Das Mädchen von früher

Nina Kunzendorf, Giese, Mouchot, Lena Knauss. Ein Trauma & Ermittlungen in Moll

Foto: ZDF / Conny Klein
Foto Rainer Tittelbach

Eine junge Mutter musste kurz nach der Wende ihre kleine Tochter in der Noch-DDR zurücklassen. Im wiedervereinten Deutschland blieb das Kind verschwunden, weil es von offizieller Seite zur Adoption freigegeben wurde. Die Frau ist Kommissarin geworden, in der Annahme, ihre Tochter so leichter aufspüren zu können. Aber erst jetzt konfrontiert ein Fall eines verbrannten Pflegekinds die traumatisierte Mutter wieder mit ihrer Geschichte… Der ZDF-Fernsehfilm „Das Mädchen von früher“ (ZDF / U5 Filmproduktion) ist kein klassischer Ermittler-Krimi. Im Mittelpunkt steht eine private Pflegeeinrichtung, deren Wurzeln bis in die DDR-Zeit zurückreichen – und alte Wunden bei der Kommissarin aufreißt: Das Drama also dominiert. Es ist beeindruckend, wie Nina Kunzendorf die Gefühle ihrer Figur darstellt, reduziert, fein nuanciert, die innere Erregung unterdrückend. In punkto leisem Spiel steht ihr Godehard Giese in nichts nach. Durch die distanzierten Interaktionen und die kluge Politik der Dialoge kommt der Zuschauer in den Genuss, sich die Charaktere und die Geschichten weitgehend selbst zu erschließen. Und trotz der winterlich trüben Tonalität des Films gelingt Regisseurin Lena Knauss eine sehr abwechslunsreiche, atmosphärische Inszenierung.

Ein tragisches Ereignis überschattet das Leben der Hauptkommissarin Maria Voss (Nina Kunzendorf). Als junge Mutter musste sie kurz nach der Wende ihr Kind in der Noch-DDR zurücklassen. Im wiedervereinten Deutschland blieb ihre kleine Mathilde verschwunden, weil sie von offizieller Seite zur Adoption freigegeben wurde. Voss ist Polizistin geworden, in der Annahme, ihre Tochter so leichter aufspüren zu können. Aber erst jetzt konfrontiert ein Fall eines verbrannten Pflegekinds die Kommissarin wieder mit ihrer Geschichte und nährt ihre alten Vermutungen, dass ihr Kindsvater, ein ehemaliger Volkspolizist (André Hennicke), und eine Beamtin beim Referat Jugendhilfe (Steffi Kühnert) etwas mit dem Verschwinden ihres Kindes zu tun haben müssen. Hat man Mathilde vertauscht? Ist sie meistbietend verkauft worden? Weshalb wollte der Kindsvater verhindern, dass Maria ihre Tochter je wiedersieht? Den Gedanken, dass Mathilde möglicherweise tot ist, weist die Mutter vehement von sich. Bei ihren Mitmenschen erntete sie damit immer nur ungläubige, skeptische und mitleidvolle Blicke. Aus diesem Grund erklärt sie sich ihrem Kollegen Theo (Godehard Giese) erst spät, jetzt, wo Maria Voss endlich wieder Hoffnung hat, ihre Tochter doch noch zu finden.

Das Mädchen von früherFoto: ZDF / Conny Klein
Voss (Nina Kunzendorf) ist mehr als befangen, sieht zwischenzeitlich mehrfach Rot. Offenbar geht es ihr bei dem aktuellen Fall allein um ihre eigene Geschichte. Dass sie ihren Ex-Mann (André Hennicke) mit der Waffe bedroht, hat unmittelbare Folgen.

Der ZDF-Fernsehfilm „Das Mädchen von früher“ ist kein klassischer Ermittler-Krimi, und es ist auch kein fauler Kompromiss, dass die Hauptfigur Kommissarin ist. Denn um Licht in ihre komplizierte Geschichte zu bringen, die mit der noch komplizierteren deutsch-deutschen Zeitgeschichte eng verwoben ist, kann professionelle Ermittlungserfahrung nicht schaden. Aber auch der Krimifall hat es in sich. Im Mittelpunkt steht eine private Pflegeeinrichtung, deren Wurzeln bis in die DDR-Zeit zurückreichen. Hier kamen in 37 Jahren neben 15 Jungen sechs Mädchen unter, eines davon ist das Brandopfer, eine 15-jährige Pyromanin, zwei weitere Mädchen sind ebenfalls bei vermeintlichen Unfällen ums Leben gekommen: eines ist mit dem Moped verunglückt, das andere wurde von einem Hund zu Tode gebissen. Vor lauter Lügen, Halbwahrheiten, Unschuldsbekundungen und kryptischen Aussagen machen die Ermittlungen kaum Fortschritte. Auch in eigener Sache kommt Voss nicht weiter. Alle blocken ab. Die Kommissarin wird auf dem Jugendamt handgreiflich und richtet sogar ihre Waffe auf den Ex.

Es ist beeindruckend, wie Nina Kunzendorf die Gefühle ihrer Figur darstellt, reduziert und fein nuanciert: Anfangs deckelt die Kommissarin ihre Emotionen, unterdrückt ihre innere Erregung. Diese Frau hat über die Jahre gelernt, alles mit sich selbst auszumachen. Eine halbe Filmstunde verweigert sie sich jedem erklärenden Gespräch mit ihrem Kollegen. Dass der Streifenpolizist, mit dem sie auf dem Feld spricht, auf dem das junge Mädchen in Flammen aufging, ihr Ex ist, bleibt zunächst ihr Geheimnis. Das entspricht Voss‘ kontrolliertem Wesen, ist aber auch dramaturgisch wohlüberlegt: Der Zuschauer darf (wie Kollege Theo) erst selber etwas wahrnehmen, die Erklärung folgt später. Dass die Situation, ihre Erinnerungen, die immer wieder in kurzen Flashbacks aufblitzen, die „Heldin“ mehr angreift, als sie wahrhaben möchte, führt immer wieder zu jenem kopflosen Verhalten, das ihr die zwischenzeitliche Beurlaubung einbringt. Jetzt kann sie noch unverfrorener ihre Privatfehde führen gegen die, die in den letzten Tagen der DDR das Sagen hatten, und jene, die aus dem Schicksal der vereinsamten Pflegekinder persönlichen Profit geschlagen haben wie ein Tankwart (Jörg Witte) und seine Frau (Rosa Enskat). Es sind viele traurige Geschichten, die in „Das Mädchen von früher“ am Rande erzählt werden und einen Bezug zur Mutter-Tochter-Tragödie haben.

Das Mädchen von früherFoto: ZDF / Conny Klein
Ob in ihren Rollen oder als Schauspieler: zwei, die sich ganz vorzüglich ergänzen. Theo (Godehard Giese) ist durch seine Krankheit zu der Einsicht gelangt, nur bedingt Herr seines eigenen Schicksals zu sein; Maria (Nina Kunzendorf) indes ist überzeugt, einen Beweis für ihr Bauchgefühl, dass ihre Tochter noch lebt, finden zu können.

Auch wenn Maria Voss ein schweres Päckchen zu tragen hat, so hat man nie den Eindruck, als ob sie sich in ihrem Trauma oder der Tristesse ihres Falls verlieren würde. Das macht sie zu einer komplexen Identifikationsfigur, aber auch zur obersten Erzählinstanz: Aus ihrer Perspektive und mit ihrer psychischen Disposition muss der Zuschauer sich die bruchstückhafte Geschichte aneignen. Aber auch der Mann an ihrer Seite ist für die narrative Chemie unverzichtbar. Er ist mehr als nur der dramaturgisch notwendige Ansprech-Partner, er ist ein sanfter, grundentspannter Gegenpart zur obsessiven weiblichen Hauptfigur und zur mollgetränkten Tonlage des Films. Vor allem aber pflegen Theo und Maria einen vielschichtigen, angenehm erwachsenen Umgang miteinander, fein austariert zwischen Nähe und Distanz. Sogar einen Running Gag haben die beiden in ihrer Beziehung etabliert: die strikte Trennung zwischen beruflich und privat, die sich mehr und mehr als Farce erweist. Er behelligt sie nicht mit seinem wieder ausgebrochenen Krebs aus Rücksichtnahme, sie verschont ihn mit den alten Geschichten, weil sie die immergleichen Reaktionen nicht ertragen kann. Und doch geben sich beide gegenseitig Halt, finden im anderen eine Gegenkraft zum emotionalen Schrecken und den verwilderten Sitten da draußen. Am Ende sind dann allerdings doch nicht ALLE anderen die Hölle…! Nina Kunzendorf und Godehard Giese sind die tragenden Säulen eines bis in die kleinsten Rollen vorzüglich besetzten Ensembles.

Drehbuchautorin Martina Mouchot (Grimme-Preis für „Keine Angst“) hat vor allem den beiden Hauptfiguren eine präzise Sprache gegeben. Zunächst dominiert prägnantes Dialog-Pingpong. Aufs Wesentliche reduziert sind auch die Befragungen, die so gar nichts haben von der üblichen Ermittler-Routine. Später, wenn sich die Kommissarin ihrem Kollegen gegenüber öffnet und ins Erzählen kommt, ein erster Akt der Befreiung (einfach mal reden), werden die Sätze länger: dem Erzählten aber folgt man als zuhörender Zuschauer aufmerksam und mit gesteigerter Neugier. Auch dank Kunzendorfs Schauspielkunst. Nicht weniger schlägt die Bildsprache in ihren Bann. Trotz der winterlich trüben Tonalität des Films gelingt Regisseurin Lena Knauss („Tagundnachtgleiche“) und den Gewerken eine atmosphärische Inszenierung, in der graue, bizarre Landschaften, angemessen düstere Indoor-Szenen und markante Nahaufnahmen wechseln. Außerdem wird der klare, beobachtende Blick der Kamera, der der fokussierten Heldin nachempfunden ist, immer wieder durch subjektive, dramatische Rückblenden in die Vergangenheit unterbrochen. Und dann sind da die Gesichter einiger Nebendarsteller, die wenig Text haben, sich aber einbrennen ins Gedächtnis des Zuschauers.

Das Mädchen von früherFoto: ZDF / Conny Klein
„Das Mädchen von früher“ (ZDF, 2023). Maria Voss (Nina Kunzendorf) findet im Haus des Polizisten Klapproth eine Recherche-Wand. Warum hat er diese Informationen (vor ihr) geheim gehalten? Hat sie ihren Ex-Mann falsch eingeschätzt?

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Fernsehfilm

ZDF

Mit Nina Kunzendorf, Godehard Giese, André Hennicke, Jörg Witte, Rosa Enskat, Steffi Kühnert, Valerie Stoll, Dietrich Hollinderbäumer, Marie Anne Fliegel, Nina Steils, Jonas Laux, Luzia Oppermann

Kamera: Valentin Selmke

Szenenbild: Holger Sebastian Müller

Kostüm: Tanja Jesek

Schnitt: Katharina Fiedler, Anna Nekarda

Musik: Moritz Schmittat

Redaktion: Pit Rampelt

Produktionsfirma: U5 Filmproduktion

Produktion: Katrin Haase, Oliver Arnold, Norbert Walter

Drehbuch: Martina Mouchot

Regie: Lena Knauss

Quote: 5,48 Mio. Zuschauer (20,6% MA)

EA: 07.10.2023 10:00 Uhr | ZDF-Mediathek

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