„Es ist so still in mir, so seltsam still“, erklingt eine männliche Stimme aus dem Off, während die Bilder aus der Unterwasserperspektive die Konturen eines Bootes zeigen. Der Ausflug eines Liebespaars auf dem Mattsee endet abrupt, als aus der Tiefe der in eine Plastikfolie eingewickelte Körper eines Menschen auftaucht. Die Stimme gehört Rafael Dorner (Christoph Luser), der den Mordfall übernehmen wird. Der Oberinspektor hat kürzlich durch Suizid seine Partnerin verloren, darunter leidet er immer noch, zumal er sich die Schuld an ihrem Tod gibt. Er erweckt ohnehin nicht den Eindruck, als sei er diensttauglich. Die Vorgesetzte stellt ihm deshalb eine junge Kollegin Alex Fink (Salka Weber) zur Seite, die er despektierlich als Praktikantin bezeichnet. Die Inspektorin soll ihn im Auge behalten, und das ist nicht nur wegen seines Zustands völlig angebracht: Der Mann ist in der Gegend aufgewachsen. Dorner sei doch „einer von uns“, wird ihm gleich zweimal gesagt; spätestens beim zweiten Mal weiß er, dass der Satz weit mehr als bloß die offensichtliche Bedeutung hat.
Foto: ZDF / Stefanie Leo
Es ist vor allem diese personelle Konstellation, die den besonderen Reiz des vierten vom ZDF koproduzierten ORF-„Landkrimis“ aus dem Bundesland Salzburg ausmacht. Christoph Luser versieht den psychisch erheblich angeschlagenen Polizisten mit viel Melancholie, die dem auch im Dienst trinkenden Dorner von vornherein eine gewisse Sympathie garantiert; von seiner Vorliebe für klassische Rockmusik, die dem Film eine hörenswerte Tonspur beschert, ganz zu schweigen. Dabei ist anfangs noch gar nicht zu erahnen, wie tief er in den Fall verstrickt ist. Der Oberinspektor wird mehr und mehr zur tragischen Figur der Geschichte, zumal sich herausstellt, dass die Keimzelle für sein unseliges Schicksal bereits Jahrzehnte vor seiner Geburt entstanden ist.
Soundtrack:
Troublemakers („Get Misunderstood“), Led Zeppelin („Immigrant Song”) 5K HD („What If I”), David Lynch („The Night Bell With Lightning”), Patti Smith („Gloria”), Deep Purple („Highway Star”), Summer Kennedy („Bad Things”)
Passend zu sinistren Handlung haben die Brüder Arman und Arash Riahi, die auch als Koautoren am Drehbuch (Ralph Werner) beteiligt waren, für eine entsprechende Anmutung gesorgt. Die Dreharbeiten fanden größtenteils im Mai statt, aber Kamerafrau Anna Hawliczek hat den düsteren Aufnahmen jede Frühlingsfröhlichkeit ausgetrieben. Aus verstörenden Bildfetzen bestehende kurze Rückblendensequenzen sorgen regelmäßig für ein Unbehagen, das durch die wenig melodiöse Musik (Karwan Marouf) zusätzliche Nahrung bekommt. Neben der optischen Umsetzung ist „Dunkle Wasser“ aber auch darstellerisch sehenswert; zum Ensemble gehören unter anderem Erwin Steinhauer als Oberhaupt der Familie Schober, die Dorner einst wie einen Sohn aufgenommen hat, und Fritz Karl als Sohn des Patriarchen, für den der Polizist wie ein Bruder ist.
Foto: ZDF / Stefanie Leo
Die Krimi-Ebene ist auch deshalb fesselnd, weil die Handlung immer undurchsichtiger wird. Fink verdächtigt Lukas Schober (Nikolaus Lessky), den Freund der toten Schülerin Elena, aber für Dorner besteht kein Zweifel daran, dass der örtliche Platten- und Drogenhändler Kozak (Thomas Mraz) seine Finger im Spiel hat. Eine Befragung des Mannes nimmer allerdings ein höchst unerwartetes Ende und wirft zudem die Frage auf, ob der Oberinspektor überhaupt einer der Guten ist, zumal Fink herausfindet, dass Elena für den Kollegen mehr als bloß die Tochter seiner Jugendliebe (Anna Tenta) war. Licht ins Dunkel bringt schließlich der vermeintlich spinnerte uralte frühere Dorfarzt (Peter Mitterrutzner), der sich noch gut an jene Kriegsereignisse erinnern kann, die die Menschen, wie er sagt, „im dunkelsten Winkel ihres Herzens“ vergraben hätten; und plötzlich führt die Geschichte in eine völlig neue Richtung.
Als Heimatkrimi ist „Dunkle Wasser“ zwar naturgemäß längst nicht so turbulent und makaber wie der weihnachtliche Episodenfilm „Schrille Nacht“ (2022), das letzte Werk der im Iran geborenen und als Kinder nach Österreich emigrierten „Riahi-Brothers“, aber sehr dicht inszeniert. Trotzdem fesselt der Film vor allem durch die Abgründigkeit der männlichen Hauptfigur. Zunächst hält Fink den Kollegen mit seinem uralten Saab und der Vorliebe für Rock-Oldies bloß für schrullig. Das ändert sich, als sie erkennt, wie kaputt Dorner tatsächlich ist. Gegen Ende attestiert sie ihm, er sei komplett irre; dabei weiß sie nicht mal die Hälfte der Dinge, die er sich hat zuschulden kommen lassen. Salka Weber, die sich ohnehin für weitere Aufgaben nicht nur in ORF-Produktionen empfiehlt, und Christoph Luser sind auch schauspielerisch eine interessante Kombination. Der Schluss lässt jedoch offen, ob eine Fortsetzung mit dem Gespann Dorner/Fink überhaupt möglich ist.

