Polizeiruf 110 – Your Body, My Choice

Claudia Michelsen, Luna Jordan, Lüders, Doppelbauer, Tepelmann, Schlotterer. Wenn Abtreibung Männersache wird

08.03.2026 20:20 ARD TV-Premiere
08.03.2026 20:20 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
08.03.2026 21:45 One
10.03.2026 00:30 ARD
Foto: MDR / Britta Krehl
Foto Rainer Tittelbach

Eine kämpft mit harten Bandagen, eine muss eine existenzielle Entscheidung treffen, eine andere bangt um ihre berufliche Zukunft, und wieder eine andere stirbt beim Radfahren, weil ihr jemand das Bremskabel durchgeschnitten hat. Frauen in Magdeburg haben es nicht leicht. Den tödlichen Sabotageakt wertet eine Ärztin als einen Anschlag gegen ihre Praxis, weil dort Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen werden, was militante Abtreibungsgegner auf die Barrikaden treibt. „Your Body, My Choice“ (MDR / 42film), der 22. „Polizeiruf“ aus Magdeburg, lässt den ersten Eindruck eines konventionellen Whodunit-Themenfilms zum Weltfrauentag bald eindrucksvoll hinter sich. Hier gibt es keine bösen Menschen, nur schlechte Erfahrungen. Wenn die Besitzansprüche von Männern so weit gehen, dass sie glauben, für Frauen denken und entscheiden zu müssen, ist das absurd. Und gefährlich kann es sein, wenn sich Aktivist*innen in einem angespannten gesellschaftlichen Klima kopflos zu Gewaltaktionen hinreißen lassen. Der „Polizeiruf“ erzählt von beiden Polen des Meinungsspektrums, nicht abstrakt als Themenfilm, sondern mit persönlichen Geschichten und individuellen Prägungen. Sicherlich kein perfekter Krimi, aber ein engagiertes, gesellschaftlich relevantes und sehr fein gespieltes Drama.

Eine kämpft mit harten Bandagen, eine muss eine existenzielle Entscheidung treffen, eine andere bangt um ihre berufliche Zukunft, und wieder eine andere stirbt beim Radfahren, weil ihr jemand das Bremskabel durchgeschnitten hat. Frauen in Magdeburg haben es nicht leicht. Den tödlichen Sabotageakt wertet eine Ärztin (Jenny Schily) als einen Anschlag gegen ihre Praxis. Die Gynäkologin nimmt Schwangerschaftsabbrüche vor. Das treibt militante Abtreibungsgegner auf die Barrikaden. Die Tote war Arzthelferin in der Praxis. Den Hass-Mails sind nun womöglich die angekündigten Taten gefolgt. Eine wichtige Aufgabe bei der Betreuung junger Frauen, die kein Kind bekommen wollen, übernimmt als „Abortion Buddy“ die Aktivistin Lara (Luna Jordan). Aktuell betreut sie die Polin Dania (Nicola Magdalena Lüders), die etwas verunsichert wirkt. Ist es das fremde deutsche Umfeld, die Unwiederbringlichkeit ihres Entschlusses oder schwankt sie womöglich noch? Ein hilfsbereiter junger Mann (Sebastian Jakob Doppelbauer) würde ihr die Entscheidung gerne abnehmen. Der steht gerne mal auf dem Gehweg vor der Praxis, horcht dort den Gebeten der christlichen Fundamentalisten (Mathias Max Herrmann, Annett Sawallisch), die Doreen Brasch (Claudia Michelsen) nicht als mögliche Täter ins Auge fasst. Ihr Chef Uwe Lemp (Felix Vörtler) vermutet ohnehin hinter dem Fall eher ein Beziehungsdrama. Brasch ermittelt in alle Richtungen, taucht in verschiedene Milieus ein – und beobachtet.

Polizeiruf 110 – Your Body, My ChoiceFoto: MDR / Britta Krehl
Alles wird gut. Allerdings muss Dr. Schöller-Hahnfeld (Jenny Schily) wegen der Morddrohungen vorübergehend ihre Praxis schließen. Ist Dania (Nicola Magdalena Lüders), die von Lara (Luna Jordan) als „Abortion Buddy“ begleitet wird, verunsichert?

Bei „Your Body, My Choice“, dem 22. „Polizeiruf“ aus Magdeburg, nimmt man zunächst an, die Autorin Annika Tepelmann („Leben über Kreuz“, Herz aus Glas“) habe sich mit ihrem Statement für mehr weibliche Autonomie und weniger patriarchale Strukturen, passend zum Weltfrauentag, einem Whodunit-Themenkrimi verschrieben. Gleich zu Beginn geben sich die Charaktere ausgesprochen meinungsfreudig. Bei Sätzen wie „das gesellschaftliche Klima wird immer feindseliger“ oder „da waren wir schon mal sehr viel weiter“ klingeln bei einem Kritiker für gewöhnlich die Alarmglocken, erst recht, wenn die sonst so zurückhaltende Kommissarin plötzlich zur Redundanz neigt („in manchen Dingen bewegen wir uns rückwärts und nicht vorwärts“). Auf den zweiten Blick erweist sich jedoch diese Szene – zumindest psychologisch – als stimmig. Sowohl die Ärztin als auch die Kommissarin sind in der DDR aufgewachsen – und da war man in Sachen Schwangerschaftsabbruch tatsächlich „schon mal sehr viel weiter“. Und dass die Kommissarin bei dem Thema nur schwer loslassen kann, das wird im Laufe der Handlung anschaulich mit ihrer Biografie begründet. Auch sie stand in jungen Jahren vor der Frage: Das Kind bekommen, oder nicht? Sie hat sich für das Kind entschieden, konnte aber vom „Mutterglück“ wenig spüren. Ihre kaputte Beziehung zu ihrem kriminell gewordenen Sohn wurde in den ersten Episoden der Reihe thematisiert. In diesem Zusammenhang wirkt das Bild, in dem Brasch vor ihrer Befragung der Gynäkologin brav im Wartezimmer wartet, bevor sie wie eine Patientin aufgerufen wird, wie eine Reise in ihre eigene Vergangenheit. Um Braschs Offenheit und Toleranz zu zeigen, lässt Tepelmann sie nicht nur Lara, sondern auch einen der frommen „Lebensschützer“ teilhaben an ihrer Geschichte. Der Aktivistin vertraut sie mehr Emotionales an. Die Sympathie, die Brasch dieser engagierten, allerdings zur Gewalttätigkeit neigenden jungen Frau entgegenbringt, gipfelt in einer der schönsten Szenen: Wie die beiden da nachts auf einem Hochhausdach einfach dasitzen, die Kommissarin der nach einer Störaktion („My Body, My Choice“) leicht bekleideten Lara wortlos ihre Jacke überhängt, wie sie rauchen, lächeln – das ist großes Kino.

Polizeiruf 110 – Your Body, My ChoiceFoto: MDR / Felix Abraham
„Sie hätten es verhinern müssen.“ Klare Worte der Aktivistin Lara Becker (Luna Jordan) an Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen)

Und es gibt weitere Szenen, die jenen ersten Eindruck eines konventionellen Whodunit-Themenfilms endgültig wegwischen. Die Szene vor der Brasch/Lara-Annäherung auf dem Hochhausdach, die Veranstaltung mit den „Lebensschützern“ und einem unschwer als AfD-Mann auszumachenden Politiker, der die Bewegung für seine politischen Zwecke instrumentalisiert, lässt Kliescheehaftes befürchten. Doch diese Szene ist gelungen, wirkt kaum plakativ. Ähnlich wie die alltagsnahe Sprache von Lara, Dania & Co wird auch in der Versammlung ein eher realistischer Ton angeschlagen. Der „Vertrauensmann für Magdeburg“ verschafft sich mit vermeintlich jovial vorgetragenen Parolen („mehr Kinder statt Masseneinwanderung“) Gehör. Und man fragt sich: Weshalb gibt es nicht mehr beiläufige Momenten dieser Art in fiktionalen Fernsehproduktionen? Als die Veranstaltung von den „Mein Körper gehört mir“-Aktivistinnen gesprengt wird, gewinnt der Film weiter an Dynamik, bevor Michelsen und Jordan den beschriebenen Ruhepunkt setzen. Auch die Szenen mit Dania haben ihre ganz eigene Färbung, weil diese sehr glaubwürdig von Nicola Magdalena Lüders („Oderbruch“) gespielte Figur, die sich auch wegen der Sprachbarriere wenig verbal mitteilt, etwas verloren wirkt und als Drama-Figur schwer zu entschlüsseln ist. Dagegen ist der Mann, der Maik Gerboth heißt und sich rührend um eine gebrechliche Nachbarin kümmert, lange Zeit eine Leerstelle, offen für diverse Zuschauerprojektionen: Sebastian Jakob Doppelbauer spielt ihn ambivalent wie zuletzt auch im „Polizeiruf 110 – Tu es!“ (nur Sympathieträger kann er auch, Beispiel: „Letzter Abend“), mal mit nettem Lächeln, mal unsicher, mal mit einem nervösen Zucken um die Mundwinkel. Trotz Zuschauer-Mehrwissen ist es auch spannend dabei zuzusehen, wie Brasch und Lara mit Hilfe von städtischen Überwachungskameras der verschwundenen Dana auf die Spur kommen.

Wie so oft macht Claudia Michelsen den Unterschied. Wie sie ihre Haltung statt mit deutlichen Statements immer wieder mit kaum wahrnehmbaren mimischen Nuancen in die Handlung einbringt, ist einzigartig. Und dennoch fällt im Film von Franziska Schlotterer kein Ensemble-Mitglied gegenüber ihr deutlich ab. Die komplette Besetzung passt vorzüglich zu den Charakteren. Noch einmal muss Luna Jordan („Euphorie“, „Sterben für Beginner“) hervorgehoben werden. Eine Schauspielerin, die als Lara sehr physisch agieren muss; man nimmt ihr das in jeder Szene ab. Diese Frau steht unter Strom, in ihr hat sich eine Unmenge an Wut angestaut. Ihre prekäre Vergangenheit lässt den diesmal äußerst staatstragend auftretenden Lemp daran zweifeln, dass sie für Brasch eine vertrauenswürdige Informantin sei. Fixer als die Polizei ist sie jedenfalls ein ums andere Mal, was besonders im Schlussdrittel auch der Spannung guttut. Bleibt das Thema, das durch die Unversöhnlichkeit der Positionen ein Stück weit auch die zunehmende Spaltung der Gesellschaft spiegelt: Miteinander reden ist kaum noch möglich. Brasch versucht es, wohl weniger aus Objektivitätsgründen oder Interesse als vielmehr des Falles wegen. Trotz Michelsens dezenten Spiels ist erkennbar, für wen sie Sympathie empfindet. Das gehört zu den „Polizeiruf“-Kommissar*innen: Sie müssen Mörder festsetzen, aber sie sind immer auch Mensch. Gleiches gilt für die Macherinnen. Subjektivität darf, ja muss sein. Was jedoch den Kriminalitätsfaktor angeht, da gibt es kein Pardon. Und doch: In „Your Body, My Choice“ gibt es keine bösen Menschen, nur schlechte Erfahrungen. Wenn die Besitzansprüche von Männern so weit gehen, dass sie glauben, für Frauen denken und entscheiden zu müssen, ist das absurd. Und gefährlich kann es sein, wenn sich Aktivist*innen in einem angespannten gesellschaftlichen Klima kopflos zu Gewaltaktionen hinreißen lassen. Der „Polizeiruf“ erzählt von beiden Polen des Meinungsspektrums, nicht abstrakt als Themenfilm, sondern mit persönlichen Geschichten und individuellen Prägungen. Kein perfekter Krimi, aber ein sehr engagiertes, gesellschaftlich relevantes Drama.

Polizeiruf 110 – Your Body, My ChoiceFoto: MDR / Felix Abraham
Ihre Wut ist verständlich. Lara Becker (Luna Jordan) ist nicht nur schneller als das LKA, sie ist auch brutaler als die Polizei erlaubt. Der gesellschaftlich begründete Kinotrend zu starken, harten Frauen („Promising Young Woman“, „Love Lies Bleeding“, „Blink Twice“, „The Ugly Stepsister“; Atomic Blonde“), die ihr Schicksal in die Hand nehmen, färbt auch aufs Primetime-Krimifernsehen ab.

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Reihe

MDR

Mit Claudia Michelsen, Luna Jordan, Nicola Magdalena Lüders, Sebastian Jakob Doppelbauer, Felix Vörtler, Jenny Schily, Mathias Max Herrmann, Annett Sawallisch, Melissa Gross, Veronika Nowag-Jones

Kamera: Hanno Lentz

Szenenbild: Juliane Hoffrecht

Kostüm: Manuela Nierzwicki

Schnitt: Dagmar Lichius

Musik: David Grabowski

Redaktion: Denise Langenhan

Produktionsfirma: 42film

Produktion: Iris Kiefer, Eike Goreczka, Christoph Kukula

Drehbuch: Annika Tepelmann

Regie: Franziska Schlotterer

EA: 08.03.2026 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 08.03.2026 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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