identität, Loyalität, Familie, Verrat. Die Mecklenburgische Seenplatte, die Top-Besetzung, allen voran Cordelia Wege & André Hennicke, sowie Aelrun Goettes stimmungsvolle Inszenierung veredeln die starke Geschichte.

Es könnte so schön sein, das Leben in Westend für die Polizistin Nina Hagen (Cordelia Wege), ein Häuschen direkt am See, wenig Schwerverbrechen, dafür zwei ebenso attraktive wie liebenswerte Kollegen, wäre da nicht dieser Ausbruch aus der JVA, der Tim Engelmann (David Bredin), Felix Bittner (Franz Dinda) und ganz besonders Nina in Atem hält. Denn der Flüchtige ist der wegen Mordes verurteilte Werner Roth (André M. Hennicke), der beste Freund ihres verstorbenen Vaters, der auch für Nina als Kind eine wichtige Bezugsperson war. Diesen Mann zu jagen, der jahrelang quasi mit zur Familie gehörte, fällt ihr nicht leicht, noch dazu, weil er ihr wenige Stunden nach dem Ausbruch das Leben gerettet hat. Auf dem maroden Dachboden von Teresa Lind (Mélanie Fouché), einer alten Freundin von Werner, konnte er Nina vor einem tödlichen Absturz bewahren. Danach sah er ihr mit den Worten „Ich war’s nicht“ tief in die Augen. Er kann entkommen, taucht unter, bleibt aber in Westend, wo er noch etwas zu erledigen hat. Werner will das Geld holen, das er mit zwei Kumpels bei einem Überfall auf einen Geldtransport erbeutet hat, immerhin stolze sechs Millionen Euro, und er will möglicherweise auch seine Unschuld beweisen. Nur, weshalb hat er den Mord an einem seiner beiden Komplizen überhaupt gestanden? Und welche Rolle spielt der dritte Mann? Dieser Alexander Bedolf (Lasse Myhr), ein knallharter Typ, ist jedenfalls sichtlich beunruhigt von der Tatsache, dass Werner Roth auf freiem Fuß ist.

Nord bei Nordost – Jagd in die VergangenheitFoto: NDR / Degeto / Frizzi Kurkhaus
Nachdenklich. Die Polizistin Nina Hagen (Cordelia Wege) jagt einen alten Freund der Familie. Und der rettet ihr das Leben.

„Jagd in die Vergangenheit“ ist die zweite Episode der neuen ARD-Donnerstagskrimi-Reihe „Nord bei Nordost“, mit der der NDR an die Erfolge von „Nord bei Nordwest“ anzuknüpfen versucht. Beim ersten Mal hat das mit einer gut getimten, stimmungsvollen Holger-Karsten-Schmidt-typischen Qualitäts-Narration und mit rund sechs Millionen Zuschauern bestens geklappt. Auch der neue Film ist kein Ermittler-Krimi von der Stange. Statt einer Leiche zu Beginn gibt es einen Gefängnisausbruch und eine kurze Rückblende, in der der Überfall auf einen Geldtransporter vor drei Jahren gezeigt wird, dann folgt die titelgebende „Jagd“ nach dem Flüchtigen, den Millionen, dem dritten Mann. Die zentralen Charaktere suchen sich gegenseitig: Roth den mutmaßlichen Mörder Bedolf, Bedolf seinen Jäger Roth, und die Polizei sucht beide. Dramaturgisches Bindeglied zwischen all diesen Kräften ist Teresa Lind, Werner Roths Vertraute. In ihrem Häuschen mit dem baufälligen Dachboden laufen denn auch die Handlungsfäden immer wieder spannend zusammen, inklusive des Schmidt-spezifischen Showdowns, bei dem die zu Beginn fehlende Leiche nachgereicht wird. Diese feine Symmetrie eines markanten Schauplatzes, kombiniert mit der Parallelität diverser Such-Bewegungen, mögen nicht jedem Krimi-Liebhaber auffallen, sie sind aber typisch für Schmidts erzählerisches Konstruktions-Prinzip, das auf Kompaktheit, Klarheit und Stringenz baut, auf strukturelle Dichte und moderates Zuschauer-Mehrwissen.

Der besondere Flow, die Lust, sich auf das Erzählte einzulassen, resultiert vor allem aus der intelligenten Politik der Informationsvergabe: Wann gebe ich welche Information preis? Alles eine Frage der Effizienz und Erzählökonomie. Ein Beispiel: Bis zum ersten Aufeinandertreffen zwischen Nina und Roth in Linds Haus weiß man nichts von deren gemeinsamer Vergangenheit, einziges Indiz: Man duzt sich. Von der Freundschaft zwischen dem vermeintlichen Mörder und Ninas Vater weiß man nichts, man erfährt allerdings, dass dieser, ebenfalls Polizist, Roth verhaftet und den Fall bearbeitet hat. Durch dieses lückenhafte Wissen erhöht sich die Spannung auf dem Dachboden zwischen Nina und Roth. Der Satz: „Denkst du wirklich, ich würde dir wehtun?“ verweist auf die einstige Nähe zwischen den beiden, hindert Werner Roth aber nicht daran, Nina dann doch wehzutun, was nun erneut die Spannung erhöht. Wenig später rettet er sie. Es folgt besagter Blickkontakt, eine Berührung, die emotional ist, den Zuschauer irritiert und Fragen aufwirft. Hätte man von vornherein von der engen Verbindung zwischen den beiden gewusst, wäre dieser magische Moment als Effekt verpufft – und auch die Dachboden-Verfolgung zuvor hätte sicherlich an Spannung verloren. Erst nach dieser Szene wird die Vorgeschichte der Hagens zwischen dem Trio im Plauderton während einer Autofahrt nachgereicht. Eine andere schöne Variante, Vergangenes ins Spiel zu bringen, ist die Erzählung. Das unterscheidet die meisten Krimis, die Holger Karsten Schmidt geschrieben und/oder entwickelt hat, von Ermittler-Krimis. Man umgeht dröge Befragungen, indem man eine – häufig charismatische – Figur sich erinnern lässt. In der aktuellen „Nord bei Nordost“-Episode ist es die weise Sophia, die Nina ein paar Geschichten aus alten Tagen ausplaudert. Auch in solchen Momenten spürt man, dass es in dieser Reihe nicht vornehmlich um kriminalistische Ermittlungsarbeit geht, sondern, indem ein Cold Case mit der Biografie der Heldin kombiniert wird, um große Themen – Liebe, Identität, Loyalität, Familie, Verrat.

Nord bei Nordost – Jagd in die VergangenheitFoto: NDR / Degeto / Frizzi Kurkhaus
Werner Roth (André M. Hennicke) auf der Flucht. Wasser, Landschaft, Stimmungen – auch filmisch ein starker Donnerstagskrimi!

Neben Dichte, Flow und Spannung ist wie in allen Episoden von „Nord bei Nordwest“ auch in „Jagd in die Vergangenheit“ Beziehung ein Zauberwort. In bester Hitchcock-Manier spielt das, was die Hauptfiguren miteinander haben, eine entscheidende Rolle. Während in der Dauerbrenner-Reihe, dessen Titel auf einen Hitchcock-Klassiker anspielt, das Trio aus einem Mann und zwei Frauen ebenso sehnsüchtig wie unerfüllt umeinander herumscharwenzelt, dürfen im „Nord bei Nordost“ gleich zwei Beziehungen sexuell ausgelebt werden: Nina Hagen hat die Qual der Wahl – und sie nimmt beide, Felix, engagiert, klug, hochmoralisch („Nina und ich, wir unterhalten uns auch“), und Tim, physisch, kraftvoll, intuitiv („Wir reden nicht so viel“). Die spannende Frage in dieser Konstellation ist: Wissen die beiden befreundeten Kollegen, was der andere mit Nina treibt, wissen sie es nicht oder ahnen sie es vielleicht? Wie die Dachboden-Szene zeigt, bereichert der Beziehungsaspekt aber häufig auch die klassischen Krimi-Situationen. Ein noch nachhaltigeres Paradigma dafür liefert der Showdown, bei dem die Gefühle, die Nina und Roth füreinander haben, den Spannungsmomenten noch einen emotionalen Zusatz-Booster geben. Die Vorliebe für ein extravagantes Beziehungsmodell kann sich auch in Familiengeschichten einschreiben, wie die weibliche Hauptfigur ausgesprochen überrascht feststellen muss.

Diese „Jagd in die Vergangenheit“ besticht auch filmisch. Das ist nicht anders zu erwarten bei einem dreifach Grimme-Preis-gekrönten Drehbuchautor und einer Regisseurin wie Aelrun Goette („Keine Angst“), die zweimal den begehrtesten deutschen Fernsehpreis erhielt. Stimmungsvoll von ihr und Kameramann Axel Schneppat eingefangen sind die ruhigen, menschenleeren Momente am See, das Bett, malerisch auf der Terrasse von Ninas Häuschen, direkt am Wasser, mal mit dem einen, mal dem anderen Liebhaber. Aber auch Werner Roth zieht es an den See; in einer Bootsgarage findet er ein sicheres Versteck. Solche Situationen des Abtauchens hier oder des Relaxens dort, Momente, in denen nicht viel passiert, diese einfach nur zu zeigen, kann man sich leisten, weil das Drehbuch eine latente Spannung besitzt, die des Krimiplots (ein Mann auf der Flucht) und die des Beziehungsdoppels. Aber diese Bilder haben auch für sich genommen eine schöne, fast dokumentarische Kraft. Hier lebt die Mecklenburgische Seenplatte auf, nicht als touristische Attraktion, sondern als die Heimat der Charaktere.

Nord bei Nordost – Jagd in die VergangenheitFoto: NDR / Degeto / Frizzi Kurkhaus
Tim (David Bredin) nervt, dass Felix (Franz Dinda) hinter Ninas Rücken ermittelt und dann auch noch in ihrer Angelegenheit. Aber vielleicht spielt hier auch die Konkurrenz um Ninas Gunst eine Rolle. Dass beide etwas mit ihr haben, darüber sprechen sie nicht.

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Reihe

ARD Degeto, NDR

Mit Cordelia Wege, David Bredin, Franz Dinda, André M. Hennicke, Mélanie Fouché, Lasse Myhr, Matthias Lier, Heike Hanold-Lynch, Rosa Enskat

Kamera: Axel Schneppat

Szenenbild: Lena Schønemann

Kostüm: Anette Schröder

Schnitt: Simon Blasi

Musik: Daniel Hoffknecht

Redaktion: Niklas Wirth, Christoph Pellander (beide Degeto), Ulrike Toma, Christian Granderath (beide NDR)

Produktionsfirma: triple pictures

Produktion: Joshua Lantow, Seth Hollinderbäumer, Oliver Behrmann

Drehbuch: Holger Karsten Schmidt,

Regie: Aelrun Goette

Quote: 6,10 Mio Zuschauer (23,3% MA)

EA: 31.12.2025 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 08.01.2026 20:15 Uhr | ARD

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