Tatort – Unvergänglich

Nemec, Wachtveitl, Hofer, Feith, Thalmann, Binder, Bohse. Letzter Akt einer bayerischen Männer-Freundschaft

Foto: BR / Hendrik Heiden
Foto Thomas Gehringer

99, 100, aus: Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) verabschieden sich mit einem Zweiteiler in den „Tatort“-Ruhestand, der – nicht ganz unerwartet – gespickt ist mit Anspielungen, Zitaten und Gastauftritten ehemaliger Weggefährt:innen. „Unvergänglich“ handelt vom illegalen Handel mit dem Aufputschmittel Captagon und von Missbrauch auf dem Wohnungsmarkt, aber der Krimi ist vor allem die Folie für ein letztes bayerisches Buddy-Drama. Denn in den Mittelpunkt rückt noch einmal die enge, oft ungelenk-komische, in grantelnden Dialogen gelebte Männer-Freundschaft des populären Münchener „Tatort“-Duos. Eigentlich waren Batic und Leitmayr, die nun mit 100 Filmen „Tatort“-Rekordhalter sind, das älteste Liebespaar der ARD-Krimireihe – nur halt ohne Sex. „Unvergänglich“ in der Regie von Sven Bohse ist kein exzellenter Ausnahme-Krimi, erfüllt aber als emotionaler, teilweise auch selbstironischer Abschied von dem in die Jahre gekommenen Gespann die Erwartungen.

Nach 35 Jahren und 100 Filmen ist es zweifellos Zeit für einen frischen Neubeginn beim „Tatort“ in München. Aber müssen die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) deswegen im letzten Einsatz gleich erschossen werden? Das wäre „Klischee pur“, sagt Leitmayr in einer Szene. Beide ermahnen sich im Zweiteiler „Unvergänglich“ gegenseitig mehrfach zur Vorsicht, da sie auch mehrfach in brenzlige Situationen geraten. Dennoch hat sich der Bayerische Rundfunk (BR) den Spaß erlaubt, die Schlussminuten des Abschieds-Zweiteilers vor den Augen der Kritiker und Rezensenten unter Verschluss zu halten. Das Risiko, dass jemand aus der Reihe tanzt und die Auflösung spoilert, erschien der Redaktion wohl in diesem Fall zu groß. Woran man übrigens erkennen kann, dass der Hype um den „Tatort“ bisweilen bizarre Züge annimmt. Mal im Ernst: Den populären TV-Helden den Ruhestand zu vermasseln, sie sterben zu lassen, ehe sie im „roten Blitz“ durch München rauschen (Leitmayr) oder die neue Liebe vor kroatischer Postkarten-Kulisse genießen können (Batic), erscheint kaum vorstellbar. Die Sorge, das Publikum zu verärgern, ist bei Sendern in der Regel doch größer als die Risikobereitschaft.

Aber der Reihe nach: Vier Tage bevor Batic und Leitmayr in den Ruhestand gehen, werden in einem Bunker-ähnlichen Raum tief unter der Erde, zu dem nur die Münchener Versorgungsbetriebe Zugang haben, die Überreste einer Frau gefunden. Die verbrannte Leiche weist eine Schusswunde auf. Der mit modernen Ermittlungsmethoden vertraute junge Kommissar Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) findet dank KI und Gesichtserkennung schnell die Identität heraus: Micaela Horvat, Mitarbeiterin eines slowenischen Chemie-Unternehmens, das Reinigungsmittel für Autowaschanlagen vertreibt, hat bei ihren Aufenthalten in München stets eine „Bed-and-Breakfast“-Wohnung gemietet. Bei der Durchsuchung trifft die Polizei auf einen verdächtigen Hausmeister, der offenbar heimlich in die Wohnungen eindringt, Gegenstände entwendet und Fotos von Mieterinnen sammelt. Das Publikum sieht in einer parallel geschnittenen Handlungsebene außerdem eine junge Frau, die von einem Mann in einem weißen Lieferwagen beobachtet und verfolgt wird. Der mutmaßliche Täter entpuppt sich aber nicht als Serienmörder, sondern – diesmal dank fleißigen, analogen Aktenstudiums – als „Bruder“ der jungen Frau: Gemeinsam wuchsen Kara Roth (Lara Feith) und Mike Werner (Daniel Noël Fleischmann) in einer Pflegefamilie auf.

Tatort – UnvergänglichFoto: BR / Hendrik Heiden
Originelle Idee: kostenloses Wohnen in einer unbezahlbaren Stadt. Müssen Kara Roth (Lara Feith) & Mike Werner (Daniel Noel Fleischmann) das Ein-und-aus-Gehen womöglich mit dem Leben bezahlen? Und was hat die Mafia mit diesem Lebensstil zu tun?

Die Methode, die das Autoren-Duo Johanna Thalmann und Moritz Binder ihrer durchaus spannenden Krimigeschichte zugrunde gelegt hat, weist auf eine bedenkliche Schwachstelle des – ohnehin zweifelhaften – Airbnb-Prinzips hin, privaten Wohnraum tageweise an Touristen oder Geschäftsleute zu vermieten. Werner gab sich in seinem „Bed-and-Breakfast“-Profil als Urs Zuberbühler aus der Schweiz aus, mietete verschiedene Wohnungen jeweils für eine Nacht, kam auf diese Weise an zahlreiche Schlüssel, die er bei einem Schlüsseldienst-Komplizen nachmachen ließ, und hatte so Zugang zu verschiedenen Wohnungen, in denen er und seine Pflegeschwester Unterschlupf finden konnten, sofern sie im Portal des Anbieters nicht als vermietet ausgewiesen wurden. Eine etwas ungemütliche, angesichts der Preise auf dem Münchener Wohnungsmarkt nachvollziehbare Idee, die hoffentlich nicht allzu viele Nachahmer findet. „Unvergänglich“ erzählt eine zusammenhängende Geschichte und doch unterscheiden sich beide Teile erheblich. Aus der klassischen Mordermittlung im ersten Teil wird ein Thriller um Organisiertes Verbrechen im zweiten Teil, in dem die Drogenmafia in Gestalt eines gnadenlosen Killers (Erik Markus Schuetz) einer Tasche voller Captagon-Pillen hinterherjagt.

Gleichzeitig teilt sich die Erzählung auch aus der Perspektive von Batic und Leitmayr in zwei Teile: Nachdem die Kommissare am Ende des ersten Teils auf herrlich schmucklose Art in den Ruhestand verabschiedet werden, mischen sie in der Abschieds-Folge 100 erstmals ohne Polizeiausweis und Dienstwaffe mit. Wenn sie mit Sonnenbrillen auf der Nase im blank polierten roten Porsche-Oldtimer, den sich Leitmayr zum Ruhestand gegönnt hat (auch das ein Zitat), durch München kurven, sehen sie aus wie Möchtegern-coole Hobby-Detektive. Beide lassen noch einmal alles stehen und liegen (Batic kehrt sogar aus Kroatien zurück), um Kara vor der Drogenmafia zu retten. Kalli Hammermann, der in den vergangenen Jahren so geduldig die Marotten seiner Chefs ertragen und die meiste Arbeit erledigt hat, ist nun selbst der Boss und nicht willens, die Ermittlungen nach dem vermeintlich gelösten Mordfall Horvat fortzusetzen. Einmal schnauzt er Leitmayr sogar lautstark an. Und so zieht das scheidende Ermittlerpaar ein letztes Mal solo in den Kampf gegen das Verbrechen – zwei edle, etwas sture, nicht mehr ganz so flinke Ritter mit weißen Haaren, die vorgeben, nur „Kollegen“ zu sein, aber in Wahrheit im Rahmen ihrer „unvergänglichen“ Freundschaft jederzeit bereit sind, für den anderen Kopf und Kragen zu riskieren. Dazu werden sie Gelegenheit bekommen.

Tatort – UnvergänglichFoto: BR / Hendrik Heiden
Großes Besteck – und nur noch wenige Stunden bis zur Pensionierung: Batic (Miroslav Nemec) & Leitmayr (Udo Wachtveitl) geben noch mal alles. Die erste Hälfte von „Unvergänglich“ Teil 1 zieht sich allerdings, spannend wird es erst in den letzten 45 Minuten.

Es ist wohl unvermeidlich, dass sich beide Genres, der Krimi und das Freundschaftsdrama, ein wenig in die Quere kommen, dass der Krimi-Plot intensiver und mit genauer gezeichneten Figuren hätte erzählt werden können, wenn nicht die Würdigung von Batic und Leitmayr im Vordergrund stehen würde. So wird ein Wiedersehen mit Christine Lerch zelebriert, der von Lisa Wagner zwischen 2014 und 2016 gespielten Fall-Analytikerin. Man fällt sich in die Arme, plaudert ein wenig, dann wird Lerch pflichtschuldig um Expertise gefragt, aber im Grunde kann sie in dem Fall wenig beitragen. Die Handlung nimmt außerdem am Ende des ersten Teils eine dramatische Wende, die auch im Nachhinein nur bedingt nachvollziehbar bleibt. Aber das tragische Ereignis schafft den notwendigen Schnitt für den zweiten Teil. Carlo Ljubek, der Nachfolger von Nemec und Wachtveitl und baldige Neue an der Seite von Ferdinand Hofer, hat dabei einen kurzen Auftritt als Leiter eines Sondereinsatzkommandos. Eine schöne Reminiszenz ist auch das Wiedersehen mit Michael Fitz alias Carlo Menzinger, dessen plötzliches Auftauchen nach dem Ausstieg aus der Reihe vor fast 20 Jahren sogar recht überzeugend in die Handlung eingebaut wird.

Nun also ist Schluss für das Münchener Duo, das erstmals am 1. Januar 1991 im gerade wiedervereinten Deutschland auf den TV-Bildschirmen auftauchte. Zwei junge Ermittler auf Augenhöhe, die einst selbst frischen Wind in die bayerischen Krimi-Amtsstuben brachten, aber weder für Epochenwechsel stehen wie einst Horst Schimanski in Duisburg noch für experimentelles Fernsehen wie Felix Murot in Wiesbaden noch für ein konsequent verfolgtes Konzept wie bei Professor Boerne und Frank Thiel in Münster. Im Vergleich mit den westfälischen Buddy-Komödien waren die Münchener „Tatort“-Beiträge vielfältiger und unberechenbarer, auch wenn sie meist ebenfalls von den humorvollen Frotzeleien der beiden Hauptfiguren lebten. Und natürlich von München selbst, dessen architektonische und auch soziokulturelle Entwicklung sich in 100 Filmen spiegelt. Denn der „Tatort“ aus der bayerischen Hauptstadt hatte neben vergänglichen Allerweltskrimis auch Herausragendes zu bieten: einen Echtzeit-Thriller im Olympiaturm („Außer Gefecht“/2006) zum Beispiel, anspruchsvolle Dramen über eine vergebliche Tätersuche („Die Wahrheit“/2016) und eine in Panik geratene Stadt („Unklare Lage“/2020). Und Ivo Batic, gespielt von dem in Zagreb geborenen Miroslav Nemec, war der erste „Tatort“-Kommissar mit internationaler Familiengeschichte und machte damit wenigstens ein Stück weit sichtbar, dass Deutschland längst ein Einwanderungsland war.

Tatort – UnvergänglichFoto: BR / Hendrik Heiden
Im zweiten Teil hat „Kalli“ (Ferdinand Hofer) bereits das Kommando übernommen. Die Ex-Kollegen indes fremdeln noch mit ihrer neuen Rolle – und wollen den nur scheinbar gelösten Fall auf eigene Faust und ohne Dienstpistole aufklären. Das ist nichts für Glaubwürdigkeitsfetischisten, dafür ziemlich spannend. „Batic & Leitmayr auf der dunklen Seite“. Wird es ein Happy End geben?

Batic und Leitmayr hätten „die Last der neu erfundenen Themen-,Tatorte‘“ tragen müssen, bemerkt Dominik Graf in der nach dem zweiten „Unvergänglich“-Teil ausgestrahlten Dokumentation „Batic und Leitmayr – Die Zwei vom Tatort sagen Servus“ (ARD, 6. April, 21.45 Uhr). Allerdings bewies Graf bereits 1995 mit „Frau Bu lacht“ selbst, dass sich der Anspruch, im Rahmen einer Krimireihe gesellschaftskritische Stoffe ambitioniert zu erzählen, einlösen lässt. Einen ersten Grimme-Preis gab es dann 2002 für die Episode „Im freien Fall“, in der sich Leitmayr in eine von Jeanette Hain gespielte Malerin verliebt. Und Lisa Wagner brillierte bereits 2011 als Anwältin in dem Drama „Nie wieder frei sein“ über eine juristisch nicht gesühnte Vergewaltigung und erhielt dafür ebenso wie Nemec und Wachtveitl, Dinah Marte Golch (Drehbuch) und Christian Zübert (Regie) ihren bisher einzigen Grimme-Preis. Der Generationswechsel mag überfällig sein, doch einige Filme aus der Ära Batic/Leitmayr zählen zweifellos zum Besten-Kanon des „Tatorts“. Und damit bleibt etwas über den Tag hinaus.

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Reihe

BR

Mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Ferdinand Hofer, Lara Feith, Daniel Noël Fleischmann, Lisa Wagner, Stefan Betz, Eva Karl Faltermeier, Johanna Bittenbinder, Erik Markus Schuetz, Max Schmidt, Maximilian Schafroth, Gerhard Wittmann, Carlo Ljubek, Levent Özdil, Amélie Leclère, Niklas Mitteregger, Max Mayer, Barbara Horvath

Kamera: Michael Schreitel

Szenenbild: Franziska Ganzer

Kostüm: Andrea Spanier

Schnitt: David Hartmann

Musik: Travis Stewart

Redaktion: Cornelius Conrad

Produktionsfirma: NeueSuper

Produktion: Simon Amberger, Korbinian Dufter, Rafael Parente

Drehbuch: Johanna Thalmann, Moritz Binder

Regie: Sven Bohse

Quote: (1): 7,72 Mio. Zuschauer (30,4% MA); (2): 7,55 Mio. (28,8% MA)

EA: 05.04.2026 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 05.04.2026 20:15 Uhr | ARD-Mediathek (Teil 1); 06.04.2026 20:15 Uhr | ARD + Mediathek (Teil 2)

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