In der Fischerei ist Beifang eher lästig, in der Archäologie ist der Begleit- oder Beifund dagegen sehr willkommen: weil die kleinen Bruchstücke rings um die eigentliche Entdeckung oft unerlässlich für die Datierung eines Fundes sind. Für das Publikum von „Terra X“ mag die Erkenntnis nicht neu sein, für Krimifans vermutlich schon, und deshalb taugt das Beifundbild auch für das Fernsehen: Natürlich ist es in erster Linie ein Unterhaltungsmedium, aber Bildung gibt’s oft als Nebeneffekt dazu. Womöglich hätte Christian Schnalke in seinem ersten Drehbuch für die ARD-Reihe „Die Diplomatin“ gern noch mehr Information dieser Art untergebracht, doch der neunte Film mit Natalia Wörner in der Titelrolle soll selbstredend in erster Linie ein fesselnder Krimi sein. Trotzdem spielen Details eine wichtige Rolle für die die Handlung: Mitunter genügen kleine Vorfälle, um erhebliche diplomatische Verwicklungen nach sich zu ziehen.
Auslöser ist ein in der Nähe von Rom entdecktes Artefakt. Auf den ersten Blick wirkt die vollständig erhaltene kleine Skulptur nicht sonderlich aufregend, aber der „Krieger“ ist rund 2.400 Jahre alt und stammt aus der Zeit der Etrusker, die sich in den Jahrhunderten vor Christi Geburt in Norditalien tummelten, bis sie im römischen Reich aufgingen. Weil „Gefährliche Lügen“ so ereignisreich ist, hat Schnalke, Autor einer Vielzahl aufwändiger TV-Produktionen, darunter neben Filmen über die Gebrüder Dassler, Katharina Luther oder Johann Sebastian Bach auch der 2010 mit dem „International Emmy Award“ ausgezeichnete ZDF-Mehrteiler „Krupp – Eine deutsche Familie“, keine Zeit, die historischen Details zu vertiefen oder zu erklären, warum das Artefakt ein derart sensationeller Fund ist. Trotzdem ist das Drumherum sehr interessant, denn ausgerechnet Karla Lorenz sorgt indirekt für Verstimmungen auf ministerieller Ebene.
Foto: Degeto / UFA / Hans Joachim Pfeiffer
Die Geschichte beginnt mit dem Tod eines Grabungshelfers. Sein Chef, der deutsche Archäologe Thilo Kräutner (Daniel Christensen), ist verschwunden. Zur erheblichen Empörung der Botschafterin wird ausgerechnet Stefan Meier, Leiter des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Rom, der die einheimische Polizei bei der Suche nach gestohlenen Artefakten unterstützt, der Hehlerei bezichtigt. Mit der zuständigen Kommissarin hatte Lorenz zu Beginn ihrer Amtszeit gewisse Anlaufschwierigkeiten („Vermisst in Rom“, 2023), aber mittlerweile ist Ricarda Motte (Clelia Sarto) eine gute Freundin. Das ändert sich vorübergehend, als sie Meier (Juergen Maurer) verdächtigt, auch Kräutners Mitarbeiter auf dem Gewissen zu haben. Die Informationen über das vor fast zweihundert Jahren in Rom gegründete und weltweit aktive Institut sind ebenfalls ein interessanter Beifund: Die diversen Außenstellen kommen gern ins Spiel, wenn Diplomatie an ihre Grenzen stößt. Natürlich mischt sich Lorenz ein, und prompt wird es politisch: Weil im Hintergrund über ein europäisches Kulturgüterabkommen verhandelt wird, eilt ein Kollege (Max von Pufendorf) aus Berlin herbei, um die Wogen zu glätten.
Aus all’ dem hätte angesichts des vielen Erklärungsbedarfs auch ein recht wortlastiger Film werden können, aber zwei Nebenebenen sorgen für Spannung: Jan (Alexander Beyer), der zunehmend verbitterte Lebensgefährte der Botschafterin, sitzt seit einem Anschlag im Rollstuhl. Eigentlich sollte er im Rahmen der länderübergreifenden Zusammenarbeit längst für die italienische Polizei arbeiten. Weil sich das verzögert, sucht er auf eigene Faust nach den Tätern von damals; der Schluss dieses Erzählstrangs ist äußerst verblüffend. Geschickt kombiniert der Film in einer Parallelmontage Jans schicksalshafte Begegnung mit der Sorge um Kräutners verschwundene Stellvertreterin: Die schwangere junge Frau (Luisa Gaffron) hatte in der Botschaft um Beistand gebeten, ist entführt worden, konnte fliehen und stürzt schließlich bei ihrer Suche nach dem Artefakt in einer labyrinthischen unterirdischen Nekropole in einen Schacht. Dort liegt sie nun hilflos mit gebrochenem Bein; ihr Telefon ist netz- und nutzlos.
Foto: Degeto / UFA / Hans Joachim Pfeiffer
Mindestens so entscheidend wie das Drehbuch ist auch die Umsetzung durch Anna-Katharina Maier. Die Regisseurin hat für die ARD unter anderem die sehenswerte Thriller-Serie „Die Augenzeugen“ (2025) und gemeinsam mit Mirjam Unger beide Staffeln der ARD/ORF-Koproduktion „Tage, die es nicht gab“ (2023/26) gedreht. „Gefährliche Lügen“ zeichnet sich nicht zuletzt durch das hohe Niveau der Bildgestaltung (Josef Mittendorfer) aus. Chris Bremus, dessen Arbeit ohnehin stets hörenswert ist, sorgt mit seiner Musik dafür, dass die spannenden Momente noch packender sind. Eine echte Bereicherung sind auch die Mitwirkenden mit italienischen Wurzeln, allen voran Giulio Pampiglione als charismatischer Altadel mit reaktionärer Gesinnung (Familienwahlspruch: „Kraft und Feuer bezwingen alles“), Rocío Luz als junge Archäologin sowie Bruno Maccallini (der „Cappucino-Mann“ aus der Kaffee-Werbung) als Schwarzmarktverkäufer antiker Fundstücke.


1 Kommentar
Klingt für mich als wird Alexander Beyer die Reihe verlassen,schade.