Im Schatten der Angst – Der Skorpion

Julia Koschitz, Stach, Gorski, Schüttauf, Nils-Morten Osburg, Umut Dag. Weil es seine Natur ist?

02.03.2026 10:00 ZDF-Stream Streaming-Premiere
09.03.2026 20:15 ZDF TV-Premiere
Foto: ZDF / Victoria Herbig
Foto Rainer Tittelbach

„Im Schatten der Angst – Der Skorpion“ (ZDF / Mona Film, Tivoli Film) ist der dritte Fall der von Julia Koschitz vorzüglich verkörperten Wiener Psychiaterin. Diesmal bekommt diese es mit einem paranoiden, drogenabhängigen Mörder zu tun, den sie über viele Jahre erfolgreich behandelt hat. Doch plötzlich steht ihr Patient unter dringendem Verdacht, im Maßnahmenvollzug einen Kollegen getötet zu haben. Die Psychiaterin glaubt weiterhin an die Unschuld des Mannes. Autor Nils-Morten Osburg beweist einmal mehr sein Gespür für reduzierte Krimiszenarien, in denen die Charaktere nicht als Plot-Futter dienen. Die Geschichte changiert zwischen Psychodrama und Psychothriller; innere und äußere Spannung halten sich die Waage. Die Inszenierung von Umut Dag entspricht ganz den Handlungs- und Stimmungsumschwüngen. Das Ergebnis ist ein äußerst effektiv erzählter, atmosphärischer, hoch spannender 90-Minüter. Da übersieht man gern einige Thriller-üblichen Zufälle.

In den letzten acht Jahren ist es der forensischen Wiener Psychiaterin Karla Eckhardt (Julia Koschitz) gelungen, aus einem paranoiden, drogenabhängigen Gewaltverbrecher einen zumindest äußerlich manierlichen jungen Mann zu machen. Im Rahmen des sogenannten Maßnahmenvollzugs arbeitet er tagsüber in einer Gärtnerei; für seine Chefin (Demet Gül) ist er ein vorbildlicher Kollege. „Der Herr Lisky, der heute hier sitzt, hat nichts mehr mit dem Herrn Lisky zu tun, wie er damals war“, gibt selbst der Psychiater, der vor Eckhardt den Amok laufenden Mörder erfolglos behandelte, während einer Anhörung zu Protokoll. Dieser Prof. Kressmann (Jörg Schüttauf) ist sichtlich beeindruckt von Eckhardts Leistung. Nach der Anhörung werden Lockerungsmaßnahmen für Lisky (Stefan Gorski) bewilligt; er darf nun ohne Aufpasser in der Gärtnerei arbeiten. Allerdings dauert es nur wenige Tage, bis der scheinbar glücklich therapierte Patient unter dringendem Mordverdacht steht. Ein Gärtner (Anton Noori), der ihn schon desöfteren schikaniert hat, liegt tot im Gewächshaus. Eckhardt sieht sich jetzt verstärkt der Pressemeute ausgesetzt und der Wut der Mutter von Liskys Opfer von vor acht Jahren (Margarethe Tiesel). Ihre Vorgesetzte (Sylvie Rohrer) nimmt sie vorerst aus der Schusslinie. Die Psychiaterin fragt sich, ob sie bei Lisky etwas übersehen habe. Dann steht er plötzlich vor ihrer Wohnungstür, sich an ihr Versprechen erinnernd, dass er ihr immer vertrauen könne. Hält sie sich an ihre Zusage, kann ihr das die Karriere kosten. Kommissarin Radek (Susi Stach) appelliert an ihre Kooperationsbereitschaft.

„Im Schatten der Angst – Der Skorpion“ ist der dritte Fall der von Julia Koschitz gespielten Wiener Psychiaterin. „Eine Fortsetzung könnte durchaus ein Gewinn für die Krimi-Landschaft sein, quasi als Soft-Version der ausgelaufenen österreichisch-deutschen Ausnahme-Reihe ‚Spuren des Bösen‘“, schrieb Thomas Gehringer 2023 in seiner ttv-Kritik zu „Du sollst nicht lügen“, dem zweiten Film der losen Reihe. Diese Bewertung gilt nun auch für Film Nummer 3. Eine so unnachgiebig kämpfende Heldin ist zwar in Ermittler-Krimis nichts Neues, aber eine Psychiaterin, die ihre persönlichen ethischen Grundsätze über die staatliche Vollzugsgewalt stellt, ist zumindest bemerkenswert. „Er hat seine Emotionen reguliert, konnte mit Frustration umgehen“, beteuert Eckhardt. Der Zuschauer wird indirekt Zeuge dieses Wandlungsprozesses. In der ersten Szene sieht man einen Menschen, der wie ein wild gewordenes Tier wirkt, der seiner Freundin ein Messer an die Kehle hält, nachdem er einen Freund auf brutale Weise getötet hat: ein Eifersuchtsdrama im Drogenrausch. Später erhält man Einblicke in einige Therapie-Videos: Da tigert zunächst ein paranoider Junkie durch den Behandlungsraum, dann sieht man Lisky schon sehr viel ruhiger, und man hört ihn die Fabel vom Frosch und dem Skorpion erzählen. Der Skorpion steht für Liskys Selbstbild. Auch wenn es ihm selbst schadet: Der Skorpion muss den Frosch töten – weil es seine Natur ist. Eckhardt ist absolut überzeugt davon, dass Lisky unschuldig ist und sich nicht mehr als Skorpion begreift. Hätte er den Gärtner getötet, wäre er wieder ganz dem Selbstbild Skorpion verfallen, dann würde er aber nicht so vehement seine Unschuld beweisen wollen. Dies versucht er, nachdem er bei Eckhardt in der Wohnung aufgetaucht war. Lisky hofft, auf dem Handy des Toten entlastende Hinweise zu finden.

Im Schatten der Angst – Der SkorpionFoto: ZDF / Victoria Herbig
Oben: vor acht Jahren. Anton Lisky (Stefan Gorski) bezeichnet sich selbst als Skorpion, immer bereit tödlich zuzustechen. Unten: Ist es seiner Psychiaterin gelungen, mit Vertrauen als Basis aus dem wütenden Tier einen völlig anderen Menschen zu machen?

„Die Macher müssen aufpassen, dass ‚Schatten der Angst‘ nicht als Ermittlerkrimi-Designer-Format unter vielen untergeht.“ Auch diese Empfehlung von Thomas Gehringer gilt weiterhin. Zwar folgt die Geschichte nur selten der bärbeißigen Kommissarin, und auch die Psychiaterin mutiert erst auf der Zielgeraden zur Hobbydetektivin, dafür aber gibt es weniger psychotherapeutische Zweier-Szenen als in den Vorgängerfilmen, und mehr Action- und Spannungsmomente. Gleich zweimal nähern sich Polizei-Spezialeinheiten mit schwerem Geschütz dem in der Falle sitzenden Lisky. Kurz vor dem Schlussdrittel nimmt die Handlung eine grandiose Wendung. Nach dem ersten Schock stellt sich für den mehrwissenden Zuschauer die bange Frage: Wie wird es weitergehen? Dramaturgisch ist das alles äußerst effektiv entwickelt und atmosphärisch hoch spannend inszeniert. Buch und Regie wechselten bisher bei allen drei Filmen. In „Der Skorpion“ beweist der Autor Nils-Morten Osburg („Spreewaldkrimi“, „Die Stille am Ende der Nacht“) einmal mehr sein Gespür für reduzierte Krimiszenarien, in denen die Charaktere nicht als Plot-Futter dienen. Wieder changiert die Geschichte zwischen Psychodrama und Psychothriller; innere und äußere Spannung halten sich die Waage. Durch die große emotionale Bindung an ihren Patienten und das seelische Dilemma, in dem sich die Psychiaterin befindet, ist das Mitgefühl, das man dieser engagierten Frau entgegenbringt, ebenso groß wie die Sorge um sie im konzentriert erzählten Finale. Über die Qualität der Motive und des Rätsels Lösung lässt sich streiten. Mit Glaubwürdigkeit ist das im Thriller so eine Sache. Anders als in einem faktenbasierten Ermittlerkrimi ist bei diesem Genre mehr bigger than life im Spiel. Gemessen an anderen TV-Thrillern erzählt Osburg seriös. Und dass einige der Plot-Entwicklungen auf Zufällen, einer falschen Entscheidung oder (un)glücklichen Umständen beruhen, fällt dem von der Handlung gefesselten Zuschauer möglicherweise gar nicht auf.

Die Inszenierung von Umut Dag („Am Anschlag – Die Macht der Kränkung“, „Polizeiruf – Widerfahrnis“) entspricht ganz den Handlungs- und Stimmungsumschwüngen an. Von der knallharten, physisch intensiven Geiselnahme-Sequenz geht es mitten rein in das empfindsame Psychodrama einer Psychiater-Patienten-Beziehung. Ein erster Höhepunkt in seiner reduzierten Darstellung ist ein Aggressionstest, dem Eckhardt ihren Schützling unterzieht: Wie reagiert er auf die (gefakte) Nachricht, die Anhörung werde ausgesetzt? Intensiv inszeniert, große Anspannung in den Gesichtern, feucht die Augen, ist auch jene Anhörung, bei der noch einmal Liskys altes Ich dem neuen eindrucksvoll gegenübergestellt wird. Auch in „Der Skorpion“ ist und bleibt Koschitz‘ Figur das subjektive Zentrum. Sie nimmt den Zuschauer an die Hand. Als sie selbst in die Bredouille gerät, lässt sie ihn zwischenzeitlich kurz los; es entgleiten ihr die Gesichtszüge und ihre Körpersprache signalisiert noch deutlicher als sonst Angst. Zum kantigen, eigenwilligen Wesen der Figur passt auch ihr strenger, männlich anmutender Kleidungsstil. Trotz solcher Distanzierungsstrategien ist man ganz bei dieser Karla Eckhardt, so wie in der Schlussszene, in der sie sich tief berührt zeigt.

Im Schatten der Angst – Der SkorpionFoto: ZDF / Victoria Herbig
Eine Schlüsselszene: Der forensische Psychiater Paul Kressmann (Jörg Schüttauf) hat sich bereit erklärt, mit dem suizidalen Lisky zu sprechen, nachdem Eckhardt (Julia Koschitz) das Zutrauen dafür fehlt. Kommissarin Radek (Susi Stach) hält die WEGA zurück.

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Fernsehfilm

ORF, ZDF

Mit Julia Koschitz, Susi Stach, Stefan Gorski, Jörg Schüttauf, Sylvie Rohrer, Demet Gül, Oliver Rosskopf, Margarethe Tiesel, Anton Noori, Barbara Kaudelka

Kamera: Simone Hart

Szenenbild: Gerald Freimuth

Kostüm: Isabella Derflinger

Schnitt: Harald Aue

Musik: Roman Kariolou

Redaktion: Andrea Bogad-Radatz (ORF), Nina Fehrmann-Trautz (ORF), Anja Helmling-Grob (ZDF)

Produktionsfirma: Mona Film, Tivoli Film

Produktion: Thomas Hroch, Gerald Podgornig

Drehbuch: Nils-Morten Osburg – Buch-Bearbeitung: Marie-Therese Thill

Regie: Umut Dag

EA: 02.03.2026 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 09.03.2026 20:15 Uhr | ZDF

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