Ein Reisebus bricht durch die Mittelplanke einer Stadtautobahn. Der Fahrer rast mit Vollgas im Tunnel durch den Gegenverkehr, hinterlässt dabei eine Schneise der Verwüstung, stürzt um und brennt teilweise aus. „Viele Tote und noch mehr Verletzte“, berichtet der Kripo-Beamte Jan Auschra (Robert Stadlober) am Unfallort seiner Kollegin vom Bundeskriminalamt. Die ziemlich eigenwillige Anne Goldmundt (klasse: Lia von Blarer) ist „Spezialistin für Selbstmordattentate, Amokfahrten und solche Sachen“, wie Jan seinem Kollegen Hänno (David Hugo Schmitz) erläutert. Die Ermittlung der Unfallursache bildet die dramaturgische Klammer aller sechs Episoden, was an die vom NDR koproduzierte deutsch-finnische Serie „Seconds“ erinnert, die von einem Eisenbahnunglück handelte. Aber in der ersten Staffel von „Seconds“ waren alle Hauptrollen auf die Spezialeinheit der finnischen Unfallermittler beschränkt. Arndt Stüwes „Hundertdreizehn“-Drehbuch setzt dagegen auf einen multiperspektivischen Ansatz: Jede Episode ist im Grunde genommen ein eigener Film, mit einer (Episoden 2-5) oder wenigen gleichberechtigten Hauptfiguren (Episoden 1 und 6), mit eigenem Rhythmus, Tempo und Bildsprache. Gleichzeitig zerfällt die von Rick Ostermann („Das Boot“, „Fremder Feind“) umsichtig inszenierte Serie nicht in ihre Einzelteile, denn sie kehrt immer wieder zu der Frage zurück, was genau auf der Straße und im Bus geschah – und, ebenso wichtig: Was schon vor Fahrtantritt geschehen war.
Foto: WDR / Windlight Pictures / Frank Dicks
Die Idee entwickelte Stüwe, nachdem das Bundesverkehrsministerium im Jahr 2017 eine Untersuchung veröffentlicht hatte. Demnach werden bei einem Verkehrsunfall mit einem Toten durchschnittlich elf Familienangehörige, vier enge Freunde, 56 Freunde und Bekannte sowie 42 Einsatzkräfte mit diesem Schicksalsschlag konfrontiert. 113 Menschen, deren Leben sich teils schockartig von einer Sekunde auf die andere ändert. Wie in dem zweiten großen Handlungsbogen, der von Beginn bis Ende reicht und vom Doppelleben des Busfahrers Theo Gradtke (Felix Kramer) und den Folgen für seine Angehörigen handelt. Theo sollte an seinem Geburtstag den Reisebus bis nach Graz steuern. Warum sich seine 15-jährige Tochter Ela (Eva Marlen Hirschburger) nicht von ihm verabschieden will, wird später noch eine Rolle spielen. Theos Lebensgefährtin Riccarda (Anna Schudt) eilt sofort an den Unfallort, nachdem sie und Ela durch Medienberichte von dem schweren Busunglück erfahren haben. Auf die schreckliche Gewissheit, dass Theo gestorben ist, folgt wenig später ein zweiter Schock: Gemeinsam mit anderen Angehörigen der Opfer wartet sie darauf, ihren Mann zu identifizieren. Doch als Theos Namen aufgerufen wird, steht auch eine andere Frau auf. Wie sich herausstellt, hatte der Busfahrer in Graz noch eine zweite Lebensgefährtin, Caro (Patricia Aultizky), und eine zweite Tochter, Salma (Allegra Tinnefeld), die sogar im selben Alter ist wie Ela.
Foto: WDR / Windlight Pictures / Frank Dicks
Zweifellos spielen Katastrophen-Serien mit der Schaulust des Publikums, die sich bekanntlich auch in der Realität gerade bei Verkehrsunfällen auf unschöne Weise manifestiert. Ein didaktisch zugespitztes Szenario mit rücksichtslosen Gaffern, die Rettungskräfte behindern und weitere Unglücksfälle verursachen, bleibt in „Hundertdreizehn“ außen vor. Unumgänglich ist freilich, dass der Unfallhergang detailliert aufbereitet wird und damit in gewisser Weise auch ein voyeuristisches Verlangen befriedigt. Zumal sich die Inszenierung in Sachen Action und Ausstattung wahrlich nicht lumpen lässt. Das Szenenbild mit dem nächtlichen, auf einer gesperrten Hochstraße in Berlin gebauten Unfallort mit zahlreichen Rettungsfahrzeugen, demolierten und brennenden Pkws, dem auf der Seite liegenden Bus und einer großen Zahl an Statisten ist geradezu spektakulär. Allerdings weidet sich die Kamera nicht im Leid der Opfer, zoomt nicht auf Leichen oder blutige Wunden, zeigt auch den Unfallhergang nur dann, wenn es für die Handlung notwendig ist. Was von Sensationslust zu halten ist, wird sogar mit einer kurzen Szene kommentiert. Da ergötzt sich eine Mitschülerin von Ela an den Berichten von abgerissenen Gliedmaßen – und kassiert einen Fausthieb von der Tochter des Busfahrers, der als Erster in Verdacht gerät, weil er auf der Gegenfahrbahn nicht etwa auf die Bremse, sondern aufs Gaspedal drückte.
Der zweite zentrale Schauplatz der ansonsten in Wien und Köln gedrehten deutsch-österreichischen Serie ist der riesige Hangar, in dem die Polizei den Bus untersucht und die Situation am Unfallort im Detail nachgebaut hat. Allerdings spielt die akribische technische Unfall-Ermittlung keine besondere Rolle, auch die in herkömmlichen Fernsehkrimis beliebten Nebenrollen wie Rechtsmediziner und Kriminaltechniker fallen praktisch weg. Der Hangar ist eher eine Art ungewöhnliches, überdimensioniertes Kommissariat, wo das Ermittler-Trio an Schreibtischen arbeitet, wo Anne mit Rucksack und Liege ihr Quartier aufschlägt und Jans Hund namens Petergabriel umherstreunt – ein etwas kurioser Nebenschauplatz, der aber zugleich das Zentrum bildet, weil hier die Fäden der Handlung immer wieder zusammenlaufen.
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Gleichzeitig erzählen die einzelnen Episoden, wie der Unfall das Leben verschiedener Menschen auf ganz unterschiedliche Weise beeinflusst. Herausragend bereits die zweite Episode, in der Armin Rohde einen überragenden Auftritt als Speditionsunternehmer Richard Born hat, der von seinem Büro aus Augenzeuge des Unfalls wird. Hier wird aus der Katastrophen-Serie ein feinfühlig und präzise inszeniertes Drama über einen alternden Unternehmenspatriarchen, der langsam sein Gedächtnis verliert. Ganz anders erzählt Episode drei diese klassische Tragödie, in der der Unfall zugleich eine reinigende Wirkung entfaltet. Feuerwehrmann Jesper Lohbrink (Max von der Groeben) wird bei den Rettungsarbeiten mit seinem persönlichen Trauma, dem Verlust seines als Kind ertrunkenen Bruders, konfrontiert. Regisseur Ostermann erzählt dies in einem Wechselspiel aus hoch spannenden, klaustrophobischen Szenen im brennenden Reisebus, aus dem Jesper zwei Kinder zu retten versucht, und einem in ruhigem Tempo als Rückblick erzählten Familiendrama. Jesper muss sich dabei im Haus am See, wo einst das Unglück mit seinem Bruder geschah, überraschend seinem Vater Peter (Harald Windisch) und der eigenen Sprachlosigkeit stellen. Ostermann zieht das Wechselspiel konsequent durch, sodass dies die einzige Episode ist, in der weder die Ermittler noch die Familien des Busfahrers in Erscheinung treten – beziehungsweise erst am Ende, das jeweils eine Überleitung zur nächsten Folge bildet. Unnötig und auch ein bisschen effektheischend wirkt hier lediglich, dass Einstellungen im brennenden Bus wiederholt werden.
Um das Thema Schuld und Verantwortung dreht sich insbesondere die vierte Episode, in der Friederike Becht eine überlebende Busreisende spielt. Clara Eweleit konnte sich aus dem umgestürzten Bus befreien – und schüttelte beim Hinausklettern eine andere Passagierin ab, die sich an ihren Fuß klammerte. Episode fünf löst das Rätsel, warum eine Frau im Hochzeitskleid, gespielt von Antonia Moretti, in letzter Minute den Bus nach Graz bestiegen hat. Auch sie wird überleben, leidet anschließend aber unter Gedächtnisverlust. Die einzelnen Geschichten sind teilweise ausgesprochen zugespitzt konstruiert, um eine maximale Wirkung zu erzielen. Das gilt letztlich auch für den erst in der letzten Episode vollständig rekonstruierten Unfallhergang, aber was ist eine Katastrophe solchen Ausmaßes sonst als die sprichwörtliche „Verkettung unglücklicher Umstände“? Vor allem ist sie ein Drama mit existenziellen Wendungen für die zahlreich beteiligten oder direkt und indirekt betroffenen Menschen. Davon erzählt „Hundertdreizehn“ auf beeindruckend intensive, vielfältige und hoch spannende Weise.


4 Antworten
Ja, gute Serie, Binge-Watching-Gefahr, keine Sekunde Langeweile, allerdings wurden die Emotionen mit einer von Zufällen reichlich gespickten Dramaturgie auf eine kaum noch sichtbare Spitze getrieben. Hollywood wird für diese Serie bestimmt für ein US-Remake anklopfen. Stadlober ist in seiner Rolle eine krasse Fehlbesetzung. Er grinst viel zu viel, an Stellen, wo es nix zu Grinsen gibt. Ansonsten eine durchweg auch in Nebenrollen gute Performance der Besetzung, z.B. auch von den beiden Mädchen mit dem gleichen Vater, oder auch von Antonia Bill als Ylvie in der 3. Folge «Jesper». Die Serie «Hundertdreizehn» ist bis dato im Jahr 2025 ein Serienhighlight des ÖRR. Von mir auch ein 5,5 von 6 Sternen
Die Grundidee ist ja nicht schlecht, aber diese Häufung von verbindenden Zufällen ist dermaßen überkonstruiert und unwahrscheinlich, dass es schon wieder albern wirkt.
Ja,mich hat die Serie gefesselt,allen Kritiken in den verschiedenen Medien kann ich zustimmen,aber eine Sache hat mich gewaltig gestoert und mir die Freude an der Serie nachhaltig beeintraechtigt:Muss man jeden Rueckblick im Film mit diesem lauten, unverhaeltnismaessigen,quaelenden Donnergetoese einleiten,bei dem man ohne den staendigen Einsatz der Tonfernbedienung Hoerschaeden und Laermschocks bekommt? Ich weiss,die Macher denken,damit ein beeindruckendes, aufwuehlendes Erlebnis zu schaffen .Ich meine,eine Produktion,die derartig profane Techniken noetig hat,zerstoert die eigentlich hervorragende Qulitaet der Serie.
Wir haben die Serie mit voller Begeisterung geschaut. Am Anfang kommt man überhaupt nicht drauf, was die wirkliche Ursache für dieses Busunglück ist. Es werden verschiedene Personen gezeigt, die unterschiedliche Lebens-Dramen durchmachen. Sie stehen alle direkt oder indirekt mit dem Busunglück in Verbindung.
Das Ende finden wir wirkliche hart.
Uns haben die Darsteller gut gefallen, wie sie die verschiedenen Typen darstellen ist wirklich klasse.
Eine wirkliche gelungene Produktion.