Er habe keine Schreibsklaven im Keller, hat Jürgen Werner vor zehn Jahren in einem Interview versichert: „Ich schreibe jeden Dialog und jede Regieanweisung selbst.“ Der fleißige Schwabe hat die Frage damals als Anspielung auf die Vielzahl seiner Drehbücher verstanden, und so war sie in der Tat auch gemeint, aber sie hat noch einen weiteren Hintergrund. Der Autor ist ein Wanderer zwischen den Welten: heute „Tatort“, morgen „Traumschiff“; und zur Abwechslung ein „Bozen-Krimi“. Zwischenzeitlich scheint er jedoch das Interesse an den von ihm geschaffenen Figuren verloren zu haben: „Rebenblut“, Film Nummer 22, ist zwar sein sechstes Drehbuch für die 2015 gestartete Reihe, aber die letzten 15 Episoden stammten von anderen. Im Vergleich zu Werners komplexen Geschichten für den gleichfalls von ihm erfundenen „Tatort“ aus Dortmund bewegen sich die äußerst wechselhaften „Bozen-Krimis“ ohnehin in einer anderen Liga.
Foto: Degeto / Hans Joachim Pfeiffer
Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts, die Kombination von kriminalistischen Herausforderungen mit familiären Dramen, erwies sich zudem von Anfang an als Schwachstelle: Die beiden Ebenen waren zu oft von unterschiedlicher Qualität. Das immerhin ist diesmal anders: Als Saisonarbeiter zwischen den Weinreben einen offenbar im Affekt mit einem Rebmesser getöteten Winzer finden, gerät ausgerechnet Laura (Charleen Deetz), die Tochter des verstorbenen Ehemanns von Sonja Schwarz (Chiara Schoras), in Verdacht, zumal sie ihre Stiefmutter auch noch in Bezug auf ihr Alibi anlügt. Anders als die Polizistin ahnt die Krimi-Gemeinde umgehend, was Laura erst eine ganze Weile später gestehen wird: Urban Rittner und sie hatten ein Verhältnis. Vor seiner Ermordung hat der verheiratete Weinbauer die Beziehung jedoch beendet, was den Verdacht natürlich erhärtet, weshalb sich Sonja wohl oder übel aus den Ermittlungen verabschieden muss, zumindest offiziell; die Kollegin Colombo (Gabriela Garcia-Vargas), die in den beiden „Bozen-Krimis“ des Jahrgangs 2024 als Gastkommissarin für frischen Wind gesorgt hat, übernimmt.
Wesentlich interessanter als dieser Teil der Geschichte – weder im Film noch auf dem Sofa glaubt irgendjemand ernstlich, dass Laura eine Mörderin ist – sind die Einblicke in die Rahmenbedingungen der Weinherstellung. Die Branche leidet erheblich unter dem Klimawandel. Umso wichtiger wird die Qualität der geernteten Trauben, weshalb Laura großes Interesse an einem höher gelegenen halben Hanglage-Hektar hat. Eine notwendige EU-Zuteilung wäre ihr sicher, allerdings nicht als Betrügerin. Daher ist sie überzeugt, dass jemand ihre Trauben ausgetauscht hat, und nun kommt ein Mann ins Spiel, der über Wohl und Wehe der Weinlese entscheidet: Kellermeister und Klassik-Fan Anton Kofler (Karl Fischer) ist ein prototypischer alter weißer Mann, der sich für unfehlbar hält und keinen Widerspruch duldet. Typen wie er, beklagt Winzer Anselm (Clemens Berndorff), „verkaufen die Seele des Weins“. Dass sich ausgerechnet eine Frau erdreistet, ihm seinen Posten streitig zu machen, passt nicht in sein Weltbild: Seine Chefin (Ulrike C. Tscharre) hofft, dass Sofia Brandner (Anna Unterberger), Koflers designierte Nachfolgerin, mit ihren innovativen Ideen frischen Wind ins Geschäft bringt und die darbenden Umsätze wieder steigen lässt. Laura hat seit einiger Zeit die Verantwortung für das familieneigene Weingut. Kofler wirft ihr vor, sie habe minderwertige Ware unter ihre Trauben gemischt. Kurz darauf wird er von einem Gabelstapler aufgespießt; immerhin stirbt er zu den Klängen von „Tannhäuser“.
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Das klingt allerdings alles interessanter, als der Krimi ist; „Rebenblut“ bewegt sich nicht nur innerhalb der Reihe irgendwo im Durchschnitt. Regie führte wie schon zuletzt bei der mehr als sehenswerten Episode „Teuflische Strafe“ Hans Hofer. Die Bildgestaltung (wieder Fabian Meller) ist erneut von großer Sorgfalt, aber diesmal hat der Film gerade in den kleineren Nebenrollen auch darstellerische Schwächen. Spannung kommt erst zum Finale auf, als Laura auf eigene Faust ermittelt und prompt in Lebensgefahr gerät, weil sie sich dem Falschen anvertraut hat. Zum konventionellen Gesamteindruck passen auch die obligaten Landschaftsflüge, die diesmal nicht Teil der Handlung sind, sondern bloß als Augenfutter dienen. Am Ende führt der Schneckenklee Sonja auf die richtige Fährte: Wäre dieser Film ein Lebensmittel, trüge die Packung die Aufschrift „Kann Spuren von Luzerne enthalten“. Das Gewächs als zweifelsfreier Hinweis auf den Täter ist angesichts der großen Verbreitung dieser Pflanze allerdings etwas weit hergeholt.

