Wie sonst wohl nur noch Loriot oder die WDR-Serie „Ein Herz und eine Seele“ (im Volksmund „Ekel Alfred“) steht „Dinner for One“ für das Fernsehen der alten BRD. Bis heute gehört der kurzweilige Sketch aus dem Jahr 1963 in vielen Familien zur Silvestertradition: Wie in vielen Jahren zuvor hat die hochbetagte Miss Sophie – der vollständige Titel lautet „Der 90. Geburtstag oder Dinner for One“ – ihre Verehrer Sir Toby, Admiral von Schneider, Mr. Pommeroy und Mr. Winterbottom zum festlichen Abendessen eingeladen. Da die Herren jedoch bereits vor geraumer Zeit verstorben sind, muss Butler James vor jedem Gang reihum die Gläser leeren. Hundert Jahre nach der mutmaßlichen Entstehung des Stücks erzählt Amazon nun die Vorgeschichte: Wer sind die vier eigentlich, und wie kam es, dass sie einst um Miss Sophies Gunst wetteiferten? Tatsächlich würde „Miss Sophie – Same Procedure as Every Year“ – der Titelzusatz bezieht sich auf den Running Gag des Sketchs, den James vor jedem Trinkspruch als Frage formuliert – auch ohne den Bezug zum Silvesterklassiker funktionieren. Selbst der Tigerkopf, über den James ständig stolpert, ist in der sechsteiligen Serie nur ein nebensächliches Accessoire.
Foto: Amazon Prime / Gordon Muehle
Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lädt eine nach dem Tod der Eltern verarmte und von der Pfändung ihres Schlosses bedrohte junge englische Adelige fünf finanzkräftige Heiratskandidaten auf ihren Landsitz ein. Der Wettbewerb um die Hand der reizenden Hausherrin (Alicia von Rittberg) entwickelt jedoch eine unerwartete und mitunter gar fatale Eigendynamik. Die ganze Liebesmüh’ ist ohnehin vergebens. Sophies Herz ist seit vielen Jahren an den Butler-Sohn James (Kostja Ullmann) vergeben, doch diese schicksalhafte Liebe steht unter keinem guten Stern, wie der Prolog verrät: Die beiden sind gemeinsam aufgewachsen. Silvester 1911, am Tag von Sophies Volljährigkeit, erleben sie endlich ihre erste gemeinsame Nacht, aber das Glück ist nur von kurzer Dauer: Aus Sicht ihres Vaters (Max von Pufendorf) ist die Liaison selbstredend nicht standesgemäß. Da keinerlei Hoffnung auf Einsicht besteht, heckt er eine Lüge aus, die James dazu veranlasst, das Schloss noch in derselben Nacht fluchtartig zu verlassen.
Was nun folgt, ist eine Abfolge origineller und teilweise überaus amüsanter Begebenheiten, die ein beeindruckendes komödiantisches Spektrum abdecken: mit Zoten, Kalauern und Slapstick, aber auch mit feiner Ironie und liebevoll formulierten Dialogen. Manches hätte sich auch kürzer fassen lassen; ein Ausflug nach Ascot zum Beispiel dient offenkundig nur dem Zweck, ein wenig Dynamik in die Handlung zu bringen. Dass Chefautor Tommy Wosch die Geschichte von einer Zofe erzählen lässt, ist ohnehin weitgehend überflüssig. Die teilweise enorm aufwändig produzierte Serie – allein bei einem Ball im Schloss des Königs waren zweihundert Komparsen im Kostüm zugegen – lebt vor allem von der Spielfreude der zentralen Mitwirkenden, die zum Teil auf einem schmalen Grat zwischen Comedy und Klamauk balancieren. Für Alicia von Rittberg gilt das ausdrücklich nicht. Sie verkörpert Sophie als moderne Frau mit ansteckend guter Laune und lässt nie auch nur den Hauch eines Zweifels daran aufkommen, warum ihr die Männer zu Füßen liegen: Mr. Pommeroy (Moritz Bleibtreu) ist Erbe einer Champagner-Dynastie, Mr. Winterbottom (Frederick Lau) verdankt sein Vermögen dem Handel mit Immobilien, Sir Toby (Jacob Matschenz) ist ein amerikanischer Ölmagnat, der deutsche Admiral von Schneider (Christoph Schechinger) stammt aus einer wohlhabenden Familie. Neu im Reigen ist ein schwermütiger Ungar (Vladimir Korneev). Sophie lässt die Männer um den Platz an ihrer Seite wetteifern. Als ein Teilnehmer auf der Strecke bleibt, wandelt sich die Handlung vorübergehend zum Krimi. Zwischendurch steht regelmäßig ein wild zur Pfändung entschlossener Banker (Michael Kessler) vor der Tür, um Sophie an ihren beträchtlichen Schuldenberg zu erinnern. Der zurückgekehrte James, nach seiner Flucht zum Chefbutler des Königs avanciert, macht gute Miene zum bösen Spiel, weil er dies seinem Vater versprochen hat: Mortimer (Ulrich Noethen) hat ihn auf dem Sterbebett gebeten, sein Glück dem von Sophie unterzuordnen.
Foto: Amazon Prime / Gordon Muehle
Soundtrack: Suki Waterhouse („My Fun“), A Fine Frenzy („Almost Lover“), Rosé & Bruno Mars („APT“), Cat Stevens („Take The World Apart“), The Cure („Boys Don’t Cry“)
Neben den vordergründigen Heiterkeiten liegt der Reiz der Handlung nicht zuletzt in der Doppelbödigkeit nahezu aller Wettbewerber: Jeder hütet ein mehr oder minder düsteres Geheimnis. Einige sind vergleichsweise harmlos, andere haben das Potenzial für echtes Ungemach, wie sich sehr viel später zeigt. Neben der zentralen Erzählung erfreuen Wosch (auch Produktion) und Koautor Dominik Moser – die beiden waren schon bei Woschs formidabler RTL-Serie „Faking Hitler“ (2021) ein kongeniales Team – durch eine Vielzahl origineller Einfälle, darunter ein angeblich prophetisch begabter gallischer Gockel namens MacGuffin, die im Grunde nicht wichtig sind, aber viel zur Witzigkeit beitragen. Einige dieser oft nur kurzen Nebenebenen sind recht frivol, aber selbst in diesen Szenen bewahrt sich die Serie auch dank der Regie (Markus Sehr, Daniel Rakete Siegel) ihr Niveau; das gilt für die Schlüpfrigkeiten beim Ball des Königs (Wotan Wilke Möhring) ebenso wie für eine Folge, in der Sophie und ihre Gäste einen auf recht unappetitliche Weise zustande gekommen halluzinogen Trank zu sich nehmen. Gegen Ende wird die Komödie beinahe zur Tragödie; der versöhnliche Schluss ist umso schöner.

