18 Monate ging Denis (Jonas Nay) den Weg des geringsten Widerstands. Weil er eine Sekunde abgelenkt war, fuhr er ein Ehepaar an – die Frau war auf der Stelle tot, der Mann überlebte schwer verletzt. Denis hat seitdem im Stand-by-Modus verbracht. Seinen Beruf als Fotograf hat er aufgegeben, er jobbt herum, wirkt ziellos – und er hat sich seiner Schuld nie gestellt. Als er nach seiner Bewährungsstrafe seinen Führerschein wiederbekommen möchte, macht er sich – gezwungenermaßen – erstmals Gedanken darüber, wie es Alfred Hansen (Joachim Król), dem Unfallopfer, gehen könnte. Alfred, einst Elektriker, hat seinen Platz in einer Mal-Gruppe von Menschen mit geistiger und körperlicher Beeinträchtigung gefunden. Indem Denis ihm eines seiner Bilder abkauft, glaubt er, sich von seiner Schuld freikaufen zu können. Alfred aber, der ein schweres Schädelhirn-Trauma erlitten und an den Unfall keinerlei Erinnerung hat, benötigt Unterstützung anderer Art. Seinen Alltag jenseits der Mal-Gruppe bekommt er allein geregelt, als allerdings sein geliebtes Bild, „Die Frau in Blau“, auf dem er unbewusst seine Frau im Zustand des Todes verewigt hat, bei einer Ausstellung versehentlich verkauft wird, lässt das Bild nicht mehr aus den Augen, nichts kann ihn davon abbringen, vor der Galerie zu übernachten. Denis bleibt nichts anderes übrig, als Alfred beim „Warten“ auf den Käufer des Bildes zu begleiten.
Dem SWR-Fernsehfilm „Die Frau in Blau“ gelingt das seltene Kunststück, mit wenig äußerer Handlung viele wertvolle Geschichten zu erzählen. Es geht um das Abtragen einer Schuld, um das Finden einer neuen Perspektive für ein aus den Fugen geratenes Leben. Für den Weg dorthin bedarf es Empathie. Anfangs wendet sich Denis aus rein pragmatischen Gründen Alfred zu. Je mehr er aber Einblick gewinnt in dessen Leben, je mehr er begreift, was der alte Mann verloren hat und welche Bedeutung heute die Kunst für ihn besitzt, umso besser kann Denis auch seine eigene Rolle finden. Ohne es zu wissen, therapiert sich quasi der junge Mann mit Hilfe seines „Opfers“ selbst. „Du benutzt ihn“, sagt seine Ex-Freundin Luana (Nairi Hadodo) gegen Ende des Films zu Denis, der die Tage mit Alfred immer wieder mit Fotos dokumentiert hat, die er nun in einer Ausstellung öffentlich macht. Es klingt mehr nach einer Feststellung als nach einem Vorwurf. Es geht in Rainer Kaufmanns Film nach dem lebensklugen Drehbuch von Ruth Toma um Wege aus der Deprimiertheit, Wege aus der Lethargie und um kreative Lösungen. Hilfe und Selbsthilfe sind zwei Seiten derselben Medaille. Das narrative Prinzip von „Die Frau in Blau“, die Botschaft, das Miteinander und die Vielfalt des Lebens zu feiern, zielt auch über die Geschichte hinaus in Richtung Zuschauer: Inklusion als Narrativ, verpackt in ein vielschichtiges, bewegendes Drama, das zwischenzeitlich heiter in ein Road- bzw. Street-Movie springt, so kann man sich gesellschaftliche Moral und öffentlich-rechtlichen Auftrag gefallen lassen.
Foto: SWR / Andrea Kueppers
Vor Jahren hätte man eine solche schicksalhafte Geschichte wahrscheinlich über die Angst des Täters erzählt, das Opfer könnte sich irgendwann an den Unfall erinnern. So hält man die Spannung hoch. Und den Moment der Erinnerung hätte man sicherlich dramaturgisch leidlich ausgeschlachtet, bevor es zum Umgang mit der Schuld gekommen wäre und der Gretchenfrage: Wie hält es der Täter mit wahrhaftiger Läuterung und das Opfer mit Vergebung? Auch eine solche Geschichte kann man erzählen, möglicherweise auch richtig gut. Doch Toma, Kaufmann und Produzentin Heike Wiehle-Timm sind bewusst einen anderen Weg gegangen. Reue als Lippenbekenntnis ist nicht genug. Das in Filmen inflationär benutzte „Es tut mir leid“ wird in „Die Frau in Blau“ in Verhalten übersetzt und als filmische Handlung ausgespielt. Denis opfert Energie und Lebenszeit für Alfred. Wie gesagt: für beide eine Win-win-Situation. Im B-Plot dürfen die beliebten vier Worte dann doch noch fallen. Denis hat die Ursache für den Unfall – sogar vor Gericht – nicht genannt. Er saß zwar am Steuer, aber seine Freundin Luana trug durchaus eine Mitschuld. Dem psychischen Druck hielten beide nicht stand, sie trennten sich und der Kontakt zueinander brach völlig ab. Es stellt sich heraus, dass beide sehr unterschiedlich mit der Schuld umgegangen sind: Denis wählte eine passiv-resignative Haltung, während Luana den Schicksalsschlag aktiv und lösungsorientiert verarbeitet hat; sie hat ihren Beruf als Modedesignerin nicht aufgegeben, hat allerdings früh ein Vertrauensverhältnis zu Alfred aufgebaut. Jeder der beiden hat die Reaktion des anderen nach dem Unfall nicht verstehen können. Heute tut es ihnen leid, auch, weil sie das Gute erkennen, das der andere getan hat: dass Luana sich um Alfred gekümmert und dass Denis seine Freundin geschützt und nicht in den Prozess hineingezogen hat. Der andere Umgang mit der Schuld beschäftigt die beiden aber noch immer. Beispielsweise sagt Luana: „Du glaubst, du bist besser als ich, weil es dir schlechter geht.“ Wenigstens über ihre Gefühle können sie jetzt wieder miteinander reden.
Aus der angenehm überschaubaren, mit leichter Hand inszenierten Handlungsfolge, bei der vor allem der fein akzentuierte Score auffällt, der mal der Vielschichtigkeit der Gefühle Ausdruck verleiht, mal mit rhythmischem Klatschen dem Geschehen einen lockeren Drive verleiht, sticht eine Vielzahl an Situationen hervor, zugleich sind es dramaturgische Schlüsselmomente. Der schwer verletzte Ehemann, wie er seiner Frau an ihre leblosen Hände fasst, ein Bild der Liebe und der Verzweiflung. So wie die Frau den Tod findet, so hat er sie später auf „Die Frau in Blau“ gemalt, obwohl es für den Alfred nach dem Unfall diese Frau nie gegeben hat. Im Weiher an der Boots-Bar, in der Denis arbeitet, ist Alfred wie besessen von dem, was er da unter Wasser zu sehen glaubt. Sieht er da seine tote Frau, von der sein Bewusstsein keine Ahnung hat? Auf jeden Fall aber sieht er das geliebte Gemälde. Einen Zusammenhang zwischen beiden Bildern aber kann er offensichtlich nicht herstellen, was ihn unruhig macht. Später lässt er sich ins Wasser fallen, weil er annimmt, „Die Frau in Blau“ befinde sich eben dort – und nicht in der Ausstellung. Interessant, wie Toma und Kaufmann die liebenswerte Beharrlichkeit dieses Sturkopfs mit dem gängigen Bild von Obdachlosigkeit verbinden. Sehenswert ist auch während der versuchten Bildrückholaktion der Ausflug an den Rhein. Während Luana schläft und Denis eine Sandburg(!) baut (und damit womöglich seiner alten Liebe nachtrauert), macht sich Alfred auf zum Bilderklau. Mit ihm im Schlepptau wird später die Liste von Denis‘ Vergehen immer länger – sogar eine (beschauliche) Verfolgungsjagd darf nicht fehlen. Eine schöne Idee ist es auch, den völlig apathischen Alfred mit Hilfe eines Kaleidoskops wieder zum Malen (seiner Frau) zu verführen. Ein Versuch ist es wert. Ein Pluspunkt für den jungen Mann, ein Pluspunkt aber auch fürs Drehbuch: Denn am Ende ist es Alfred selbst, der sich aus seiner schweren Depression befreit. Die selbstbestimmte Lösung ist immer die bessere. Und eine Kommunikation, bei der alle (drei) gewinnen, ist nicht nur in Filmen absolut die beste Option.
Foto: SWR / Andrea Kueppers

