Unter anderen Umständen – Das Mädchen ohne Namen

Natalia Wörner, Herforth, Werlinder, Kampwirth, Zora Holt, Judith Kennel. Schlimmer als der eigene Tod

31.12.2025 10:00 ZDF-Stream Streaming-Premiere
23.02.2026 20:15 ZDF TV-Premiere
Foto: ZDF / Manju Sawhney
Foto Tilmann P. Gangloff

Die stets sehenswerte ZDF-Reihe mit Natalia Wörner feiert doppeltes Jubiläum: „Unter anderen Umständen“ (Network Movie) ist vor 20 Jahren gestartet, „Das Mädchen ohne Namen“ ist Episode Nummer 25. Das ruhig, aber dicht inszenierte und sehr gut gespielte Krimidrama erzählt eine Geschichte, die einige überraschende Wendungen nimmt: Als drei Jungs im Wald ein Grab entdecken, muss Jana Winter im Verlauf der Handlung gleich zwei Familien eine Todesnachricht überbringen.

Zumindest die älteren Erwachsenen wissen, wie schwer es ist, schlechte Nachrichten zu übermitteln, wenn zum Beispiel jemand aus der Familie gestorben ist. Zora Holt bringt das Thema in ihrem Drehbuch gleich mehrfach zur Sprache. Die Handlung beginnt jedoch mit jenem Fund, auf den sich der Titel bezieht: Drei Jungs stromern auf der Suche nach Weltkriegsrelikten mit Metallsonden durch ein Waldstück und machen eine grausige Entdeckung. Geschickt verzögert der Film erst einmal, was sie gefunden haben, und wechselt zu einem Seminar über den verantwortungsvollen Umgang mit Angehörigen in Extremsituationen. Kommissar Hamm (Ralph Herforth) hält die Fortbildung für unnötig, schließlich macht er seinen Job schon seit hundert Jahren. Später wird er zugeben, dass er sich aller Erfahrung zum Trotz nie daran gewöhnen wird, Hinterbliebene über einen Todesfall zu informieren. Seine Chefin, Jana Winter (Natalia Wörner), hat das Seminar schon absolviert und verabschiedet sich. Am Scheibenwischer ihres Autos entdeckt sie eine Notiz mit Koordinaten. An der angegebenen Stelle stößt sie auf ein Grab.

Unter anderen Umständen – Das Mädchen ohne NamenFoto: ZDF / Manju Sawhney
20 Jahre sehenswert: „Unter anderen Umständen“. Stephan Kampwirth und Petra van de Voort in „Das Mädchen ohne Namen“

Nun startet eine Recherche, die Alma Sörensen (Lisa Werlinder) mit der Nadel im Heuhaufen vergleicht, wobei das Team noch nicht mal weiß, in welchem Haufen es suchen soll: Es gibt keinerlei Hinweise auf die Identität der vor rund zwei Jahren verscharrten und längst skelettierten Leiche. Einziger Anhaltspunkt ist ein Kapuzenpulli mit dem in diesem Zusammenhang makabren Aufdruck „Welcome to the Sunny Side of Life“ (Willkommen auf der Sonnenseite des Lebens). Seltsamerweise gibt es für den Zeitraum der von Hamm fortan „Sunny“ genannten jungen Frau keine passende Vermisstenmeldung, und nun erweitert Holt, die regelmäßig, aber viel zu selten Drehbücher für die 2006 gestartete ZDF-Reihe „Unter anderen Umständen“ verfasst, ihr Buch um einen Aspekt, der in kriminalistischen Kreisen immer wieder diskutiert wird.

Forensische Ahnenforschung, also eine Herkunftsanalyse mittels DNS, ist der deutschen Polizei nicht gestattet; aus gutem Grund, wie Winter anmerkt. Eine Erklärung bleibt sie leider schuldig. Vielleicht fürchtete Holt, dass die nötigen Ausführungen den Handlungsfluss zu stark unterbrechen würden, weil sie für einen Krimi zu komplex wären: Es geht unter anderem um das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. In Deutschland ist auf Basis von DNS-Proben nur die Suche nach nahen Verwandten erlaubt, eine ethnische Herkunftsbestimmung ist ohnehin untersagt. In einigen skandinavischen Ländern dürfen die Ermittlungsbehörden dagegen auf die Datenbanken privater Dienstleister zugreifen, und so führt eine entsprechende Anfrage Almas zu einem Treffer in Dänemark. Ein Mann rückt nach einigem Zögern seinen Stammbaum heraus, und der Weg über eine Großmutter (Hedi Kriegeskotte) führt schließlich zu den vermeintlichen Eltern: „Sunny“ heißt in Wirklichkeit Helle, doch der Vater (Stephan Kampwirth) versichert, seine Tochter sei keineswegs tot. Tatsächlich meldet sich die junge Frau kurz darauf bei ihrer Mutter (Petra van de Voort), angeblich aus Stockholm, allerdings unter einer Nummer, die gar nicht existiert: In Wirklichkeit kam der Anruf aus Hamburg. Unter der angegebenen Adresse erlebt Winter eine erste faustdicke Überraschung, der noch weitere folgen werden.

Unter anderen Umständen – Das Mädchen ohne NamenFoto: ZDF / Manju Sawhney
Emotionale Achterbahnfahrt … und dann wird Tatjana Heinemann (Julika Jenkins) von ihrer Tochter (Lilia Herrmann) besucht.

Regisseurin Judith Kennel hat fast alle der mittlerweile 25 Episoden gedreht, ihre Inszenierungen sind in der Regel von großer Zurückhaltung, aber sorgfältiger Bildgestaltung geprägt (hier, wie zuletzt meist bei Kennel, Nicolay Gutscher); ihre Arbeit mit dem jeweiligen Ensemble ist zuverlässig ausgezeichnet. Das gilt für „Das Mädchen ohne Namen“ nicht minder, doch der Film lebt neben den unerwarteten Handlungswendungen vor allem von den verschiedenen tragischen Schicksalen. Besonders betroffen ist eine Mutter (Julika Jenkins), deren Tochter ebenfalls seit zwei Jahren verschwunden ist. Die Apothekerin erlebt eine emotionale Achterbahnfahrt, die ihre psychischen Kräfte übersteigen. Auch Jana Winter ist mental angeschlagen, weshalb ihr dieser Fall besonders nahegeht: Sohn Leo (Jacob Lee Seeliger), mittlerweile 19, ist der Meinung, es sei an der Zeit, das heimische Nest zu verlassen. Die Kriminalrätin findet’s „total okay“, aber ihre Tapferkeit ist bloß aufgesetzt; in diesem Fall ist es völlig in Ordnung, dass Holt auf weitere Erklärungen verzichtet. Natürlich ist dieser Abschied nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den Eltern empfinden, wenn ein Kind vor ihnen stirbt; das sei, sagt eine der betroffenen Mütter, „schlimmer als der eigene Tod.“

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1 Antwort

  1. Lieber Tilmann Gangloff, volle Zustimmung: „Unter anderen Umständen“ ist eine der ganz wenigen Reihen im öffentlichen- rechtlichen Fernsehen, die über so lange Jahre ihre hohe Qualität gehalten hat. Das hängt in hohem Maße mit Judith Kennel zusammen. Ich mag ihre ruhige, zurückhaltende Art, hochwertige Filme zu machen, sehr. Die vier Folgen, die die Schweizerin nicht inszeniert hat, waren prompt die schlechtesten der Reihe. Ich habe mich sehr gefreut, dass man sie für Folge 25 wieder zurückgeholt hat (ab Folge 26 übernimmt leider wieder jemand anderes). Na ja, dafür hat sie bei einem anderen Hort der Qualität mal wieder inszenieren können: bei „Nord bei Nordwest“ gibt es ja ab 2026 vier Folgen pro Jahr, eine der beiden Folgen, die Im Herbst Premiere haben werden, ist von ihr: Folge 32, „Liebesgrüße aus Neapel „, übrigens nach einem Buch von Holger Karsten Schmidt. Auch nicht schlecht…

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Reihe

ZDF

Mit Natalia Wörner, Ralph Herforth, Lisa Werlinder, Stephan Kampwirth, Petra van de Voort, Julika Jenkins, Ben Felipe, Lilia Herrmann, Jacob Lee Seliger, Hedi Kriegeskotte

Kamera: Nicolay Gutscher

Szenenbild: Frank Godt

Kostüm: Natascha Curtius-Berger

Schnitt: Dora Vajda

Musik: Mario Grigorov

Soundtrack: Kim Larsen („Susan Himmelblå“), Freddy Cannon („Patty Baby“), Lily Allen („Somewhere Only We Know“)

Redaktion: Daniel Blum

Produktionsfirma: Network Movie

Produktion: Jutta Lieck-Klenke, Dietrich Kluge

Drehbuch: Zora Holt

Regie: Judith Kennel

EA: 31.12.2025 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 23.02.2026 20:15 Uhr | ZDF

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