Makellos – Eine kurze Welle des Glücks

Adele Neuhauser, Manuel Rubey, Ulrich Noethen, Uli Brée, Dirk Kummer. Für sein Glück muss jeder selber sorgen

25.02.2026 10:00 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
11.03.2026 20:15 ARD TV-Premiere
Foto: BR / Bavaria / Krause-Burberg
Foto Rainer Tittelbach

Nach der Komödie „Faltenfrei“ (2021) und dem Transgender-Drama „Ungeschminkt“ (2024) folgt nun der dritte Streich des kreativen Trios, Autor Uli Brée, Regisseur Dirk Kummer und Adele Neuhauser: „Makellos“ (BR, ORF / Bavaria Fiction). Die ARD-Dramödie erzählt mehr als nur die Geschichte einer in ihrer Ehe sexuell unbefriedigten Frau, Anfang 60, die sich von einem Callboy beglücken lässt. Die Lust an der Lust könnte der in München stadtbekannten Dame zum Verhängnis werden. Und so steckt in der Handlung dieser BR/ORF-Koproduktion nicht nur sexuelle und komödiantische, sondern auch eine Menge kriminelle Energie. Statt auf Küchenpsychologie zu setzen, stellt Brée lebensphilosophische Fragen, die einfach sind und doch klug. „Betrüge ich mich, oder betrüge ich dich? Wenn ich dir treu bleibe, bleibe ich dann auch mir treu?“ Daraus entsteht ein top gespieltes, auch filmisch reizvolles Katz-und-Maus-Spiel aus Erpressung & Gegenerpressung und schließlich eine „Mission Impossible“ der spaßigen Art.

Auch mit über 60 kann man noch Träume haben und seine Sehnsüchte ausleben … Constanze Laux (Adele Neuhauser) ist gefangen in einer leidenschaftslosen Ehe. „Ich möchte endlich einmal wieder nackt mit jemandem im Bett liegen und das Gefühl haben, geliebt zu werden“, gesteht sie einem Fremden. Der Versuch, sich dieses Gefühl von einem Callboy zu erkaufen, eine Schnapsidee ihrer besten Freundin Karin (Caroline Frank), ist kläglich gescheitert. Jetzt sitzt Constanze mit dem anderen Mann in einer Hotelbar und schüttet ihm ihr Herz aus. Dieser Ricardo (Manuel Rubey) hört ihr zu, scheint sie zu verstehen. Kein Wunder, schließlich ist auch er vom Fach. Wie peinlich, das nächste Fettnäpfchen, in das die verzweifelte Frau getreten ist! Und so flieht Constanze zurück ins Ehebett, wo allerdings nach wie vor an Sex nicht zu denken ist. Anton (Ulrich Noethen), den werten Gatten, plagen andere Sorgen: Das Unternehmen „Trachten Laux“, das Constanze von ihrem Großvater geerbt hat, lief schon mal besser. Sie, der kreative Kopf der Firma, wäre offen für mehr Lifestyle in der Trachtenmode, ihr Mann jedoch, der Herr über die Finanzen, setzt ganz auf Tradition. Wenn der wüsste, dass ihr dieser fesche Gigolo nicht mehr aus dem Kopf geht und sie ihn alsbald regelmäßig bezahlt für seine beglückenden Dienste!? Es dauert allerdings gar nicht lange und der Sexverächter weiß es: Ein Brief flattert ins Haus, mit allerlei kompromittierenden Fotos, sogar Videos gibt es von Constanzes Schäferstündchen. Was ist, wenn davon die Laux‘sche Kundschaft erfährt?!

Makellos – Eine kurze Welle des GlücksFoto: BR / Bavaria Fiction / Krause-Burberg
Endlich fühlt sich die frustrierte Ehefrau gesehen, verstanden – und auch der Sex tut ihr bald sichtlich gut. Zunächst ist allerdings nur Konversation angesagt. Constanze (Adele Neuhauser) und Gigolo Ricardo (Manuel Rubey) treffen sich in der Rooftop-Bar.

Nach „Faltenfrei“ (2021), eine Komödie um eine alternde Beauty-Beraterin, und dem universalen Transgender-Drama „Ungeschminkt“ (2024), zwei Fernsehfilme, die mit Ü60-Power frischen Wind in den ARD-Fernsehfilm bliesen, folgt nun der dritte Streich des kreativen Trios, Autor Uli Brée, Regisseur Dirk Kummer und Hauptdarstellerin Adele Neuhauser: „Makellos“. Die Dramödie mit dem Untertitel „Eine kurze Welle des Glücks“ erzählt mehr als nur die Geschichte einer in ihrer langjährigen Ehe sexuell unbefriedigten Frau. Die Lust an der Lust könnte der in München stadtbekannten Dame zum Verhängnis werden. Und so steckt in der Handlung dieser deutsch-österreichischen Koproduktion nicht nur sexuelle, sondern auch eine Menge kriminelle Energie. Ist das Pendant zur aufkeimenden Liebe einer Frau, Anfang 60, das erpresserische Begehren eines charmanten Losers, der mit Mitte 40 allein mit seiner kranken Mutter (Lisa Kreuzer) eine echte emotionale Beziehung pflegt? „Ich mach’ gern andere glücklich“, mehr verrät dieser Ricardo nicht von sich. Seinen Ödipus-Komplex hat er sich nicht freiwillig ausgesucht. Sein abwesender Vater (Jochen Busse), ein egozentrischer Bankrotteur, trägt dafür offenbar die Hauptschuld. Männer, die ihre Ehefrauen schlecht behandeln oder – wie der in vieler Hinsicht unbedarfte Anton Laux – sie nicht mehr wahrnehmen, gibt es jede Menge. Ricardo lebt von der Einsamkeit dieser frustrierten Ehefrauen. Dass er das Beziehungsmodell aus der eigenen Familie kennt, bricht diese Figur des kultivierten Mannes für gewisse Stunden: Da schwingt zunehmend mehr als nur Melancholie in seinem Verhalten mit, da ist viel Trauer, viel Enttäuschung, viel Wut.

Makellos – Eine kurze Welle des GlücksFoto: BR / Bavaria / Krause-Burberg
„Erfrischender Kurzurlaub“. Constanze (Adele Neuhauser) kommt vom Schäferstündchen. Freundin Karin (Caroline Frank) platzt vor Neugier. Sie kennt sich aus. Alle Damen der Weltstadt mit Herz nehmen sich einen Callboy. Wird auch sie Ricardo testen?

Es sind Gefühle, die auch die weibliche Hauptfigur nur allzu gut kennt, obgleich man diese in der makellosen Münchner Schickeria nicht zeigen darf. Im ersten Filmdrittel schwingen beide noch auf der „kurzen Welle des Glücks“. Zunächst findet Ricardo die passenden Worte für Constanzes kränkelndes Ego: „Wie sollen andere Sie schön finden, wenn Sie es selber nicht tun?“ Erst im Verlauf des Films erkennt man, dass es eine Abwandlung von Ricardos Thema ist: „Wie sollen andere mich liebenswert finden, wenn ich es selber nicht tue?“, so könnte sein Heilungssatz heißen. Bei ihrer zweiten Begegnung finden beide dann ein gemeinsames Credo für selbstbestimmte Happiness: „Nur weil wir jemanden lieben, ist er uns nicht das eigene Glück schuldig.“ Der Autor formuliert es im BR-Pressetext noch etwas deutlicher. „Es gibt so einen Punkt im Leben, wo man sich fragen kann: Betrüge ich mich, oder betrüge ich dich? Wenn ich dir treu bleibe, bleibe ich dann auch mir treu?“ Statt auf Küchenpsychologie zu setzen, stellt Uli Brée lebensphilosophische Fragen, die einfach sind und doch klug. Das gibt dem Film einen existenziellen Kern. Wer den nicht benötigt, der kommt bei „Makellos“ auch auf seine Kosten, nicht zuletzt, weil auch jene besagte kriminelle Energie komödiantisch und dramaturgisch schlüssig ins Spiel integriert wird. Und weil der Zuschauer immer etwas mehr weiß als die Hauptcharaktere, entsteht ein wunderbarer Flow. Im Schlussdrittel kann eine Tragödie gerade noch abgewendet werden. Problematische Momente gibt es aber weiterhin. Wie man sie löst, auch dafür taugt ein Philosoph, Wittgenstein: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Bei Brée wird daraus: „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man tanzen.“ Sexarbeiter Ricardo nimmt sich dies zu Herzen. Anstatt die Kränkungen durch seinen Vater zu verbalisieren, fängt er urplötzlich an durch seinen Körper zu sprechen. Eine schöne filmische Idee, die anfangs irritiert, aber bald zur Selbstermächtigungsmetapher reift.

Auch an filmspezifischen Reizen mangelt es den 90 Filmminuten nicht. Die Splitscreen-Technik sorgt für Informationsdichte, Tempo und pointierte (innere) Parallelmontagen. Mit Sonnenbrille ins Hotel, Inspektion des Zimmers, der Matratzenqualität, dann des Callboys: Dass die Handlung nicht mit der Eheroutine beginnt, sondern sofort in medias res geht, zieht einen sofort in die Geschichte hinein, und natürlich tragen vor allem auch die Urkomödiantin Adele Neuhauser und Mister Doppelbödig Manuel Rubey das Ihrige dazu bei. Der Splitscreen passt im Übrigen auch zum Geschehen auf der Zielgeraden. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel aus Erpressung und Gegenerpressung, die reinste „Mission Impossible“, erkennen selbst die Protagonisten (prompt wird Lalo Schifrins berühmtes Musikmotiv zitiert), und für den Zuschauer ist es ja ohnehin ein Riesenspaß, wenn eine Intrige ausgehebelt wird. Und dass das emanzipatorische Prinzip über das romantische obsiegt, passt sowohl zur Heldin als auch zur pfiffigen Tonart von Dirk Kummers lebensklugen Film.

Makellos – Eine kurze Welle des GlücksFoto: BR / Bavaria / Krause-Burberg
Gelegentlich kann Anton (Ulrich Noethen) auch nett sein zu seiner Constanze (Adele Neuhauser). Doch im Bett ist nichts los. Ein Jahr kein Sex. „Was ist daran so schlimm? Ist doch gut, dass man sich von seinen Hormonen nicht mehr so terrorisieren lässt.“

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Fernsehfilm

BR, ORF

Mit Adele Neuhauser, Manuel Rubey, Ulrich Noethen, Caroline Frank, Lisa Kreuzer, Jochen Busse, Arnd Schimkat, Christina Baumer, Mi-chael A. Grimm

Kamera: Alexander Puringer

Szenenbild: Gabi Pohl

Kostüm: Diana Dietrich

Schnitt: Thomas Krause

Musik: Johannes Repka

Redaktion: Claudia Simionescu (BR), Sabine Renner-Lehner (ORF)

Produktionsfirma: Bavaria Fiction

Produktion: Anna Oeller

Drehbuch: Uli Brée

Regie: Dirk Kummer

EA: 25.02.2026 10:00 Uhr | Arte-Mediathek

weitere EA: 11.03.2025 20:15 Uhr | ARD

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