Nadira Abazah (Sabrina Amali) lässt sich ungern vor versammelter Mannschaft loben. Typen wie Ali Sakka (Kida Khoda Ramadan) festzusetzen, ist nun mal ihr Job. Unabhängig von Herkunft oder Glauben. Und natürlich erntet ihr Erfolg auch Neider. Wenn ein Jude und eine Araberin gemeinsam einen Verbrecher festsetzen, könnten sie demnächst ja auch den Nahostkonflikt lösen. „An erster Stelle sind wir beide deutsche Staatsbürger“, kontert Abazahs Mentor, Oberstaatsanwalt Frank Leuw (Dani Levy) die Bemerkung von Kollegin Hauser (Anja Schneider). Freundlich, aber bestimmt.
Stunden zuvor hat sich Leuw dem jungen Rabbi Samuel Rivkin (Garry Fischmann) anvertraut. Sein Bauchgefühl sage ihm, er werde verfolgt. Allein steht der Jurist danach im Innenhof der Moschee. Die Kamera schwebt langsam nach oben davon. Das tut sie häufig, wenn etwas in der Schwebe liegt: ein Stück gen Himmel oder von oben auf die Szene herunterfahren. Hier verabschiedet sich die Kameradrohne von einer sympathisch angelegten Figur, die Dani Levy gelungen und feinfühlig zeichnet.
Foto: Degeto / Hardy Spitz / Jörg Widmer
Rabbi Rivkin dagegen bleibt undurchsichtig. Parallel zu den Ermittlungen der Polizei geht er nach dem Mord verschiedenen Spuren nach, stößt auf Verdächtige und bringt sich in Gefahr. In der ersten Hälfte ist „Schattenmord – Unter Feinden“ mehr an Rivkins Seite als im Kommissariat. Erst die Spur zu einer rechten Stiftung führt offizielle und private Ermittlungen zusammen. Mit Kollege Stoibel (Nikolaus Sternfeld) und IT-Expertin Olivia (Lena Entezami) hat Kommissarin Abazah herausgefunden, dass Sakkas Rachepläne als falsche Fährte benutzt wurden. Alle Spuren deuten jetzt auf einen rassistischen Tat-Hintergrund – und führen in die eigenen Reihen.
Versteckter oder offener Rassismus und die Reaktionen der Betroffenen spiegelt der Film aus verschiedenen Perspektiven. Als Rivkin und seine Frau Hannah (Morgane Ferru) über die Gefahr eines Lebens in Deutschland diskutieren, fragt er sie, wohin sie denn gehen wolle. „Nach Israel?“ Neben dieser starken Szene wirken andere Dialoge etwas zu steif. So, wenn das Ehepaar Rivkin die Trauerrede für Leuw verfasst oder Rivkin mit dessen Witwe trauert. Das Pendant zu intimen Momenten, die zu „gespielt“ wirken, sind Außenaufnahmen, die so perfekt arrangiert sind, dass sie das Leben dabei aus dem (Kamera-)Auge verlieren. In der Hochhaussiedlung prangen Graffitis auf einer putzsauberen, orangen leuchtenden Wand. Die nächtliche Gasse, in der Kommissarin Abazah in Gefahr gerät, gleicht einer leergefegten Kulisse. Dass die Welt sich weiterdreht, suggerieren nur zwischengeschnittene Aufsichten auf befahrene Großstadtstraßen. Lichtlinien auf nächtlichem Asphalt, aber keine Klammer.
Leuw war einem rechten Netzwerk auf der Spur. Die Suche nach seinem Mörder führt zu Nazis, die natürlich behaupten, keine zu sein. Überdeutlich führt Regisseur Damir Lukačević das an Abazahs Gang durchs Büro vor. Teilweise in Zeitlupe gedreht, mit Blickachsen und Schärfe spielend wird dieser Weg auf Basis der neuen Ermittlungsergebnisse zu einem Gang „Unter Feinden“. Spätestens jetzt weiß auch der Krimi-Laie, wo er suchen muss. Nach dem letzten großen Dreh im Kreis der Verdächtigen wandeln sich versteckte Symbole in offenen Hass. Vorhersehbar auch, dass sich Kommissarin Abazah im Finale bei Rivkin für dessen vorherige Rettungsaktion für sie revanchieren kann. Am Ende stehen die beiden auf dem Dach des Kommissariats und beschließen den Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Das löst nicht den Nahostkonflikt, wäre aber serienreif.

Nach Ansicht des Krimidramas mit dem Arbeitstitel „Der Polizeiseelsorger“ bleibt das Gefühl, zwei Filme gesehen zu haben. Der eine wirft einen differenzierten Blick auf aktuelle Lebenswirklichkeiten. Autorin Raquel Stern („Made in Germany“) hat genau hingesehen und eine griffige Vorlage geliefert. Schwierig wird es, wo das Gebot des Genres der Komplexität Grenzen setzt. Da muss dann doch mal die Deutschlandfahne im Wohnzimmerregal reichen, um einen Charakter zu zeichnen. Unter diesen Umständen dann lieber doch keine Reihe. Es wäre nur eine unter zu vielen.


2 Antworten
Ungewöhnlich und vermutlich gut gemeint, aber zugleich zu lehrbuchmäßig und zu klischeeüberladener Clash of Cultures.
Oder, wie Herr Merz und die AfD das vermutlich definieren, passt nicht ins „deutsche“ Stadtbild und das ist genau das Problem. (in der tatsächlichen Realität.) Nämlich, dass die Wenigsten weder tatsächlich wissen noch wissen wollen, was um sie herum sonst noch alles tatsächlich – abseits des normierten Ballermann und Lederhosen Mainstreams – passiert.
Frau Amali ist hier eher völlig überqualifiziert, ihre Präsenz vermag zwar alleine einen ganzen Raum zu füllen, allerdings fehlt ihr hier ein gleichwertiger Gegenspieler, während Herr Fischmann sowohl als Rabbi als auch als Mensch und Darsteller für mich völlig uncharismatisch und unglaubwürdig rüberkommt.
Irgendwie zu viel Chaos – auch innerhalb von Polizei und Staatsanwaltschaft – auf einmal, außerhalb sowieso, aber alles zusammen für einen einzigen Film auch viel zu viel, kann also gar nicht funtionieren, erst recht nicht, wenn der Großteil der Darsteller bestenfalls Zweitbesetzungslevel sind, während die Dialoge ebenso wie Kamera und Regie auch kaum zu überzeugen vermögen.
Inhaltlich besser als nichts, aber irgendwie auch nicht wirklich gut genug, um überzeugend zu sein.
Wie toll Jude und Muslimin lösen gemeinsam einen Fall. Erziehungsfilm zum Thema „Wir haben uns alle lieb“.