Albträume, Visionen, Rückblenden, Erinnerungsfetzen, und all das kunterbunt durcheinander: Im Kopf von Lisa Konrad würde ohne Psychopharmaka pures Chaos herrschen. Als sie die Medikamente absetzt, lassen sich die verschiedenen Daseinszustände allerdings nicht mehr kontrollieren. Dabei ist Kontrolle genau das, was sie zum geistigen Überleben benötigt, denn der Zufall beschert ihr einen Ausweg aus dem Trauma, das sie seit vielen Jahren im Griff hat: Sie will den Mann treffen, der einst ihre jüngere Schwester ermordet hat. Die Reaktionen auf Melanie Raabes Erstlingswerk „Die Falle“ (2015) waren wegen der mitunter seitenlangen Introspektionen durchaus gemischt. Die rund viereinhalb Stunden lange Verfilmung dagegen ist nicht eine einzige Minute zu lang. Ihren besonderen Reiz verdankt die sechsteilige Serie neben dem fesselnden Handlungskern vor allem dem dramaturgischen Konzept: Virtuos wechselt Isabel Kleefeld (Buch und Regie) ständig die verschiedenen Ebenen, ohne Konfusion zu stiften.
Lisa hat sich nach der Tat völlig zurückgezogen und nicht nur den Verlag, sondern auch ihren Namen gewechselt. Sie lebt nun in einer großzügigen Villa, die sie seit zehn Jahren nicht verlassen hat. Abgesehen von Assistentin Yuma (Malaya Stern Takeda) beschränken sich die persönlichen Kontakte auf ihre Agentin (Anna Schudt) und eine Psychotherapeutin (Ursula Strauss). Ihr Dasein ändert sich radikal, als sie den Täter, den sie damals kurz gesehen hat, zufällig im Fernsehen entdeckt. Es handelt sich um den renommierten Journalisten Robert Lenzen. Lisas Bücher sind Bestseller, aber in der Öffentlichkeit ist so gut wie nichts über sie bekannt. Interviews gibt sie grundsätzlich nicht, von Homestories ganz zu schweigen; das ist der erste Köder für Lenzen. Der zweite ist ein nur für ihn bestimmter Roman über die damaligen Ereignisse. Um der Konfrontation gewachsen zu sein, arbeitet Lisa verbissen an ihrer Fitness und lässt sich von einem Coach (Stefan Gorski) in Selbstverteidigung unterweisen; ein Verhörspezialist (Johannes Zirner) bringt sie zudem an ihre psychischen Grenzen.
Foto: Martin Menke / Netflix
Die ersten drei Folgen sind geprägt von der Inszenierung des Romans, quasi einer Literaturverfilmung innerhalb einer Literaturverfilmung, die Grimme-Preisträgerin Kleefeld („Arnies Welt“, 2007) jedoch nicht als reine Rückblenden gestaltet: Die Hauptfigur heißt nicht Lisa, sondern Sophie (ihr zweiter Vorname), und wird von einer anderen Darstellerin (Miriam Ohlmeyer) verkörpert. Zwischendurch gehen die Ebenen jedoch ineinander über: Mal taucht Sophie in Lisas jetzigem Leben auf, mal greift die Autorin in die Romanereignisse ein, und schließlich hat ein Schubs aus der Vergangenheit zur Folge, dass sie in der Gegenwart zu Boden stürzt. Weil sie zu Beginn auf eine Fantasiereise nach Italien geht und Kleefeld zwischendurch auch mal den erzählerischen Blickwinkel ändert, wirkt die Serie wie ein Kaleidoskop unterschiedlichster Perspektiven.
Jenseits von Handlung und Umsetzung fasziniert die Netflix-Serie vor allem schauspielerisch. Friederike Becht durchlebt die Höhen und Tiefen ihrer Rolle mit einer Intensität, die Lisas Ausnahmezustand perfekt vermittelt. Kleefelds eigentlicher Coup war jedoch die Besetzung der beiden männlichen Hauptfiguren mit Matthias Brand als Lisas Verleger und Hans Löw als mutmaßlichem Mörder. Er hat mit Becht bereits in dem Drama „Im Rausch“ (2025, ZDF) prächtig harmoniert; sie spielt darin eine Gewohnheitstrinkerin, die gemeinsam mit einem Alkoholiker in einen selbstzerstörerischen Taumel gerät. Löw und Brandt haben in ihren langen Karrieren sowohl Schurken als auch Sympathieträger gespielt. Beide versehen ihre Rollen mit einer Ambivalenz, die das Offensichtliche zu konterkarieren scheint.
Foto: Netflix
Als Lisa damals in die Wohnung ihrer sterbenden Schwester Anna kam, hat sie zweifelsohne Lenzen gesehen, aber die Gegenwart lässt ihn nicht zuletzt wegen der Szenen mit seiner Tochter durchaus liebenswürdig wirken. Verlagsbesitzer Rudow hingegen treibt ein doppeltes Spiel, und das keineswegs nur, weil er sich von Lisas Therapeutin regelmäßig über die Sitzungen informieren lässt: Er kannte Anna und hat sich damals, als ihn eine Polizistin um eine Speichelprobe bat, aus dem Staub gemacht. Außerdem will er sowohl den Roman als auch das Interview verhindern. Ab Folge vier konzentriert sich Kleefeld auf die Gegenwart. Nun wandelt sich die Serie zu einem Katz-und-Maus-Spiel, bei dem sich Gast und Gastgeberin beide für die Katze halten, weshalb die Rollen ständig wechseln. Lisa hat vorsorglich eine Pistole unter dem Tisch angebracht, aber der Journalist („das Monster“) hat dafür gesorgt, dass das Duell nicht auf Augenhöhe stattfindet.
Ähnlich preiswürdig wie Buch und Regie sowie Becht und Löw sind Bildgestaltung (Martin Langer) und Szenenbild (Cordula Jedamski), zumal sich die Handlung größtenteils in der allerdings sehr weitläufigen Villa zuträgt. Optische und akustische Verfremdungen unterstreichen die verschiedenen Gemütszustände der Hauptfigur, zumal ein ganz bestimmtes Lied mehrfach dafür sorgt, dass ihr Traum umgehend wieder präsent ist. Auf diese Weise kommt auch der zuvor nur kurz nebenbei eingeführte Moritz Führmann zu einem wichtigen Auftritt; die Nebenrollen sind ohnehin prägnant und prominent besetzt. Kleefelds gruselig gute erste Arbeit für Netflix, „Liebes Kind“, war ein raffiniert konzipierter Psychothriller, dessen Puzzleteile erst ganz am Schluss ein perfides Gesamtbild ergaben. Die Serie ist 2024 mit dem International Emmy Award ausgezeichnet worden. Beim Deutschen Fernsehpreis 2020 hat Kleefeld für das Ensembledrama „Eine harte Tour“ (ARD) den Preis für die Beste Regie bekommen. „Die Falle“ dürfte ihr die nächsten Ehrungen bescheren.

