Georg (Jan Krauter) hat zwar keinen Job, besitzt aber die Gabe, allen zu zeigen, dass er ein ganz toller Typ ist. Bei seiner kleinen Tochter Bernadette (Elise Lindner) klappt das ausgezeichnet, bei seiner Frau Mara (Pina Bergemann) immer weniger gut. Der Anfang vom Ende ist ein Kita-Wechsel. Statt sich um Jobs zu kümmern, bringt sich Georg immer mehr in das Elternprojekt ein, ehrenamtlich, während Mara als Putzhilfe mehr schlecht als recht den Familienunterhalt verdient. Sie versteht es ohnehin nicht, dass es ausgerechnet dieser Elite-Kindergarten sein muss. Wie auf alles hat Georg auch darauf den richtigen Spruch parat: „Wenn du es in dieser Welt zu etwas bringen willst, dann musst du ganz hoch ansetzen.“ Außerdem werde Bernadette, die an Epilepsie leidet, in der inklusionserfahrenen Einrichtung sehr viel besser gefördert. Auch das Mädchen ist happy. Und nachdem Georg mit den gewohnheitsmäßigen Mogeleien – abgeschlossenes BWL-Studium, Erfahrung als Eventmanager – zum Finanzvorstand des „Regenbogen e.V.“ gewählt wurde, lösen sich auch die Geldprobleme der Familie in Wohlgefallen auf. Obwohl Vorstandmitglied Patrizia (Anna Brüggemann) gegenüber Georg skeptisch bleibt, so findet er in Jule (Friederike Kempter) und Noemi (Lara-Sophie Malagro) zwei ihm wohl gesonnene Mütter. Eine der beiden reagiert besonders offenherzig auf seinen Softie-Charme.
Soundtrack: Donovan („Hurdy Gurdy Man“), Rodriguez („Sugar Man“), Dean Martin („Sway“)
Foto: ZDF / Christoph Assmann
„Glaube an deine innere Stärke, dann glauben es alle.“ Diese Affirmation ist für die Hauptfigur in der ZDF-Komödie „Fang mich doch!“ die Quelle allen Handelns. Das Badewannen-Coaching zum Erfolg in der Eingangsszene zahlt sich aus: „think, believe, act!“ Hinzu kommt: Dieser Georg ist ein Profi im Improvisieren. Die Kreditkarte des Vereins ist Gold wert für die kleinen Annehmlichkeiten des Alltags. Der Berufsjugendliche, der mit seiner Familie immer noch so wohnt wie in WG-Zeiten, möchte auch gern so stilvoll und luxuriös leben wie Jule und Noemi. Und so macht er weiter mit seiner Hochstapelei, gibt sich offen und aufmerksam, findet meist die richtigen Worte oder zumindest solche, die seine Inkompetenz und Lügen nicht aufdecken. Je länger das Ganze gutgeht, umso dreister wird Georg. Erst sind es Kashmir-Socken, dann ein sündhaft teures Cabrio. Neben der Lust am Luxus ist es bei diesem kriminellen Aufschneider offensichtlich auch der Nervenkitzel, der beim Lügen entsteht und der wie eine Droge wirkt: Ein wohliges Gefühl der Allmacht durchströmt den von Jan Krauter großartig verkörperten Zocker. Der gesunde Menschenverstand weiß es, der Spieler will‘s nicht wahrhaben: Irgendwann wird das Ganze auffliegen. Das weiß man auch als Zuschauer. Und was dann? Dank Krauter bangt man die meiste Zeit mit diesem Unmoralischen mit. Höhepunkt des Komödien-Suspense ist eine Szene, in der sich Georg die obszön luxuriöse Wohnung eines Putzkunden seiner Frau ausgeliehen hat, um Jule zu beeindrucken. Während die Kinder fröhlich mit den Sextoys aus dem SM-Schlafzimmer spielen, nahen die Wohnungsbesitzer.
Betrüger im TV haben derzeit Konjunktur. Heißt es bei „Fang mich doch!“ eher vage „inspiriert von wahren Begebenheiten“, was entweder vorsichtshalber aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen so formuliert wurde oder weil es in Zeiten von True Crime ein (gut klingendes) Verkaufsargument ist, stehen in einigen US-Serien reale Vorbilder im Zentrum. In „Inventing Anna“ (Netflix, 2021) beispielsweise zieht eine Russin, die sich als deutsche Millionenerbin ausgab, der New Yorker Oberschicht das Geld aus den Taschen. In „The Dropout“ (Disney+, 2022) geht es um das von Elizabeth Holmes geführte Wissenschaftsunternehmen mit einer schwindelerregenden Bewertung, das auf Fake-Labortests basierte. Auf einen Skandal noch größeren Umfangs setzte man hierzulande in der Krypto-Queen-Dramedy „Take the Money and run“ (ZDF, 2026) und vor allem in der Grimme-Preis-gekrönten Serie „Die Affäre Cum-Ex“ (ZDF, 2025), die alle Seiten dieses kriminellen Griffs in die Staatskasse lustvoll ausbreite. Noch größere Sympathien für den Betrüger hegt die Serie „Ich bin Dagobert“ (RTL+, 2024) über den Kaufhauserpresser Arno Funke oder auch „Der Scheich“ (Paramount+, 2022) über den Mann, ein Analphabet und Gelegenheitsarbeiter, der die Schweizer Hochfinanz wochenlang an der Nase herumgeführt hat. Erinnert sei auch an „Faking Hitler“ (RTL+, 2021) um die Hitlertagebücher oder die köstliche Finanzmarkt-Satire „King of Stonks“ (Netflix, 2022). In allen Serien hat das Betrügen – wie in der Realität – zwei Seiten. Ohne die Gier oder die Gutgläubigkeit der Betrogenen würde das Spiel nicht funktionieren. In „Fang mich doch!“ sind es vergleichbar kleine Brötchen, die dieser Kita-Finanzvorstand backt, entsprechend sind auch die Vorteile, die sich die Elternschaft erhofft, eher alltagsnaher Natur: Georg nimmt den Reichen und Vielbeschäftigten die Arbeit ab. Seinem Hang zum Lebenspraktischen (er weiß als einziger etwas vom Flusensieb in der Waschmaschine) steht eine naive Weltfremdheit einer gehobenen Mittelschicht gegenüber. In ihrer Blase lebend („Wir vertrauen einander“), fallen sie der bösen Parallelwelt da draußen, vor denen sie ihre Kiddies schützen wollen, selbst zum Opfer.
Foto: ZDF / Christoph Assmann
„Fang mich doch!“ ist kein Drama, sondern eine Komödie, charaktertechnisch mit Hang zur Tragikomödie. Dass das Verhalten in seiner absurden Abartigkeit psychologisch stimmig ist, macht den Film von Ester Amrami („Wir“) nach dem lebensklugen Drehbuch von Elke Rössler („Katharina Tempel“) zu einer umso besseren Komödie. Doch was macht diese Hochstapler-Geschichte so reizvoll? Es ist eine Gratwanderung zwischen Sympathie für den Betrüger, gepaart mit etwas Schadenfreude. Ein bisschen Lust an der Subversion mag auch hineinspielen – auch wenn es die Geschädigten weniger verdient haben als etwa die Multimillionäre in der Jon-Hamm-Serie „Your Friends and Neighbors“ (Apple TV, 2024/2026). Zum Höhepunkt hin dominiert das egozentrische Verhalten der latent tragischen Hauptfigur über ihr (gespielt) charmantes Wesen – und man fragt sich: wie rauskommen aus dieser Geschichte, diesem Dilemma? Möglicherweise ist es dieses Wechselbad ambivalenter Zuschauer-Gefühle, die „Fang mich doch!“ so fesselnd macht. Dramaturgisch spielen für die Faszination auch Tempo und Situationskomik eine entscheidende Rolle. Ob Kita-Vorstellungsgespräch, artgerecht auf Kinderhöckern, besagte illegale Wohnungsnutzung, ein Sex-Ausflug in die Vergangenheit oder ein Marihuana-Intermezzo des prinzipientreuen Kita-Vorstands – keine Situation wird überstrapaziert, alles fließt locker und leicht – bis nichts mehr geht und die tragischen Momente in einer stimmigen Schlusssequenz die Oberhand gewinnen.

