Wenn die Mutter die Wurzel allen Übels ist, dann wäre der Muttermord möglicherweise eine probate Lösung für das Problem. Selbst als symbolischer Akt dürfte die Methode aus psychotherapeutischer Sicht nicht unumstritten sein, aber der Mann, der sie empfiehlt, ist nebenbei Experte für Zweikampftechnik; das erklärt die Drastik dieser Idee vielleicht. Wie sich das anfühlen würde, darf Viola Delbrück am lebenden Objekt ausprobieren. Deshalb beginnt der Film mit einer beklemmenden Szene, als die Kommissarin scheinbar drauf und dran ist, Rose Delbrück zu erwürgen. Der schockierende Auftakt bestimmt die Richtung, in die sich die achtzehnte „Wolfsland“-Episode entwickelt, denn Viola (Yvonne Catterfeld) wird ihre Mutter (Petra Zieser) einfach nicht los: Die ehemalige Richterin entdeckt eine Leiche. Ihre Vermieterin ist gewissermaßen doppelt ermordet worden: erst vergiftet, dann mit einem Kissen erstickt.
Im wahren Leben würde Viola umgehend von dem Fall abgezogen, was Kommissariatsleiter Grimm (Stephan Grossmann) in der Tat auch halbherzig versucht, zumal er als ehemaliger Geliebter der Zeugin ebenfalls nicht ganz unbefangen ist. Die Reihenschöpfer Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser beugen die Wirklichkeit kurz darauf noch ein bisschen mehr: „Fehler passieren“, hat Hauptkommissar Burkhard „Butsch“ Schulz (Götz Schubert) im letzten Film nach einer peinlichen Verwechslung zu seiner Tochter Emmy (Anna Bachmann) gesagt. Nun unterläuft ihm selbst ein Malheur: Er bekommt nicht mit, dass Emmys Freundin Clara (Luise Befort) seine Waffe klaut. Das lässt sich zwar nur schwer glauben, weil ihm eigentlich auffallen müsste, dass sich der gewichtige Dienstrevolver nicht mehr in seiner Jacke befindet, ist aber die Voraussetzung für das Finale, mit dem das Autorenduo den zweiten im letzten Film begonnenen Handlungsstrang zu Ende führt.
Foto: MDR / Molina Film / Oliver Feist
„Das Lied der Tochter“ hatte zwei Handlungsebenen: hier die Suche nach einem Vergewaltiger und Mörder, dort der Versuch von Kommissarsanwärterin Emmy, ein Trauma aus ihrer Teenagerzeit zu bewältigen; Viola Delbrücks Konfrontationstherapie war nur ein Nebenstrang. Während Neuwöhner und Poser die beiden Ebenen dort auch inhaltlich geschickt miteinander verknüpft haben, werden sie hier parallel erzählt und wirken daher etwas unverbunden. Die Bildgestaltung (Timo Moritz) mit ihren gedämpften Farben ist allerdings erneut vorzüglich, gerade die Lichtarbeit verleiht „Muttermord“ eine ganz eigene Atmosphäre; die Musik von Andreas Weidinger ist gleichfalls in beiden Filmen ausgezeichnet. Darstellerisch reicht der wieder von Constanze Knoche inszenierte Krimi dagegen nicht ganz an die Qualität des letzten Films heran. Das gilt besonders für die nicht restlos überzeugenden Szenen mit Mutter und Tochter Delbrück. Wenn Viola ihre Wut am Trainer auslässt oder darüber spricht, wie Rose sie von innen zerfrisst, ist das deutlich glaubwürdiger. Sehr bewegend ist hingegen das Zusammenspiel von Götz Schubert und Anna Bachmann; erst recht, als Schulz erfährt, was Emmy damals widerfahren ist. Die junge Frau ist keineswegs, wie zu erwarten wäre, auf Selbstjustiz aus. Clara jedoch schon; und nun kommt die Waffe des Kommissars ins Spiel.
Abgesehen von Schulz, seinem Chef und dem Kriminaltechniker (Jan Dose) sind ohnehin Frauen die treibenden Kräfte der Handlung. Viola Delbrück hält Rose für dringend tatverdächtig; vielleicht braucht sie aber auch nur einen Vorwand, um ihre Nemesis ein paar Stunden in der Zelle schmoren zu lassen. Ein Motiv hätte die Richterin a.D. ohnehin nicht, ganz im Gegensatz zu der selbst als erwachsene Frau noch von der Mutter gezüchtigten Tochter (Samia Chancrin) des Opfers, wie auch der zweifach zutreffende Titel nahelegt; allerdings hat sie ein hieb- und stichfestes Alibi. Ihre Mutter war ebenfalls Richterin und für drakonische Strafen berüchtigt. Deshalb suchen Schulz und Emmy in den Prozessakten nach potenziellen Tätern; ein für das Niveau von Neuwöhner und Poser fast schon billiges Ablenkungsmanöver, das nicht mal für eine ordentliche Verfolgungsjagd taugt. Viel interessanter sind die Momente mit Christina Große. Dass sie nach wie vor mitwirkt, obwohl ihre Rolle längst nicht mehr so tragend ist wie in den Episoden über das „Dreckige Dutzend“ (2023), ist aller Ehren wert. Diesmal ist sie weniger als Staatsanwältin oder Freundin von Schulz gefragt, sondern als mütterliche Ratgeberin, weil sie ahnt, dass Emmy nicht nur als Praktikantin in ihre Heimat zurückgekehrt ist.
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