Paul Winter (Christoph Schechinger) gehen diese Bilder nicht mehr aus dem Kopf: Seine ehemalige Klavierlehrerin Lore Lehmann (Birgit Berthold), wie sie aus einem Mülleimer Pfandflaschen fischt und wie ihr wenig später an der Kasse eines Supermarkts zehn Cent fehlen. Dieser Frau verdankt er viel, er muss ihr unbedingt helfen. Behutsam will er die Sache angehen. Deshalb bittet er sie um Klavierstunden für seine Mutter Helga (Hildegard Schroedter). Beim Wort „Klavierstunden“ leuchten ihre Augen. Und als sie wenig später das Gästezimmer in Winters Bootshaus bezieht, mit Blick auf den See, geht der Frau das Herz auf. Kann so ein lieber Mensch eine Diebin sein? Das jedenfalls wirft ihr die letzte Person vor, die ihr kostenlos Logis angeboten hat, Sabine Wagner (Isabell Gerschke), eine Geschäftsfrau, die Frau Lehmann für deren Tochter Tanja (Cléo Buzási) als Klavierlehrerin engagiert hat. Da sie außerdem einen Hund hatte, war sie zugleich die ideale Aufpasserin für ihre Tochter. Frau Lehmanns Klaus‘ lebt – bis die alte Dame eine neue Bleibe gefunden hat – weiterhin bei den Wagners. Ob Frau Lehmann ihr Ein und Alles jedoch zurückbekommt, ist fraglich: Der Hund hat einen Herzfehler; dass sie mit ihrer Minirente seine Versorgung gewährleisten kann, ist eher unwahrscheinlich. Die Aufregung auf dem Gutshof ist groß, als Helga im Gästezimmer einen Batzen Geld findet. Und dann überrascht Eric (Ulrich Brandhoff) Paul auch noch mit der Hiobsbotschaft, dass er zurück nach Berlin gehen wird.
Foto: Degeto / Oliver Feist
In den beiden neuen Episoden von „Käthe und ich“ ist der Psychologe unseres Vertrauens in eigener Sache unterwegs. In „Ein gutes Leben“ ist es jene demutsvolle, ältere Dame, die das Leben von Paul Winter maßgeblich bereichert hat, die seine Hilfe gebrauchen kann und die in Abwesenheit ihres eigenen Hundes die Gegenwart von Therapiehündin Käthe – angenehm beiläufig – genießt. In „Verhängnisvolle Liebe“ tritt ein gegenteiliger Effekt ein: Aus dem Nichts taucht Pauls Ex-Frau Erina (Nadja Bobyleva) auf – und den Psychologen überkommt ein Fluchtreflex. Jetzt könnte er selbst gut einen Psychotherapeuten gebrauchen. Stattdessen muss er in einer anderen Liebesangelegenheit, aus der ein Rosenkrieg zu werden droht, vermitteln. Mit dem Paar ist Paul befreundet. Leonie (Jasmina Al Zihairi) braucht seinen Rat. Ihr Noch-Ehemann Aljoscha (Bert Tischendorf) droht ihr damit, intime Fotos von ihr zu veröffentlichen, wenn sie sich nicht von ihrem Lover trennt. Laut Leonie soll diese Affäre nicht der Grund für das Scheitern ihrer Ehe gewesen sein, sondern Aljoschas ständige Abwesenheit nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter. Leonies Vorwürfe erscheinen Paul fragwürdig. Ein Staatsanwalt auf dem Sprung zum Oberstaatsanwalt, der Nacktfotos seiner Frau veröffentlicht? Damit würde er sich selbst genauso schaden. Mehrere Treffen mit seinem Jugendfreund bestätigen seinen Eindruck. Also fragt er sich, was mit Leonie seelisch los sein kann: Lügen, Idealisierung eines Partners, dem irgendwann die Dämonisierung folgt, das können Anzeichen für ein Borderline-Syndrom sein. Um eine solche Diagnose zu bestätigen, bedarf es allerdings eines Psychiaters. Paul möchte helfen, er kann aber nicht Leonies Psychologe sein.
Noch verflixter ist seine eigene verhängnisvolle Liebe. Vor zwei Jahren hat Erina Paul verlassen – ohne ein Gespräch, nur vier Worte als Erklärung: „Weil ich dich liebe“. Jetzt brechen die alten Gefühle wieder auf. In wohldosierten, eindrücklichen Rückblenden kann auch der Zuschauer die Stationen dieser Beziehung noch einmal nachempfinden: Erinas Anmut als Ballerina, die den empfindsamen Paul sofort verzauberte, ihr erstes schüchternes Date, sein Antrag, die Hochzeit, das freudige Schwangerschafts-Telefonat, der Unfall, der Verlust des Babys, der Rollstuhl, Erinas Schlussstrich. Was danach kam, muss nicht gezeigt werden. Pauls Liebesleid zog sich über mehrere Episoden, jetzt wird es mit Erinas Erscheinen wieder reaktiviert. „Ich will keinen Kontakt mehr zu dir“, sagt er. Als Psychologe weiß er, was gut für ihn ist. Eine Aussprache gibt es erwartungsgemäß doch. Außerdem hat Autorin Brigitte Müller die Charaktere so clever miteinander verzahnt, sodass er ihr ohnehin wiederbegegnen muss. Als gute Freundin von Leonie kontaktiert er sie, um mehr über den Ehekrieg zu erfahren und darüber, welchen Eindruck Erina von ihr hat? Gut integriert in die Liebesdramen ist auch eine Liebe im Anfangsstadium als launiges Kontrastprogramm: Pauls Mutter Helga, die nach Erics Abgang nach Berlin in dessen Praxisräumen eine häusliche Krankenpflege eröffnet hat, und ihr Patient Tayfun Bulut (Ercan Durmaz) vergucken sich ineinander. Dass er Polizist ist, wird sich noch als ein Vorteil erweisen.
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Die Liebe als hochkomplexe Interaktion voller Widersprüche, so begegnet sie einem in der zwölften Episode von „Käthe und ich“. Die Psychologie einer Kränkung durch den (einst) geliebten Partner findet sich in beiden Geschichten – und einer Figur verhilft diese Spiegelung zur Einsicht. Dramaturgisch ist das gut ausgedacht, ohne dass die Handlung im Detail oder ihr Ausgang frühzeitig abzusehen wären. Emotional geht die Geschichte ans Eingemachte – und weil Paul Winter noch nie einer dieser patenten TV-Helfershelfer war, sondern einer ist, der die Dinge sich zu Herzen, ja, sehr persönlich nimmt und Gefühle nicht wegrationalisiert, geht einem auch als Zuschauer das Aufbrechen dieses scheinbar verheilten Schmerzes ganz schön nahe. Das ist in „Ein gutes Leben“ nicht anders. In dieser Episode, ebenfalls wie die komplette Reihe von Brigitte Müller geschrieben und diesmal wieder gemeinsam mit Oliver Liliensiek inszeniert, ist allerdings noch weniger Dramaturgie und dafür noch mehr Alltag spürbar. Und Birgit Berthold als Lore Lehmann macht aus dem vermeintlichen Sozialdrama eine Studie wahrer Menschlichkeit. Während in Unterhaltungsfilmen andere ihre Rollen spielen, hat man bei ihr den Eindruck, sie sei diese Frau mit 700 Euro Rente im Monat und sie sei tatsächlich damit zufrieden und glücklich mit ihrem Leben – solange es nur ihrem Hund gut geht und sie keinem auf der Tasche liegt. Berthold ist das menschliche Pendant zu Käthe. Ein Blick in diese warmen Augen trifft die Seele.
Es ist eine spezielle Politik der Gefühle, die die ARD-Reihe „Käthe und ich“ seit Jahren auszeichnet. In den 2025er-Filmen wurde die Codifizierung dieser Empfindsamkeit weiter perfektioniert. Dazu gehört der kluge Einsatz der Rückblenden, das konzentrierte Spiel, reduziert auf kleine Gesten, Blicke und lieber ein Wort weniger als zu viel. Und wenn es dramatisch wird, wenn verletzende Worte fallen, dann bekommt der emotional Betroffene erst mal einen Moment zum Durchschnaufen, um damit klarzukommen. Konflikte werden nicht zu Tode gequatscht. Während melancholische, oft nächtliche Landschafts-Totalen zu sehen sind, bekommt auch der Zuschauer die Möglichkeit, die emotionalen Situationen, das Erzählte sacken zu lassen. Und wenn man mit den Reizen in Filmen sparsam verfährt, dann kann schon eine Umarmung eine riesige Wirkung erzielen. So sensibilisiert man auch stimmiger als mit der dramaturgischen Brechstange für Altersarmut und Wohlstandvernachlässigung.
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