Erzgebirgskrimi – Über die Grenze

Scheve, Mandoki, Weißbach, Schüttauf, Schaeffer, Jahreis. Niemand hört dich schreien

Foto: ZDF / Conrad Lobst
Foto Tilmann P. Gangloff

Der 13. „Erzgebirgskrimi“ (ZDF / NFP) ist einer der besten der 2019 gestarteten Reihe mit Kai Scheve und Lara Mandoki: Der zufällige Fund eines Skeletts auf einer Baustelle führt zu einem Mordfall in den letzten Tagen der DDR. Als Kommissar Winkler drauf und dran ist, das Rätsel zu lösen, verschwindet er spurlos. Die dramaturgische Konzeption des Drehbuchs erinnert an die „Spreewaldkrimis“. Das Ergebnis mag nicht ganz so kunstvoll sein, ist aber auch dank der Thrillermusik überaus fesselnd. Mehr als sehenswert ist „Über die Grenze“ nicht zuletzt wegen der Episodengäste, allen voran Jörg Schüttauf und Max Hopp.

Gute Geschichten sind wie eine Reise voller Abenteuer. Natürlich kann man geradewegs von A nach C fahren, aber erst der Umweg über B bietet Stoff für eine reichhaltige Erzählung. Im Krimi sorgt oft die Montage für entsprechende Spannungssteigerungen, wenn zum Beispiel Rückblenden erahnen lassen, dass sich die Lösung eines aktuellen Mordfalls in einer weit zurückliegenden Vergangenheit verbirgt. Bruchstücke von Erinnerungen deuten an, wer damals wie heute an den Taten beteiligt war. Wenn dann auch noch eine der Hauptfiguren in akuter Lebensgefahr schwebt und dem Tod geweiht zu sein scheint, während eine verzweifelte Suchaktion läuft, wird klar, dass es sich bei „Über die Grenze“ um einen der besten von nunmehr dreizehn „Erzgebirgskrimis“ handelt.

Erzgebirgskrimi – Über die GrenzeFoto: ZDF / Conrad Lobst
Zwei der überzeugenden Episodendarsteller. Gerber (Jörn Hentschel) ist entsetzt über die Drohung von Kircheiß (Jörg Schüttauf).

Susanne Schneider hat bereits das Drehbuch zur gleichfalls sehenswerten achten Episode („Familienband“) geschrieben. Dass die Autorin das Thriller-Handwerk beherrscht, hat sie zuletzt mit ihrer Adaption des Sebastian-Fitzek-Romans „Der Heimweg“ (Amazon Prime, 2025) bewiesen. Als Inspiration für ihren zweiten Krimi aus dem Erzgebirge dienten womöglich die von Thomas Kirchner kreierten „Spreewaldkrimis“ (ebenfalls ZDF). Dort ist die Erzählweise zwar noch stärker verschachtelt, aber die ostdeutsche Vergangenheit spielt ebenfalls oft eine entscheidende Rolle. „Über die Grenze“ mag nicht ganz so kunstvoll sein, ist dafür aber gerade auch dank der packenden Musik (Andreas Koslik) enorm spannend, zumal schon die Einführung mit ihren kurzen Andeutungen der späteren Ereignisse mehr als bloß Neugier weckt. Der Schnitt (Benjamin Hembus) hat ohnehin großen Anteil daran, dass der Film von der ersten bis zur letzten Minute fesselt.

Die eigentliche Handlung beginnt mit einem Leichenfund: Bei Baggerarbeiten werden die sterblichen Überreste eines Mannes entdeckt, der vor dreißig bis vierzig Jahren erschossen worden ist. Rückblenden verraten, dass Paul Berthold zu einer NVA-Einheit gehörte, die die Grenze zur damaligen Tschechoslowakei sichern sollte. Schneider hat diesen Teil ihrer Geschichte im Dezember 1989 angesiedelt, in jener Zwischenzeit also, als die Vergangenheit zwar schon beendet war, die Zukunft aber noch nicht begonnen hatte. Damals haben drei Kameraden des Mordopfers ein krummes Ding gedreht. Paul, hieß es, sei nach Amerika ausgewandert, von dort hat er seiner Familie Fotos geschickt. Dieses Rätsel immerhin können Robert Winkler (Kai Scheve) und seine Kollegin Karina Szabo (Lara Mandoki) recht bald lösen: Paul hatte einen Zwillingsbruder, der sich nun, als die alte Geschichte buchstäblich ans Tageslicht kommt, offenbar aus Gram das Leben genommen hat. So einfach macht es Schneider dem Ermittlungsduo jedoch natürlich nicht, zumal mitten in der Nacht auch noch Winkler spurlos verschwindet. Der Hauptkommissar ist wie vom Erdboden verschluckt, was der Wahrheit erschreckend nahekommt.

Erzgebirgskrimi – Über die GrenzeFoto: ZDF / Conrad Lobst
Millie Berthold (Stephanie Amarell) kämpft um das Recht auf eine Zukunft. „Über die Grenze“ ist ein Highlight der ZDF-Reihe.

Regie führte Thorsten M. Schmidt, er hat auch „Familienband“ inszeniert, setzt diesmal aber noch stärker auf die optische Wirkung. Nächtlicher Nebel stammt zwar aus dem Baukasten solcher Filme, sorgt jedoch für eindrucksvolle Aufnahmen (Kamera: Conrad Lobst). Tagsüber sind die Bilder fahl. Die Dreharbeiten fanden im April statt; nicht nur die gelegentlichen Schneeflocken verleihen vielen Szenen eine frostige Atmosphäre. Endgültig mehr als sehenswert ist „Über die Grenze“ wegen der Episodengäste. Gerade Jörg Schüttauf als Bauunternehmer Kircheiß, auf dessen Baustelle in Altenberg die dort vor 35 Jahren vergrabene Leiche gefunden wurde, sowie Max Hopp als nervöser Lokalbesitzer Uhlmann sind eine vortreffliche Wahl für die alten Kameraden. Den Dritten im Bunde spielt Jörn Hentschel, der allerdings die wenig dankbare Aufgabe hat, ständig schreiend und unflätig fluchend die Unschuld des vorbestraften Autoschmugglers Gerber beteuern zu müssen; die Indizienlast ist allerdings erdrückend.

Als clever erweist sich auch Schneiders Einfall, mitten im Film den Hauptdarsteller verschwinden zu lassen. Auf diese Weise wird die Ermittlung Frauensache, denn Szabo bekommt Unterstützung durch Winklers Freundin, die Revierförsterin Saskia Bergelt (Theresa Weißbach). Die gemeinsame Sorge um den Polizisten schweißt die beiden zusammen und bereichert das Finale um einen erheblichen emotionalen Faktor. Auch zwischendurch wird’s bereits dramatisch: Winkler vernimmt in seinem Verlies das Gebell der Suchhunde, aber niemand hört ihn schreien. Die Auflösung des historischen Falls ist erwartbar, doch die Erklärung für den vermeintlichen Suizid ist eine echte Überraschung.

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3 Antworten

  1. Was ist aus unserem Fernsehprogramm geworden? Am Samstag, den 30.08. 2025 gibt es in der ARD eine Quizshow und im ZDF gibt es einen Krimi. Am 06.09. 2025 das Gleiche: In der ARD eine Quizshow, im ZDF ein Krimi…heute wird im Programm der Film: „Barbie“ bei RTL als „Tipp des Tages“ angepriesen. Oh je, wo ist das Niveau und die Vielfalt geblieben?

  2. Und nicht vergessen: Am 13.09. ist es umgekehrt: Krimi in der ARD und im ZDF eine Quizshow. Einfach nur schwach unser Fernsehprogramm.

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Reihe

ZDF

Mit Kai Scheve, Lara Mandoki, Teresa Weißbach, Jörg Schüttauf, Jörn Hentschel, Max Hopp, Jörg Westphal, Masha Tokareva, Thomas Thieme, Isabella Parkinson

Kamera: Conrad Lobst

Szenenbild: Anne Schlaich

Kostüm: Bettina Weiß

Schnitt: Benjamin Hembus

Musik: Andreas Koslik

Redaktion: Pit Rampelt

Produktionsfirma: NFP

Produktion: Clemens Schaeffer, Rainer Jahreis

Drehbuch: Susanne Schneider

Regie: Thorsten M. Schmidt

Quote: 6,03 Mio. Zuschauer (28,9% MA)

EA: 23.08.2025 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 30.08.2025 20:15 Uhr | ZDF

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