In manchen indiginen Kulturen werden Personen mit geistigen Einschränkungen als besondere Menschen verehrt. Hierzulande sind sie im Rahmen der nationalsozialistischen Rassenhygiene zu Zigtausenden umgebracht worden. Auch nach 1945 galten geistig Behinderte als „schwachsinnig“; der Begriff wurde erst ab 1958 zumindest offiziell nicht mehr verwendet. Vor dem Hintergrund der Morde im „Dritten Reich“ und der langen Diskriminierungsgeschichte gibt es ein ungeschriebenes Krimi-Gesetz: Wer geistig beeinträchtigt ist, tötet nicht; jedenfalls nicht mit Vorsatz. Deshalb ist im vierten „Dänemark-Krimi“ von vornherein klar, dass Hanne Ludvigson (Lale Andrä) nicht die gesuchte Mörderin sein kann. Die noch sehr kindlich wirkende junge Frau braucht minutiös geregelte Abläufe, reagiert hochsensibel, wenn zu viele Reize auf sie einprasseln, und gerät in Panik, wenn sie von Fremden angefasst wird. Im Grunde lebt sie in einer eigenen Welt. Im allgemeinen Arbeitsleben wäre sie eher Last als Hilfe. Trotzdem hat sie im besten Restaurant der Gegend einen Job bekommen; aber nur als „Sozialprojekt“, wie die prominente Köchin Airin Falk (Alice Dwyer) abschätzig anmerkt. Eingestellt wurde Hanne von Airins Frau, und die ist nun tot. Weil Hanne zur Tatzeit am Strand war, gilt sie als mordverdächtig; später stellt sich heraus, dass sie sogar ein Motiv hätte.
Foto: Degeto / Felix Poplawsky / Georges Pauly
Diese Ebene ist allerdings der einzig wirklich originelle Aspekt an „Die Tote in den Dünen“. Hinzu kommt, dass das Tempo ebenso überschaubar ist wie die Spannung; halbwegs packend wird es erst gegen Ende, als Hanne buchstäblich wie vom Erdboden verschluckt und ihr Leben in Gefahr ist. Die Frage, wer die Restaurantbesitzerin tatsächlich auf dem Gewissen hat, war anscheinend selbst für Timo Berndt nur von untergeordnetem Interesse. Der Autor hat bislang alle „Dänemark-Krimis“ geschrieben, doch sein letztes Drehbuch für die Reihe („Das Mädchen im Kirchturm“, 2024) war deutlich besser, von seinen überwiegend guten Geschichten für „Die Toten vom Bodensee“ und „Sarah Kohr“ (beide ZDF) ganz zu schweigen. Auch darstellerisch bewegt sich der Film im gewohnten Rahmen, selbst wenn dem behutsamen Spiel von Lale Andrä anzumerken ist, dass sie sich gründlich auf die Rolle vorbereitet hat. Alice Dwyer ist zwar sehenswert wie stets, aber dass sie Wasser in Eis verwandeln kann, während sie gleichzeitig freundlich lächelt, ist wahrlich keine neue Erkenntnis. Wie unsympathisch Airin ist, zeigt sich spätestens, als sie Hanne im Lokal anrempelt und sie umgehend feuert, weil das Mädchen durch den Zusammenstoß einen Stapel Teller fallen gelassen hat. Später wird die arrogante Köchin, die ihrer „Community“ bei den Auftritten im eigenen Internetkanal natürlich ein ganz anderes Gesicht zeigt, die gerechte Quittung für ihr Verhalten bekommen. Hanne wiederum hat durchaus etwas zu verbergen, wie ihr mehrfach wiederholtes Mantra „Ein Geheimnis muss man hüten“ verdeutlicht.
Drumherum hat Berndt eine handelsübliche Handlung entworfen, in der es um eine heimliche, eine wahre sowie um eine unerwiderte Liebe geht. Und um Mutterliebe: Weil Lykke Ludvigson (Tina Amon Amonsen) vermutet, dass gegen Hanne ermittelt wird, gesteht sie den Mord, was Kommissarin Frida Olsen (Katharina Heyer) ihr nicht eine Sekunde lang abnimmt. Es ist ohnehin wohltuend, dass der Film endlich auf die bisherigen Animositäten verzichtet: Bislang gab es regelmäßig Ärger zwischen der Kommissarin und Streifenpolizistin Ida Sörensen (Marlene Morreis), die nicht immer zur Freude ihres Kollegen Vinter (Nicki von Tempelhoff) ein Faible fürs Kriminalisieren hat. Auch diesmal macht die Kollegin aus der Stadt dem Duo zunächst klar, dass dies ihr Fall sei, aber dann bittet sie die beiden ganz offiziell um Mithilfe.
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Eine gelinde Enttäuschung ist die Inszenierung. Gerade die Kameraarbeit (Simon Schmejkal, Volker Tittel) war beim letzten Mal überaus kunstvoll. „Die Tote in den Dünen“ ist dagegen auch in dieser Hinsicht ein allenfalls durchschnittlicher TV-Krimi (Kamera diesmal: Felix Poplawsky), dabei stammen beide Filme vom selben Regisseur. Die Farbgebung ist zwar betont unbunt und sehr gedeckt, weshalb ein blühender Forsythienbusch sowie der rote Pullover von Hannes Mutter umso stärker auffallen, doch ansonsten hat sich Florian Schott viel zu sehr am üblichen Gestaltungsschema solcher Produktionen orientiert. Die auf der Nordseeinsel Rømø gedrehten Strandbilder zum Beispiel sehen auch nicht anders aus als die entsprechenden Szenen aus der Sylter ZDF-Reihe „Nord Nord Mord“.

