Kein guter Tag für Maximilian Dobek (Manuel Cortez): Der Chefkoch eines Münchner Möchtegern-Sternelokals wird zunächst gedemütigt von einem unzufriedenen Mittagsgast, woraufhin ihm vom Geschäftsführer (Lukas Turtur) gekündigt wird. Der blasierte Herr, Lukas Benedikt (Thomas Loibl), seines Zeichens Staatsanwalt, bekommt zwar für die Kritik an Dobeks Kochkünsten von ihm kräftig eins aufs Auge, doch auch dem wird in der folgenden Nacht mächtig einer eingeschenkt: Ein Riesenhämatom prangt an des Kochs Schläfe und – wie gesagt, kein guter Tag – Dobek ist tot. Für Oliver Gerg (Shenja Lacher), einen Kollegen des Toten, bleibt es nicht bei einem schlechten Tag. Der Koch wird zwar zum Chefkoch befördert, fühlt sich aber alsbald als Hauptverdächtiger – mal wieder, denn schon einmal legte sich die Staatsanwaltschaft auf ihn fest, und das Gericht verurteilte ihn wegen Totschlags, obwohl es keine handfesten Beweise gab und Gerg bis heute die Tat abstreitet. Bei den Ermittlungen wäre also Fingerspitzengefühl angebracht. Doch Flierl (Bernadette Heerwagen), Neuhauser (Marcus Mittermeier) und Schaller (Alexander Held) sitzt der Staatsanwalt im Nacken, ausgerechnet der, dem Dobek ein Veilchen verpasst hat. Selbst Zangel (Christian Süß), der gewohnheitsmäßige Obertriezer des Trios, wundert sich über die rüde Art, mit der sich Benedikt in den Fall einmischt.
Foto: ZDF / Jürgen Olczyk
„Im Zweifel für den Zweifel“ – der Titel deutet es an: In der 22. Episode der beliebten ZDF-Krimi-Reihe wird das Rechtssystem ins Visier genommen. Diesmal darf Neuhauser das Geleitwort zum Film geben. Das passt zur Figur. Während Flierl in ihren Prologen eher weiblich subjektiv sinniert, Schaller oft freigeistig philosophiert, ist Neuhauser der am „normalsten“ Denkende dieses etwas anderen Ermittlerkrimi-Trios. Es geht um das Recht auf die Unschuldsvermutung, mit dem offensichtlich der Staatsanwalt in dieser Episode ein Problem hat. Und mehr noch: Flierl und Neuhauser nehmen sich Gergs ersten Totschlag-Fall noch einmal vor; das Ergebnis ist niederschmetternd, kein Ruhmesblatt für die bayerische Justiz. „Das darf’s doch gar nicht geben bei uns“, reagiert Flierl untröstlich auf die fehlerhafte Ermittlungsarbeit, den Schulterschluss zwischen Staatsanwaltschaft und Gericht sowie die Verurteilung zu sechs Jahren und fünf Monaten. Die Kommissarin verliert darüber diesmal völlig ihre eigenen Befindlichkeiten aus den Augen. Das, worum es geht in dieser Geschichte ist zu ernst, zu politisch und die Krimi-Konstruktion zu dicht, um den üblichen Ego-Manien der Ermittelnden übermäßig Raum geben zu können bzw. zu müssen. Bestärkt wird dieser Eindruck durch die Tatsache, dass der B-Plot auf Motiven eines bayerischen Justizirrtums, des sogenannten „Badewannenmörder“-Falls, basiert, der aufgrund neuer biomechanischer Gutachten wiederaufgenommen werden konnte. Flierl ermittelt in dieser Sache im Off, um schließlich den Kollegen den „Badewannenmord“ mit einer köstlich komödiantischen Aufführung im Büro als Unfall darzulegen. Der aktuelle Fall bleibt indes länger noch ein Rätsel. Der Tote hatte zum nächtlichen Absacker in der Stammkneipe der Küchenkollegen geladen: Oliver Gerg, Tim (Julius Feldmeier) und Sandra (Pauline Fusban). Zur Verabredung gekommen sei offenbar nur die Frau. Und vom Totschlag vor dem Lokal wollen weder der Wirt (Nico Rogner) noch eine Kellnerin (Miriam Ohlmeyer) etwas mitbekommen haben.
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Wer „München Mord“ mag, findet immer etwas, was diese Samstagskrimi-Reihe von anderen unterscheidet. Bei „Im Zweifel für den Zweifel“ sind das allerdings nicht nur die kleinen, feinen Besonderheiten, die die Reihe auszeichnen, die Interaktions- und Beziehungsarithmetik oder die launigen Dialoge und spleenigen Einlagen; diesmal ist vor allem die Anlage der Geschichte eine Klasse besser. Es scheint, als ob sich Ina Jung & Friedrich Ani nach fast vier Jahren Pause mit großer Lust an ihr achtes gemeinsames Drehbuch zur Reihe gemacht haben. Und Qualität verpflichtet, zieht Qualität nach sich. Anno Saul nahm zum fünften Mal auf dem Regiestuhl Platz, Nathalie Wiedemann stand neunmal hinter der Kamera, und Michael Björn Köning ist durchgängig seit 2016 fürs Szenenbild der Reihe zuständig. Diese Gewerke haben diesmal besonders gute Arbeit geleistet. Die Charaktere kriegen was aufs Auge, die Zuschauer:innen fürs Auge. Das liegt auch an der Auswahl der vorzüglichen Locations. Das Nobel-Restaurant ist architektonisch und lichttechnisch ein perfekter Schauplatz, der abwechslungsreiche Perspektiven bietet. Eine Befragung zwischen brodelnden Töpfen und heißen Platten besitzt auch ihren Reiz. Ja, gelegentlich lässt sogar die fulminante US-Serien-Perle „The Bear – King of the Kitchen“ sinnlich grüßen. Wenn man schon die Delikatessen nicht probieren kann, so bietet das Plating doch zumindest Augenfutter. Als gelungener Kontrast erweist sich die „Roland‘s Klause“ (mit Deppen-Apostroph), wo sich das Küchenpersonal nach der Arbeit erholt: Ecken, Nischen, Balken – tolle Möglichkeiten für eine reizvolle Bild-Cadrierung; cool auch der Anblick von außen. Und auch der zufällige Wintereinbruch am Tatort macht sich gut und wird stimmungsvoll eingefangen. Gleiches gilt für den Schallplattenladen von Sascha (Adrian Topol), Gergs sensiblem Ex-Lebenspartner und Alibi-Geber. Und bei der Treppenhaus-Totale des Justizgebäudes, das als Sinnbild taugt, will man nichts als Standbild rufen.
Ausgesprochen stimmig ist auch die Besetzung der Episodenrollen. Shenja Lacher darf endlich mal wieder etwas spielen, das seinen Fähigkeiten entspricht. Thomas Loibl überzeugt wie immer – auch als autoritärer Kotzbrocken, der Neuhauser mit dem Karriereende droht. Auch das Casting der Nebenfiguren, von denen jede in den Fall involviert ist und mit anderen in Beziehung steht, passt bis in die kleinste Rolle. Hervorzuheben ist Adrian Topol, sein leises Spiel, besonders in einer Szene mit Alexander Held, in der seine Figur Gergs Vorgeschichte nachhaltig interpretiert und für den Freund Partei ergreift. Das Besondere an der Figurenkonstellation: Es gibt keinen in dieser Geschichte, der nur Funktion für den Krimi-Plot wäre. Selbst der Kneipenwirt oder der Geschäftsführer des Edelrestaurants sind mehr als Stichwortgeber. Und die Kommissare? Die haben so viel zu tun, dass sie oft gar nicht wissen, wo ihnen der Kopf steht. Da verwechselt Flierl schon mal bi und non-binär, wird aber sofort vom Kollegen korrigiert. Und mit den Namen haben sie auch so ihre Schwierigkeiten: Aus Milena wird „Melanie“, aus Dobek wird „Koch“, aus Jäckel wird „Säckel“ und aus Lukas Benedikt wird „Herr Lukas“, der das mit „Herr Hauser“ aggressiv in Richtung Oberkommissar kontert. Diese verbalen Ausrutscher werden locker und beiläufig eingestreut, wirken nie aufgesetzt, sorgen vielmehr für den verspielten Grundton der Reihe, der sich trotz des nachdenklicher als gewohnt stimmenden Mottos angenehm durch die neunzig Minuten zieht. Einziger Wermutstropfen dieser besten „München Mord“-Episode seit Jahren: Kabarettist Christoph Süß als Zangel, von Beginn an dabei, zwar nur am Rande, aber mit seiner satirischen Zeichnung eines Vorgesetzten stets Quell der Belustigung, steigt aus der Reihe aus.
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