Theresa Wolff – Passion

Nina Gummich, Stefan Kurt, Manthei, Dwyer, Thurn, Demke, Judith Kennel. Angst essen Seele auf

Foto: ZDF / Felix Abraham
Foto Tilmann P. Gangloff

Im sechsten Film aus der stets sehenswerten Krimireihe mit Nina Gummich als eigenwillige Rechtsmedizinerin verliebt sich Theresa Wolff in einen Toten: Nachts ist ihr ein Musiker vors Auto gelaufen, am nächsten Tag wird seine Leiche gefunden; offenbar hat er sich das Leben genommen. Sehenswert ist „Passion“ (ZDF / Ziegler Film) neben der fesselnden Handlung vor allem wegen des Ensembles, aus dem Stefan Kurt als despotischer Dirigent herausragt. Und auch die Musik spielt eine Hauptrolle.

Das „Blind Date“ entwickelt sich äußerst unbefriedigend: Der Mann, mit dem sich Theresa Wolff verabredet hat, entpuppt sich als Schönheits-Chirurg. Für Äußerlichkeiten interessiert sich die Rechtsmedizinerin jedoch nur, wenn sie sich mit Mordopfern beschäftigt. Ihr Heimweg endet abrupt, als ihr ein Mann vors Auto läuft. Gábor, Klarinettist in der Jenaer Philharmonie, ist zum Glück unverletzt, aber die Magie des Moments hat andere Gründe. Der Musiker schreibt seine Telefonnummer auf ein Stück Notenpapier und verschwindet in der Nacht. Als die Ärztin ihn wiedersieht, liegt er mit zerschmetterten Gliedern am Fuß eines Turms. Allem Anschein nach hat er sich das Leben genommen, was sie natürlich nicht glaubt. Als Kommissar Lewandowski erfährt, dass sie den Mann in der Nacht zuvor angefahren, aber weder die Polizei noch den Notarzt verständigt hat, ist sie raus aus dem Fall; schließlich könnte sie bei der Obduktion vertuschen, dass der Musiker erheblich schwerer verletzt war, als sie am Unfallort vermutet hat.

Theresa Wolff – PassionFoto: ZDF / Felix Abraham
Schöne Drehbuch-Idee. Die von dem Fall suspendierte Dr. Theresa Wolff (Nina Gummich) sieht in ihrer Einbildung das Opfer Gábor Kértesz (Deniz Arora) und ermittelt von zu Hause weiter. Mit den Toten hat sie ja immer schon gern kommuniziert.

Bis zu diesem Moment ist die Handlung zwar interessant, aber nicht weiter ungewöhnlich; dass sich Theresa (Nina Gummich) nicht davon abhalten lässt, selbst zu ermitteln, ist ohnehin klar. Überraschenderweise entwickelt sich die Geschichte von Hansjörg Thurn und Carl-Christian Demke, die seit „Waidwund“ (2022) alle Drehbücher der 2021 gestarteten Reihe geschrieben haben, zum romantischen Krimi: Die Rechtsmedizinerin hat stets mit den Toten gesprochen, doch Gábor (Deniz Arora) wird nun zum regelmäßigen Begleiter. Am Todestag hat es einen heftigen Streit zwischen dem Musiker und dem Dirigenten des Orchesters gegeben, aber keine Handgreiflichkeit, wie Viktor Radenko (Stefan Kurt) versichert. Die Hämatome an seinem Oberkörper begründet er mit der sexuellen Leidenschaft seiner Geliebten (Franziska Brandmeier), einer Cellistin, die bis vor einigen Monaten mit Gábor und seinem besten Freund Lorenzo (Sebastian Schneider) unter dem neckisch doppeldeutigen Namen „Ménage à trois“ aufgetreten ist.

Nina Gummich, ohnehin grundsätzlich sehenswert, darf Theresas Persönlichkeit diesmal um eine ungewohnt verletzliche Facette erweitern: In den Gesprächen mit Gábor offenbart die Rechtsmedizinerin eine Traurigkeit, die nicht nur mit dem Tod des Musikers zusammenhängt. Da sie offiziell nicht ermitteln darf und Lewandowski (Aurel Manthei) daher die Mit- und Gegenspielerin fehlt, hat das Autorenduo clever für Ersatz gesorgt: Der prominente Radenko hat sich an höchster Stelle darüber beschwert, dass er wie ein Verdächtiger behandelt worden ist; deshalb übernimmt eine LKA-Beamtin aus Erfurt die Leitung des Falls. Die Besetzung dieser Rolle macht sich spätestens dann bezahlt, als Lewandowski eine unbotmäßige Bemerkung über die Kollegin entfleucht, während sie unbemerkt hinter ihm zur Tür reinkommt; es gibt nicht viele Schauspielerinnen, die derart eisig dreinschauen können wie Alice Dwyer.

Theresa Wolff – PassionFoto: ZDF / Adrian Gross
Orchesterprobe. Lewandowski (Aurel Manthei) ermittelt. Der Dirigent ein Unsympath, den Stefan Kurt aus dem Klischee holt.

Die auf den ersten Blick einfachste, tatsächlich jedoch schwierigste Aufgabe hat allerdings Stefan Kurt. Radenko entspricht dem typischen Bild des musikalischen Despoten, der sein Orchester laut Lorenzo „ausquetscht, bis wir tot sind.“ Prompt gibt der Dirigent, der laut eigenem Bekunden Mittelmaß hasst, diverse Sätze von sich, die wie in Stein gemeißelte Klischees klingen („Kunst wird immer auch aus Schmerz geboren“). Eine Harfenistin hat dem Druck nicht standgehalten, Psychopharmaka gegen ihre Angststörungen genommen und sich schließlich umgebracht. „Die Angst fraß mit der Seele auch ihre Leber auf“, kommentiert Theresa angesichts der Leiche. Dank seiner schauspielerischen Klasse kann Kurt trotzdem verhindern, dass Radenko zur Karikatur wird.

Natürlich spielt die Musik eine weitere Hauptrolle. Radenko probt mit dem Orchester die fünfte Sinfonie von Gustav Mahler, Gábors unerfüllt gebliebener Traum war eine Aufführung des Klarinettenkonzerts von Aaron Copland; dieses Stück hat auch zur Auseinandersetzung mit dem Dirigenten geführt. Regie führte Judith Kennel, die viele Jahre lang sämtliche Episoden der ZDF-Krimireihe „Unter anderen Umständen“ inszeniert hat. Abgesehen von einem leichten Grünstich, der viele Szenen prägt und sich auch in Kleidung und Szenenbild wiederfindet, entspricht ihre Umsetzung einem guten Fernsehfilmniveau. Sehenswert ist „Passion“ daher vor allem wegen ihrer Arbeit mit dem Ensemble und der Handlung: Dass eine Nebenebene über einen tödlichen Unfall mit Fahrerflucht mehr als bloß eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Lewandowskis Mitarbeiter Topal (Sahin Eryilmaz) ist, versteht sich von selbst.

Theresa Wolff – PassionFoto: ZDF / Adrian Gross
Wolff (stark wie immer: Nina Gummich) recherchiert parallel, auf ihre Weise, beim Mitbewohner des Toten (Sebastian Schneider).

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1 Antwort

  1. Wieder ein guter und gutgespielter 6. Film
    Immer wieder grandios, wie Nina Gummich diesen eigenwilligen, dickköpfigen und trotzdem sehr ehren- und liebenswerten Charakter spielt und dabei die fundamentalen menschlichen Werte herauskehrt: „Ich will die Wahrheit wissen.“ Immer wieder sehenswert.

    ***Achtung nachfolgend Spoiler***
    Negativ an dieser 6. Folge ist lediglich, dass das Motiv für den Tod des Musikers in dem bis dahin belanglosen Autounfall-Nebenfall des Kollegen Ceyhan Topal (Sahin Eryilmaz) plötzlich mehr oder weniger überraschend in diesem Dirigent-Kontext auftaucht. Das empfand ich mit dieser urplötzlichen Drehbuch-Dramaturgie unglaubwürdig, weil es m.E. im Film zu spät eingebaut wurde.
    Darüber verliert auch die TT-Rezension zurecht kein Wort, wohl wegen der Spoiler-Gefahr.
    *** Spoiler Ende ***

    von mir 4,5 von 6 Sterne

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Reihe

ZDF

Mit Nina Gummich, Stefan Kurt, Aurel Manthei, Alice Dwyer, Deniz Arora, Sebastian Schneider, Peter Schneider, Sahin Eryilmaz, Franziska Brandmeier, Anouk Elias, Christian Hockenbrink

Kamera: Nicolay Gutscher

Szenenbild: Jürgen Schäfer

Kostüm: Judith Holste

Schnitt: Anke Berthold

Musik: Johannes Kobilke

Soundtrack: Adele („If It Hadn’t Been For Love“), Wolfgang Amadeus Mozart („Requiem in d-Moll“), Aaron Copland („Klarinettenkonzert“), Gustav Mahler („5. Sinfonie“), Katie Melua („Wonderful Life“)

Redaktion: Matthias Pfeifer

Produktionsfirma: Ziegler Film

Produktion: Tanja Ziegler

Drehbuch: Hansjörg Thurn , Carl-Christian Demke

Regie: Judith Kennel

Quote: 5,26 Mio. Zuschauer (23,9% MA)

EA: 27.09.2025 10:00 Uhr | ZDF-Stream

weitere EA: 04.10.2025 20:15 Uhr | ZDF

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