Den Tod irgendwie austricksen und ihm ein Schnippchen schlagen oder das Unvermeidliche zumindest etwas hinauszögern: ein uralter Traum, seit der Mensch weiß, dass das irdische Dasein endlich ist. Das ewige Himmelreich mag ein Trost sein, doch das Risiko, in der Hölle zu landen, ist nicht unerheblich. Und wer will schon in den Himmel, wenn’s da kein Bier gibt? Alois Hingerl jedenfalls nicht. Der Grantler ist der Titel-Antiheld von Ludwig Thomas 1911 erschienener Erzählung „Der Münchner im Himmel“, und es ist mehr als verwunderlich, dass die saftige Bayern-Satire bislang bloß als kurzer Zeichentrickfilm (1962, ARD-Mediathek) adaptiert worden ist. Natürlich wäre der Handlungskern – Alois kommt in den Himmel und stänkert so lange ’rum, bis er wieder heimgeschickt wird – nicht abendfüllend, aber Marcus Pfeiffer (Buch) und David Dietl (Regie) ist das Kunststück gelungen, dem wohl bekanntesten Werk der bayerischen Volksliteratur als Gegenwartsgeschichte über Vergebung und Versöhnung eine völlig neue Ausrichtung zu geben und dem Geist der Vorlage dennoch treu zu bleiben.
Anders als Alois ist Ludwig Anton Brunner, genannt Wiggerl, ganz im Sinn von Helmut Dietls TV-Klassiker „Monaco Franze“ (1983) mit Helmut Fischer ein „ewiger Stenz“, also das, was man zu Thomas Zeiten einen Weiberhelden nannte. Außerdem ist Wiggerl ein Filou, der seinen Kopf allein dank eines beträchtlichen Charmes und vor allem mit Hilfe seiner Freunde immer wieder aus der Schlinge ziehen kann; Maximilian Brückner ist genau die richtige Besetzung für diese Rolle. Da Wiggerl in seinem Leben immer nur an sich gedacht hat, ein miserabler Ehemann und Vater war sowie zudem ein echter Gauner, sieht’s nicht gut für ihn aus, als er nach einem Autounfall vor Petrus steht: Sein Sündenkompass ist tiefrot. Als er ähnlich wie sein klassisches Vorbild rebelliert, schickt ihn Gott (selbstverständlich weiblich) genervt mit Ratschlägen für die bayerische Staatsregierung nach München zurück.
Foto: Leonine Studios / W&B Film
Bei Thoma endet die Geschichte damit, dass Alois erst mal ins Hofbräuhaus geht und dort versackt. Auch bei Pfeiffer kommt der Brief nie an, doch seine Version geht nun erst richtig los. Natürlich freut sich Wiggerl über sein unerwartetes Comeback, aber nur solange, bis ihm klar wird, dass er als nichtstoffliches Wesen zurückgekehrt ist: Die Leute gehen wie weiland in „Ghost – Nachricht von Sam“ (1990) einfach durch ihn durch, jegliche Form des haptischen Zupackens ist ihm verwehrt. Einzig seine 16jährige Tochter Toni kann ihn sehen, und das entpuppt sich als Problem, denn sein Schicksal liegt in ihrer Hand: In Wiggerls echtem Körper steckt noch ein Fünkchen Leben. Sollte es ihm gelingen, sein Karmakonto auf Grün zu stellen, könnte er aus dem Koma erwachen. Jetzt muss er nur noch Toni davon überzeugen, ihm dabei zu helfen, ein besserer Mensch zu werden, aber die junge Frau will nichts mit ihm zu haben.
David Dietl ist spätestens mit seiner RTL-Serie „Gute Freunde“ über den Aufstieg des FC Bayern aus dem Schatten von Vater Helmut getreten und liefert mit „Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang“ sein Meisterstück, ebenso wie Pfeiffer, dessen erstes verfilmtes Drehbuch die mitreißende Komödie „Beckenrand Sheriff“ war. Neben den Dialogen und vielen überraschenden Handlungswendungen, die Wiggerl unter anderem nach dreißig Jahren Funkstille ein Wiedersehen mit seinem Vater (Heiner Lauterbach) bescheren, sorgt vor allem die dank Blasinstrumenten, Akkordeon und Hackbrett sehr bayrisch geprägte Musik (Michael Kamm) für Tempo und Atmosphäre. Endgültig mehr als sehenswert wird der von Dietl in der Tradition von Joseph Vilsmaiers Abschiedswerk „Der Boandlkramer und die ewige Liebe“ (2021) inszenierte Film durch die Besetzung: Hannah Herzsprung als Wiggerls zukünftige Witwe, Ina Müller als Gott sowie Olli Schulz als lebensmüder Schutzengel; nicht zu vergessen Nachwuchstalent Momo Beier als Tochter Toni. Großen Spaß machen auch die vielen kleinen Einfälle: Brückner oben auf dem Friedensengel erinnert an eine fast identische Szene mit Bruno Ganz auf den Schultern der Siegesgöttin in „Der Himmel über Berlin“ (1987) von Wim Wenders. Wiggerls Himmel wiederum ist dem Trickfilm nachempfunden; die pompösen Szenen mit Petrus (Robert Palfrader) und Gott wurden im Kunsthistorischen Museum Wien gedreht. Sehr sympathisch ist auch die behutsame Verwendung digitaler Effekte: Als Gast auf Erden kann Wiggerl zwar durch Wände gehen, aber das wird nicht überstrapaziert; und der Schluss vor dem Epilog rührt zu Tränen.

