Nord bei Nordwest – Das dritte Grab

Schönemann, Klinge, Lohse, Klawitter, Niels Hille, Greta Benkelmann. Lebendig begraben

24.08.2026 10:00 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
27.08.2026 20:15 ARD TV-Premiere
27.08.2026 23:59 ARD
Foto: NDR / Gordon Timpen
Foto Rainer Tittelbach

„Nord bei Nordwest“ (NDR / triple pictures) feiert Jubiläum: „Das dritte Grab“ ist die 30. Episode der erfolgreichsten ARD-Donnerstagskrimi-Reihe. Das neckische (hetero)sexuelle Interesse des charmanten Trios ist diesmal gleich zu Beginn Quelle komödiantischer Heiterkeit. Dann wird es makaber, und man könnte einmal mehr Angst kriegen, dass Schwanitz ausstirbt. Vier/fünf Leichen sind es diesmal, teilweise in Gräbern verbuddelt. Und das Dorf dezimiert sich aus eigener Kraft. Wie bei den meisten seiner Geschichten setzt Autor Niels Holle auch bei dieser morbiden Rachegeschichte auf eine launige Mixtur aus schwarzem Humor und skurrilen Figuren. Den Vogel schießt ein hysterisch linkischer Friedhofsverwalter ab, gespielt von Arnd Klawitter, dem der Angstschweiß auf der Stirn steht; William H. Macy aus „Fargo“ lässt grüßen.

Ein Schrecken in der Morgenstunde. „Mörder“ steht auf dem Kreuz, das in ein frisch zugeschüttetes Grab gerammt wurde. Ausgerechnet der zartbesaitete Mehmet Ösker (Cem Ali Gültekin), frisch gebackener Friedhofsgärtner im Zweitjob, entdeckt diese mysteriöse Tat. Und schlimmer noch: In einem grob zusammengezimmerten Sarg liegt ein Toter; offensichtlich wurde der Mann lebendig begraben. Ein sehr merkwürdiger Fall, der Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann) und Hannah Wagner (Jana Klinge) lange im Dunkeln tappen lässt. War jener Olaf Dannenberg tatsächlich ein Mörder? Der Friedhofsverwalter Dirk Eilers (Arnd Klawitter) kann da nur widersprechen. Die beiden waren seit Jahren gut befreundet. Andererseits weiß Eilers etwas, was ihn zunehmend in Panik versetzt. Er, Brigitte Grimm (Oda Thormeyer) und Dannenberg haben sich offenbar vor Jahren etwas zu Schulden kommen lassen, was ihnen nun das Leben kosten könnte. Eilers benimmt sich immer merkwürdiger, der Angstschweiß steht ihm auf der Stirn, als er am nächsten Morgen auf dem Friedhof steht: das gleiche Bild wie am Morgen zuvor, ein zweites Opfer, grausam erstickt. Ob mögliches Opfer oder Täter in der Vergangenheit – eine Überwachung des seltsamen Friedhofsverwalters bietet sich auf jeden Fall an. Sonderbar, dass ausgerechnet jetzt ein Ex-Kollege von Lona Vogts, Lorenz Hummel (Christian Beermann), in Schwanitz auftaucht. Und was hatten er, Eilers, die zwei Toten, die Apfelbäuerin Ulrike Seewald (Dagmar Leesch) und ihr Sohn Malte (Jonathan Stolze) mit dem Verschwinden von Martin Kappes vor 21 Jahren zu tun?

Nord bei Nordwest – Das dritte GrabFoto: NDR / Gordon Timpen
Angstschweiß auf der Stirn. Welche Schuld trägt der Friedhofsverwalter Dirk Eilers (Arnd Klawitter) seit Jahren mit sich herum?

„Nord bei Nordwest“ feiert Jubiläum: „Das dritte Grab“ ist die 30. Episode, und für Niels Holle ist es das zwölfte Drehbuch (zwei weitere sind bereits abgeschlossen) zur erfolgreichsten ARD-Donnerstagskrimi-Reihe; deren Erfinder Holger Karsten Schmidt macht sich langsam etwas rarer. An der Qualität der Filme hat das kaum etwas geändert. Das neckische, mal mehr, mal weniger explizite (hetero)sexuelle Interesse des charmanten Trios ist immer wieder Quelle komödiantischer Heiterkeit – und erinnert an keinen Geringeren als Alfred Hitchcock, in dessen besten Filmen Suspense und erotische Beziehung untrennbar miteinander verbunden waren. Der Reihentitel „Nord bei Nordwest“ ist kein Zufall; einer von Hitchcocks Thriller-Klassikern, „Der unsichtbare Dritte“, hieß bekanntlich im Original „North by Northwest“. Nachdem Jacobs in „Die letzte Fähre“ mit Jule Christiansen (Marleen Lohse) die Nacht verbrachte, ist diesmal die Kollegin Hannah Wagner dran, die Hitchcocks bigger-than-life-Prinzip „außen Eis, innen heiß“ auf TV-Realismus-Verhältnisse herunterbricht. Gleich in der Eingangsszene überrascht man die beiden in einer eindeutigen Situation. Die Polizistin hat ihre Strenge an der Bettkante abgegeben. Allerdings, man ahnt es sofort, handelt es sich wie beim leidenschaftlichen Schäferstündchen mit Jule um einen Traum. Das Unterbewusstsein spielt den beiden einen Streich. Mehrfach kreisen deren reale Gespräche darum, wie schlecht sie die letzten Nächte geschlafen haben. Hübsch auch, dass Hauke Jacobs von der anderen Frau, die er begehrt, geweckt wird. Und Jule ist ganz entzückt: „Sie haben ganz süß und lieb gelächelt“. Auf der Zielgeraden wird die Eingangsszene wiederaufgenommen: Jetzt liegen beide Frauen neben Jacobs. Doch dem Hahn im Korb ist das süße Lächeln vergangen.

Nord bei Nordwest – Das dritte GrabFoto: NDR / Gordon Timpen
Es wird eng für Hauke Jacobs (Hinnerk Schönemann). Ist er in Lebensgefahr oder rekonstruiert er etwas für seine Ermittlungen?

Man konnte immer schon Angst haben, dass Schwanitz ausstirbt. Bei der Mordrate! Auch „Das dritte Grab“ bringt es auf vier beziehungsweise fünf Leichen. Dabei ist nicht mal einer jener externen Profikiller unterwegs. Das Dorf dezimiert sich aus eigener Kraft. Dem hysterisch linkischen Friedhofsverwalter, bei dessen Verkörperung Arnd Klawitter die Figur von William H. Macy aus „Fargo“ vorschwebte, ist eigentlich kein Gewaltverbrechen zuzutrauen. Weder vor 21 Jahren, noch heute. Doch die Angst macht diesen konfliktscheuen, schnell überforderten, sich schuldig fühlenden Mann unberechenbar. Und so kann das potenzielle Opfer möglicherweise selbst zum Täter werden. Wendungen dieser Art sind typisch für „Nord bei Nordwest“. Da sie immer der Veränderung der Konfliktsituation geschuldet sind und zumeist auch aus der Psyche der Charaktere entstehen, werden sie vom Zuschauer nur selten als bloßer dramaturgischer Trick empfunden. Wie bei den meisten seiner Geschichten („Frau Irmler“, „Canasta“, „Haare? Hartmann!“) setzt Autor Holle auch bei dieser morbiden Rachegeschichte auf eine launige Mixtur aus skurrilen Figuren und schwarzem Humor.

Die Inszenierung und Besetzung durch Regisseurin Greta Benkelmann trifft ebenfalls diese Grundstimmung. Eigentlich eine düstere Geschichte mit dem Friedhofsmotiv und dieser erschreckend märchenhaft grimmigen Frau Grimm (klasse: Oda Thormeyer). Dann diese überdrehten Charaktere Ösker und vor allem der fast schon bemitleidenswerte Eilers, dessen starke Präsenz inklusive einer tragikomischen Körperkomik am Rande des Slapsticks den Spaß-Anteil des Trios konsequenterweise etwas bremsen muss. Dies geschieht auch, weil sich die Geschichte im Schlussdrittel dramatisch entwickelt, ja, sich auf der Zielgeraden zu einem Wettlauf mit der Zeit zuspitzt. Da geht Komik allenfalls als Wahnsinn Marke Eilers durch. Wie gesagt: eigentlich eine düstere Geschichte. Doch der Frühling hält Einzug, die Blüten sprießen, nicht nur auf dem Obsthof. Ein schöner Kontrast. Aber das Idyll war in Schwanitz ja immer schon trügerisch. Urlaubsstimmung kommt in „Nord bei Nordwest“ höchst selten auf. Der Zuschauer wird stattdessen umso cleverer von der Geschichte vereinnahmt: Auch in „Das dritte Grab“ weiß das Krimi-Publikum mehr, aber längst nicht alles. Man ist gespannt auf des Pudels Kern. Leben da tatsächlich drei Mörder seit vielen Jahren unbehelligt in diesem ostholsteinischen Dorf? Wer ist der Racheengel? Weshalb taucht dieser Ex-Kollege auf? Es ist das etwas andere Rätseln, das diese Reihe auch nach 30 Episoden zu etwas Besonderem macht.

Nord bei Nordwest – Das dritte GrabFoto: NDR / Gordon Timpen
Die Anziehung bleibt … in der Schwebe. Jana Klinge, Hinnerk Schönemann & Marleen Lohse im Jubiläumsfilm „Das dritte Grab“

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Reihe

ARD Degeto, NDR

Mit Hinnerk Schönemann, Jana Klinge, Marleen Lohse, Arnd Klawitter, Cem Ali Gültekin, Stephan A. Tölle, Oda Thormeyer, Dagmar Leesch, Jonathan Stolze, Christian Beermann, Victoria Fleer, Joshy Peters

Kamera: Philip Jestädt

Szenenbild: Kay Anthony

Kostüm: Antje Petersen

Schnitt: Tina Freitag

Musik: Stefan Hansen

Redaktion: Donald Kraemer (NDR), Katja Kirchen (Degeto)

Produktionsfirma: triple pictures

Produktion: Seth Hollinderbäumer, Joshua Lantow, Oliver Behrmann

Drehbuch: Niels Holle

Regie: Greta Benkelmann

EA: 24.08.2026 10:00 Uhr | ARD-Mediathek

weitere EA: 27.08.2026 20:15 Uhr | ARD