Strömender Regen, Dunkelheit, aus dem Off die Stimme von Frank Sinatra – die Einleitung des Rostocker „Polizeirufs“ weckt eine melancholische Stimmung, die ins Tragische kippt. Denn am Ende der Nacht hat sich die 18-jährige Lara (Samara Fry) eine Kugel in den Kopf geschossen und zuvor dem vergeblich zur Hilfe geeilten Volker Thiesler (Josef Heynert) die Hüfte zertrümmert. Zuvor wurden die einzelnen Handlungsstränge des fünfköpfigen Ermittlerteams angerissen, aber auch die Musik legt eine erste Spur: Der von Sinatra gecoverte Song „It Was A Very Good Year“ (1965) handelt von Liebesbeziehungen in verschiedenen Lebensabschnitten, und um das Lebensgefühl verschiedener Generationen geht es auch in „Tu es!“. Einschließlich zweier Wutreden, der gepfefferten Video-Anklage des 23-jährigen Leon (Karl Seibt) gegen die Boomer und des deprimierenden „Ich scheiß‘ auf alles“-Resümees des Lehrers Felix Lange (Sebastian Jakob Doppelbauer). Der erlebt seinen persönlichen Kipppunkt, als ihn die Mutter eines Schülers auf der Straße verbal herabwürdigt. Sie habe genug von „Vollidioten, die als Lehrer getarnt das Leben von hart arbeitenden Familien zur Hölle machen“. Lange hatte die Unverschämtheit besessen, ihren mal wieder in eine Prügelei verwickelten Sohn nach Hause zu schicken.
Foto: NDR / Hanno Lentz
Der Generationenkonflikt wird hier ziemlich plakativ zugespitzt, umso differenzierter und eindringlicher inszeniert der junge Rostocker Regisseur Max Gleschinski jedoch das emotionale Auf und Ab der Figuren. Gleschinski und Kameramann Hanno Lentz vertrauen häufiger als in konventionellen Krimis auf die Kraft der Bilder, auf visuell und musikalisch (Bert Wrede) transportierte Atmosphäre und Spannung sowie auf die Darstellungskunst des Ensembles. Überragend Lina Beckmann als emotional besonders geforderte Kommissarin Melly Böwe, deren Tochter Rose bei einer Vergewaltigung gezeugt wurde – was bereits in der letzten Folge „Böse geboren“ zur Sprache gekommen war. Rose hatte den Kontakt zur Mutter abgebrochen, weil die ihr den Namen des Vaters nicht verraten wollte. Nun stellt sich heraus, dass Melly Böwe selbst nicht weiß, wer der Vergewaltiger war – aber ihr Chef Henning Röder (Uwe Preuss) die Möglichkeit hat, den Namen herauszufinden. Aus dem Mutter-Tochter-Konflikt wird ein Handlungsstrang, den Drehbuch-Autor Florian Oeller geschickt mit dem Kriminalfall verbindet.
Foto: NDR / Boris Laewen
Kripochef Röder wird also mal wieder stärker ins Geschehen miteinbezogen, und zwischen Böwe und Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) entwickelt sich in der sechsten gemeinsamen Ermittlung eine deutlich engere Bindung als zuvor. König wirkt entspannter, denn sie fasst langsam Vertrauen zu ihrem in der Folge „Nur Gespenster“ plötzlich aufgetauchten Vater (Wolfgang Michael). Am Ende zeigt sich dann, dass Böwe und König sich aufeinander verlassen können. Es ist wie so oft in Krimis: Das Ermittlerteam muss, während „die ganze Welt ins Wanken“ gerät, wie es in einem an die Wand gepinnten Zitat aus Jonathan Littells Tatsachenroman „Die Wohlgesinnten“ heißt, für etwas emotionale Stabilität sorgen. Der angeschossene Thiesler bleibt dagegen im Krankenhaus einsam leidend vorerst auf dem Abstellgleis, während sich Kommissar Anton Pöschel (Andreas Guenther) mit einer Frau im Bett vergnügt. Dass Pöschel seine neue Freundin, offenbar eine Prostituierte, aus dem Milieu retten will, könnte auch als Zitat von Martin Scorseses „Taxi Driver“ gedacht sein. Aber natürlich macht nicht Pöschel den Travis Bickle.
Neben der in Rostock üblichen horizontalen Erzählweise mit fortlaufenden Geschichten fordert Autor Oeller (Grimme-Preisträger für den Rostocker „Polizeiruf 110 – Sabine“) das Publikum in „Tu es!“ mit einer verwickelten Story und zahlreichen Nebenfiguren heraus. Vier Wochen nach Laras Suizid tötet sich auch der junge Elektrotechniker Leon selbst, ersticht zuvor aber noch Mona Färber (Nora Moltzen), die zufällig mit ihm in derselben Straßenbahn saß. Leon hatte von Lange per SMS die Anweisung „Tu es!“ erhalten. Zudem war der Pädagoge eine Weile Moderator in dem Internetforum „Hoffnung“, das sich an Jugendliche mit persönlichen Krisen richtet und in dem auch Lara angemeldet war. Böwe und König glauben: Lange versucht, verborgen hinter dem Pseudonym „Wintersonne“, seelisch angeschlagene Jugendliche in den Selbstmord zu treiben. Autor Oeller konstruiert einen wendungsreichen Plot, bezieht auch Laras Vater (Jochen Fahr), Mona Färbers Witwer (Jan-Peter Kampwirth) und Langes demente Mutter (Cornelia Lippert) mit ein. Doch im Zentrum steht die tragische Figur des engagierten, aber scheiternden Lehrers, spannend und doppelbödig gespielt von Sebastian Jakob Doppelbauer. Lange schreibt „Zusammenhalt“ groß an die Tafel, wirkt aber eher selbst wie ein isolierter, zunehmend angespannter Einzelkämpfer. Nach Amy Macdonald („This Is The Life“) und Paul Anka („Put Your Head On My Shoulders“) wird Frank Sinatra noch ein zweites Mal bemüht: Der Song „That’s Life“ kommentiert auf allerdings makabre Weise den Beginn eines hoch spannenden Finales, in dem – typisch für Rostock – lose Fäden für eine Fortsetzung gelegt werden.
Foto: NDR / Boris Laewen

