Tatort – Sashimi Spezial

Lena Odenthal, Lisa Bitter, Antje Traue, Stefan Dähnert, Franziska Margarete Hoenisch. Dann brennt die Stadt!

01.03.2026 20:15 ARD TV-Premiere
01.03.2026 20:15 ARD-Mediathek Streaming-Premiere
01.03.2026 21:45 One
03.03.2026 00:30 ARD
Foto: SWR / Benoît Linder
Foto Tilmann P. Gangloff

Im Mittelpunkt dieses ausgezeichneten Krimis aus Ludwigshafen stehen die „Velo Punks“, eine eingeschworene Clique, deren Lieferdienst in eine fatale kriminelle Abhängigkeit geraten ist. Die facettenreiche Handlung thematisiert nebenbei auch den Klassenkampf zwischen SUVs und Fahrrädern, aber Spannung, Tempo und Dynamik verdankt der Film einer eher zufälligen Undercover-Aktion von Lena Odenthals Kollegin Stern, die als Mitglied der Gruppe nun ebenfalls durch die Stadt braust. Eine besondere Rolle spielt der ungeliebte neue Chef des Duos, der nichts von der ungenehmigten verdeckten Ermittlung erfahren darf.

Gleich in der ersten Szene dieses „Tatorts“ aus Ludwigshafen zeigt Franziska Margarete Hoenisch, wie sich eine Geschichte in eine ganz bestimmte Richtung lenken lässt, wenn die Kamera nicht bloß als Ablichtungsinstrument betrachtet wird: Eine kaum merkliche Änderung der Schärfentiefe sowie ein kurzer Blick genügen, um das Publikum auf eine falsche Fährte zu locken. Auf diese Weise schafft die Regisseurin die Basis für einen inhaltlichen Knüller, der später ein völlig neues Licht auf weite Teile der Handlung wirft.

Sashimi Spezial“ ist Fall Nummer 83 für Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Autor des vorzüglichen Drehbuchs ist Stefan Dähnert, von dem auch einer der ganzen frühen und bis heute bekanntesten Krimis mit der damals noch sehr jungen Kommissarin stammt („Tod im Häcksler“, 1991). Zunächst wirkt seine Geschichte wie ein weiterer Krimi, der ähnlich wie zum Beispiel „Erika Mustermann“ (2025), ein „Tatort“ aus Berlin, ein Verbrechen nutzt, um nebenbei die Missstände im Kuriermilieu anzuprangern. Der Eindruck ist nicht ganz falsch, aber hier geht es um eine besondere Form des Klassenkampfs. Im großstädtischen Straßenverkehr heißt es Tag für Tag „die oder wir“: hier das Fahrrad, dort das Auto, selbstredend repräsentiert durch monströse SUVs, deren männliche Fahrer die Zweiradkonkurrenz als persönliche Provokation betrachten.

Tatort – Sashimi SpezialFoto: SWR / Benoît Linder
Angespanntes Verhältnis: Zoe (Antje Traue), die mutmaßliche Fahrerin des Tatfahrzeugs, und Benjamin Menz (Robert Stadlober)

Eine einfache Drehbuchidee sorgt dafür, dass sich die Perspektive der unterlegenen Partei hautnah miterleben lässt: Johanna Stern (Lisa Bitter) wird aufgrund eines Missverständnisses Fahrradkurierin. Der Kommissarin bietet sich auf diese Weise die Möglichkeit, eine Schuld zu tilgen, die sie erheblich belastet. Der Film beginnt mit einer außerordentlich bedrohlichen Situation: Kurierfahrer Marc wird abends von einem dunklen Transporter verfolgt. Er rettet sich ins Polizeipräsidium, wo der neue leitende Kriminaldirektor gerade seinen Einstand gibt. Marc will ein Drogendelikt melden, Stern verweist ihn an die zuständige Abteilung, aber der junge Mann lässt sich erst abwimmeln, als er eine Person aus der fröhlichen Runde erkennt. Plötzlich will er schnell wieder verschwinden, wenige Augenblicke später ist er tot: Der Transporter hat ihn vor dem Gebäude gerammt.

Mit der Einführung nimmt Dähnert eine Vorlage auf, die ihm die Autorenkollegen Martin Eigler und Harald Göckeritz mit ihren Ludwigshafener Krimis „Dein gutes Recht“ (2024) und „Der Stelzenmann“ (2025) geliefert haben. In beiden Filmen war Kurt Breising Odenthals interner Gegenspieler, nun ist er nach schwerer Krankheit in den Dienst zurückgekehrt und ihr neuer Vorgesetzter. Bernd Hölscher, allein aufgrund seiner Körpergröße eine respektable Erscheinung, wird gern als negative Figur besetzt, kann aber natürlich auch anders: Breising hat sich geläutert und schlägt der Kommissarin einen Neustart mit „voller Transparenz“ vor. Er betrachtet Marcs Tod als Unfall, eine Konfrontation „Auto gegen Fahrrad“ will er auf jeden Fall vermeiden: „Dann brennt die Stadt!“ Stern geht jedoch von Vorsatz aus. Sie ist überzeugt, dass ein Mitglied des von einer früheren Öko-Aktivistin (Antje Traue) gegründeten Kurierdienstes „Velo Punks“ das Tatfahrzeug gefahren hat und entscheidet sich spontan zu einer verdeckten Ermittlung. Odenthal ahnt, dass der Chef die Aktion nicht genehmigen würde, und informiert ihn daher gar nicht erst. Die „Velo Punks“ sind vor einem Jahr von einem unbekannten Gönner vor der Pleite gerettet worden; Marc hat rausgefunden, welchen Preis das Kollektiv dafür zahlen muss.

Tatort – Sashimi SpezialFoto: SWR / Benoît Linder
Mara Hermann (Davina Fox) mit Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) beim Brainstorming im Präsidium. „Tatort – Sashimi Spezial“

Die Kurierfahrten verschaffen dem Film dank entsprechender Bildgestaltung (Kamera: Eva Maschke) im Einklang mit der passenden elektronischen Musik eine enorme Dynamik. Bei den Revierszenen sorgen Dunst in der Luft und ein betont unbuntes Kostümbild für eine graue Atmosphäre: Der Drahtzieher des Handels mit verbotenen Substanzen hat einen Maulwurf im Präsidium. Zwischendurch singen die „Velo Punks“ im Gedenken an Marc eine Variation des „Tote Hosen“-Klassikers „Bis zum bitteren Ende“; ein Vorgeschmack auf den finsteren Schluss dieses ausgezeichneten Krimis.

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Reihe

SWR

Mit Lena Odenthal, Lisa Bitter, Antje Traue, Johannes Scheidweiler, Davina Fox, Bernd Hölscher, Camill Jamal, Rabea Lüthi, Robert Stadlober, Ali Reza Ahmadi, Leonard Kunz, Kailas Mahadevan

Kamera: Eva Maschke

Szenenbild: Söhnke Noé

Kostüm: Christin-Marlen Freyler

Schnitt: Saskia Metten

Musik: Cico Beck, Florian Kreier

Soundtrack: A Tribe Called Quest („Can I Kick It?“)

Redaktion: Nils Reinhardt

Produktionsfirma: Südwestrundfunk

Drehbuch: Stefan Dähnert

Regie: Franziska Margarete Hoenisch

EA: 01.03.2026 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 01.03.2026 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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