Tatort – Schmerz

Reinsperger, Hartmann, Lause, Konarske, Bauer, Werner, Fischer. Warum sich Dortmund wieder neu erfinden muss

22.02.2026 20:15 ARD TV-Premiere
22.02.2026 20:15 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
22.02.2026 21:45 One
23.02.2026 03:10 One
24.02.2026 00:15 ARD
Foto: WDR / Thomas Kost
Foto Thomas Gehringer

Der „Schmerz“, auf den sich die 27. Dortmunder „Tatort“-Episode im Titel bezieht, entsteht aus Kriegsverbrechen und den Folgen extremer Gewalt. Aber auch aus gegenseitigem Misstrauen und durch einen neuerlichen Verlust. Wieder erlebt das gebeutelte Ruhrgebiets-Team eine Zäsur, was allerdings keine Überraschung ist, weil der WDR bereits im Sommer 2025 verkündet hat, dass Schauspielerin Stefanie Reinsperger ihre Rolle der Rosa Herzog auf eigenen Wunsch aufgeben möchte. Drehbuch-Autor Jürgen Werner und Regisseur Torsten C. Fischer, seit jeher für die besonders dramatischen Wendungen im Dortmunder „Tatort“ verantwortlich, sorgen für einen denkwürdigen Reinsperger-Abschied: mit einem harten, packenden Rache-Drama und einem verblüffenden Finale, das offene Fragen aus der Vergangenheit beantwortet.

Ohne wesentliche Inhalte zu spoilern, lässt sich eines verraten: Das außergewöhnliche und spannend inszenierte „Schmerz“-Finale wird in Erinnerung bleiben. Die Waffen sind in dieser Sequenz gezückt, aber die Lage ist etwas unübersichtlicher als im klassischen „12 Uhr mittags“-Showdown. Sieben Figuren haben Aufstellung genommen und nehmen sich gegenseitig ins Visier. Wobei nicht in jedem Fall klar ist, auf wen die Waffe eigentlich gerichtet ist. Regisseur Torsten C. Fischer kostet den Showdown genüsslich in Zeitlupe aus, weshalb der einzige Schuss, der fällt, auch wie eine Erlösung wirkt. Danach folgen noch einige Film-Minuten, in denen eine Geschichte ihren Abschluss findet, die den Dortmunder „Tatort“ über mehrere Episoden beschäftigt hat. In „Abstellgleis“ (2025) – ebenfalls von Jürgen Werner geschrieben und von Torsten C. Fischer inszeniert – war KTU-Leiter Sebastian Haller erstochen worden. Eigentlich reicht der Handlungsfaden noch weiter zurück, bis zum gewaltsamen Tod von Kommissarin Martina Bönisch in „Liebe mich!“, erstausgestrahlt im Februar 2022. Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) machte Haller für den Tod seiner geliebten Kollegin mitverantwortlich. Beide waren sich in der Folge spinnefeind, doch nicht der tatverdächtige Faber, sondern ein anderer KTU-Mitarbeiter wurde als Mörder Hallers überführt – und beim Showdown der Episode „Abstellgleis“ von Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) erschossen. Die Szene wird bei „Schmerz“ zu Beginn als Rückblende in Erinnerung gerufen – aus der Perspektive von Kommissarin Herzog. Genau hinzuschauen, lohnt sich.

Tatort – SchmerzFoto: WDR / Thomas Kost
Pösken (Malick Bauer), Herzog (Stefanie Reinsperger), Leitner (Sybille J. Schedwill) und Faber (Jörg Hartmann) begutachten die Leiche von Club-Manager Martens. Hier sind es vier, beim furiosen Finale stehen sich schließlich sieben Personen gegenüber.

Wie kein anderes Team der ARD-Krimireihe fordern die Dortmunder Ermittler ihr Publikum durch konsequent serielles Erzählen mit fortlaufenden Geschichten aller Hauptfiguren heraus. Bei zwei ausgestrahlten Episoden im Jahr kann man da allerdings schnell den Faden verlieren, und so wäre für ein besseres Verständnis der „Schmerz“-Episode die eine oder andere zusätzliche Rückblende hilfreich und angemessen gewesen. Zumal auch der eigentliche Kriminalfall noch eine Fülle an Namen und Figuren liefert: Nach dem Mord an einem Bordellbesitzer mit mehreren Identitäten nimmt Kommissariatsleiterin Ira Klasnić (Alessija Lause) eine junge Zeugin, die Sexarbeiterin Maria Novak (Lorena Jurić), bei sich zu Hause auf. In Verdacht geraten der mit Klasnić befreundete Galerist Lorik Duka (Kasem Hoxha) und seine ältere Schwester Klea (Elda Sorra), die Blutrache für ihren ebenfalls getöteten Neffen verübt haben könnten. Die Ermittlungen bringen die Polizei auf die Spur von serbischen Kriegsverbrechern, die im Bosnienkrieg für systematische Vergewaltigungen in eigens eingerichteten „Frauenräumen“ verantwortlich waren. Die Gewalt und das Leid in einem unfassbaren Ausmaß – die Vereinten Nationen gehen von 50.000 vergewaltigten Frauen aus – werden mit wenigen Dokumentarbildern und Tonaufnahmen angedeutet, ohne Grenzen zu überschreiten und Opfer dem Voyeurismus preiszugeben. Der harte Stoff passt zum Dortmunder „Tatort“-Team, und man darf vielleicht vermuten, dass hier nicht nur ein weiteres Thema abgehakt wird. Denn Klasnić trägt eigene Kriegserlebnisse mit sich herum, und auch die Geschichte ihrer Freundschaft zu Lorik, der auf Seiten der UCK kämpfte, ist nicht auserzählt. Dass der albanischen „Befreiungsarmee“ UCK ebenfalls Kriegsverbrechen vorgeworfen wurden, kommt hier nicht zur Sprache. Eine weitere Vertiefung in folgenden Episoden wäre angebracht, auch wenn man nicht erwarten darf, dass die Krimi-Fiktion alle Aspekte der verheerenden Jugoslawien-Kriege erfassen muss.

Nicht nur der Schmerz über erlittene Kriegstraumata spiegelt sich hier in den Gesichtern und den vielen Nahaufnahmen der Kamera von Andreas Köhler. Im Team herrscht nach wie vor gegenseitiges Misstrauen. Rosa ist mittlerweile mit Kollege Otto Pösken (Malick Bauer) liiert, aber der soll immer noch für LKA-Ermittler Daniel Kossik (Stefan Konarske) Hinweise auf eine Tatbeteiligung von Faber und/oder Herzog am Haller-Mord ausspionieren. Dass Otto dies Rosa offen erzählt, sorgt für keine Entspannung. Auf die Probe gestellt wird außerdem das gegenseitige Vertrauen zwischen Faber und Herzog selbst. Beide haben sich schätzen gelernt und decken sich gegenseitig. Nun aber werden die letzten Geheimnisse enthüllt. Und so bietet „Schmerz“ ein letztes Mal das vorzügliche Zusammenspiel zweier Ausnahmespieler. Der Abgang des vielfach ausgezeichneten Theater-Stars Stefanie Reinsperger, die derzeit an der Wiener Burg gleich in mehreren Haupt- und Solorollen auf der Bühne steht, ist ein schmerzhafter Verlust. Aber das Dortmunder Team um Jörg Hartmann als leidgeprüften Kommissar Faber hat sich schon oft neu erfunden. Immerhin scheint Faber nun für Klasnić, die er kein einziges Mal mehr „Dingenskirchen“ nennt, mehr Respekt aufzubringen.

Tatort – SchmerzFoto: WDR / Thomas Kost
Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger) weiß jetzt von Kossiks internen Ermittlungen. Kann sie Otto Pösken (Malick Bauer) vertrauen?

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Reihe

WDR

Mit Stefanie Reinsperger, Jörg Hartmann, Alessija Lause, Malick Bauer, Stefan Konarske, Lorena Jurić, Kasem Hoxha, Elda Sorra, Sybille Schedwill, Klaus Dieter Mund, Besnik Prekazi, Moritz Führmann

Kamera: Andreas Köhler

Szenenbild: Michaela Schumann

Kostüm: Ella Imig

Schnitt: Dora Vajda

Musik: Warner Poland, Wolfgang Glum

Redaktion: Frank Tönsmann

Produktionsfirma: Bavaria Fiction

Produktion: Lucia Staubach

Drehbuch: Jürgen Werner

Regie: Torsten C. Fischer

EA: 22.02.2026 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 22.02.2026 20:15 | ARD-Mediathek

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