Der Tod als große Oper. Die Rüstmeisterin Elli Zander (Ines Lutz) liegt aufgebahrt mitten im neuen alten Opernhaus, aktuell mehr Baustelle als Musentempel, schön drapiert im Kleid der Königin der Nacht aus der „Zauberflöte“. Das Kostüm stammt aus dem hauseigenen Fundus, ebenso wie die Tatwaffe, die ausgerechnet aus dem Reich des Mordopfers entwendet wurde. Und so liegt es nahe, dass Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) den Mörder unter der Belegschaft suchen müssen. Das sind einige Hundert. Allein auf dem Kleid des Opfers gab es DNA-Spuren von 23 Personen. Das überrascht weniger als die Tatsache, dass ein einziger Schuss ins Herz für den Exitus ausgereicht hat, das Kleid allerdings zwei Löcher von zwei Einschüssen aufweist. Kaum herausgekommen aus dem Staunen, kriegen es die Kommissare mit einer weiteren Leiche zu tun: Willi Köpke, Schuhmacher, Rockgitarrist, ein schräger Typ (Aljoscha Stadelmann), hängt am Schnürboden; der Galgen ist jedoch auch nur Show. Beide wurden in ihren Wohnungen erschossen, beide waren offenbar „Bekannte plus“, und beide arbeiteten in ihrer Freizeit an einer bizarren Metal-Oper, ein Stück für vier Personen. An dem Projekt beteiligt war auch der Countertenor David Deycks (Marcel Jacqueline Gisdol), doch der ist verschwunden. Fehlt noch der Sopran. Möglicherweise Valerie Schmitt (Hannah Schiller). Die wirkt extrem angespannt, steht ohne ihre Flachmänner keine Probe durch. Dem Intendanten (Stephan Grossmann) ist das bekannt, deshalb wurde die talentierte Sängerin in den Chor abberufen.
Foto: WDR / Thomas Kost
Nicht nur in Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, mit dessen Generalprobe der „Tatort“ endet, herrscht am Anfang das pure Chaos, auch dieser Krimi des WDR beginnt für die Kommissare reichlich unübersichtlich. Weite Wege innerhalb der in Renovierung befindlichen Oper, das ständige Hin und Her zwischen eben diesem Gebäude-Koloss und der Interimsbühne auf der anderen Rhein-Seite. Die feine Zurückhaltung vieler Mitarbeiter, die verschwurbelte, indirekte Rhetorik des Intendanten („Ich bin nur ein kleines Rädchen in Gottes gewaltigen Getriebe; den Rest denken Sie sich einfach“), dem die Ermittlungen während der heiklen Phase der Bauarbeiten so gar nicht ins Programm passen, oder die seltsamen Ergebnisse der Kriminaltechnik. Dann auch noch dieser zweite Mord, ja, womöglich sogar ein dritter. Und mit der Rockoper „Vom Schwein, das grunzt, als die Königin erschossen wird“ geht das Rätselraten weiter. Tötet womöglich der verschwundene Countertenor als Phantom der Oper seine Mitstreiter? Sein Blut wurde allerdings auf dem Kleid des ersten Opfers gefunden, ihm galt also der zweite Einschuss. Aber lässt sich ein Schuss in die Brust überleben? „Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich“, resümiert Ballauf nach dem ersten Filmdrittel, nachdem er, Schenk, Jütte (Roland Riebeling) und Förster (Tinka Fürst) die bisherigen Ermittlungsergebnisse beim abendlichen Plausch im Büro beredet und mit aktuellen Informationen ergänzt haben und erste Theorien aufstellen. Eine Szene, die mehr Klarheit ins Chaos bringt und die deren Funktion, die Handlung für den Zuschauer zu rekapitulieren, angenehm beiläufig erfüllt: Man isst, trinkt und scherzt dabei.
Gescherzt wird im Übrigen des Öfteren mal in diesem „Tatort“. Wir sind hier schließlich in Köln. Die Witzchen von Schenk und Jütte wirken etwas gewollt, eher geschrieben als gelebt. Umso gelungener die Ironie, mit der Autor Wolfgang Stauch die Elektrikerin Eva Krüger bedacht hat, als ausführende Projektleiterin Wiedereinzug, das Herz des Opernhauses. „Ich liebe die Oper, die Künstler weniger“, sagt sie und mag so gar nicht einstimmen in das Klischee, dass hier alle „für die Kunst an einem Strang ziehen“. Eitelkeit, Neid, Unzufriedenheit mit der Bezahlung, das bestimme den Alltag hinter den Kulissen. Katja Bürkle spielt das köstlich spitzzüngig, mit keckem Blick, erfrischend hemdsärmelig, stets das Werkzeug am (Blau-)Mann – eine ganz Ausgeschlafene in diesem Tollhaus. Während die großen Künstler selten klare Antworten geben, stellt sie die Fragen der Kommissare (sich) gleich selbst – und darf sogar ein selbstreferenzielles Ausrufezeichen in Richtung Krimi-Konvention zum Besten geben. Auf Schenks Frage „Kennen Sie die Tote?“ holt sie aus: „Ja. Wann haben Sie Elli Zander das letzte Mal gesehen? Gestern Morgen, wir haben noch miteinander gesprochen. War sie irgendwie anders als sonst, hatte sie Angst oder irgendwas? Nein, Elli war wie immer. Furchtlos vor dem Herrn. Hatte Elli Zander Feinde? Keiner hat hier Feinde. Fehlt noch was?“ Verständlich also, dass Bürkle den Zuschauer:innen empfiehlt, „diesen ‚Tatort‘ nicht als realitätstreues Drama zu lesen, sondern als verrückten Krimi-Spaß.“
Foto: WDR / Thomas Kost
Und das kann man nur bestätigen. „Die Schöpfung“ macht mit überlebensgroßen Gesten und narzisstisch übersteigerten Gefühlen nicht nur auf große Oper, auch die Plot-Konstruktion mit den merkwürdigen Metaphern aus der Metal-Oper um Königin, Schwein und Wal(halla) wirkt abgehoben und erinnert ein wenig an die abstrusen Thriller, in denen kranke Serienkiller mit der Polizei ein mit symbolischen Zeichen aufgeladenes Spiel spielen. Liebe, Drama, Blut – eine klassische Tragödie. Aber auch das gigantische Operngebäude mit dem riesigen Auditorium, der unfertigen Bühne, den monströsen Apparaturen, den Beleuchterbrücken, und der Balustrade, auf der Ballauf den Mörder, verkleidet im klassischen Phantom-der-Oper-Outfit, verfolgt, sorgt neben dem Schaueffekt auch für eine latente ästhetische Distanz: Es ist eine Parallelwelt, in der die Kommissare ermitteln müssen, die – ähnlich wie unlängst die Münchner im „Tatort – Das Verlangen“ (eine Doppelprogrammierung, wie sie unglücklicher nicht sein kann!) – etwas verloren wirken inmitten dieses monströsen Musentempels und der nicht minder kolossalen Bauarbeiten. Das Wesen der Oper und ihrer Akteure oder zumindest die Vorstellung, die man davon hat, wird klug in den Krimi-Plot eingebaut. Die sinnlichen Rückblenden im Schlussdrittel von den Proben der ominösen Rockoper, das beeindruckende Szenenbild, beispielsweise die wilde, mit Musikinventar zugestellte Wohnung von Willi Vanilli und der unnachahmliche Auftritt von Judith Engel gehören zu den Erinnerungsmomenten dieses nicht unbedingt spannenden, aber doch erzählerisch und visuell reizvollen 94. Kölner „Tatort“ (Regie: Torsten C. Fischer).

