Die Zaubermaschine (und auch der Rauschebart) des Dr. Schneider (Robert Gwisdek) – eine Figur irgendwo zwischen Schamane und Daniel Düsentrieb – hat einigen Retro-Charme: Sie sieht aus wie ein Mini-Schaltpult mit einem kleinen Monitor und wenigen Anschlüssen für die Kabel eines Messgeräts, das ringförmig am Kopf befestigt wird. Fertig ist der „Neurofeedback-Apparat“, der wie das selbst gebastelte EEG-Gerät eines Hobby-Neurologen aussieht. Schließt man nicht wie üblich einen, sondern zwei Menschen an den Apparat an, treffen sich beide Personen in einer Art gemeinsamem Unterbewusstsein – ein Humbug mit filmischem Potenzial. Der Psychiater Schneider hat das allerdings noch nie ausprobiert, bis ihn sein Patient Felix Murot (Ulrich Tukur) um Mithilfe bei der Suche nach einem Kind bittet. Der kleine Benjamin (Lio Vonnemann) war von seiner mit einem spitzen Bleistift bewaffneten Mutter aus einem Gerichtssaal heraus in eine einsame Waldhütte entführt worden, weil Eva Hütter (Nadine Dubois) das Sorgerecht zu verlieren drohte. Leider hatte sie die Benjamin versprochenen Nougatflips vergessen und musste den Jungen allein im Wald zurücklassen, um noch einmal einkaufen zu fahren. Wieso sie den Rückweg aus dem nächstgelegenen Ort im Taunus plötzlich nicht mehr fand, erscheint nicht ganz logisch. Jedenfalls geriet sie angesichts einer Polizeistreife in Panik, verunglückte mit dem Auto und liegt fortan in einem Krankenhaus im Koma. Murot will sich mit Hilfe von Schneiders Apparatur in ihr Unterbewusstsein begeben, um sie dort nach Benjamins Aufenthaltsort zu fragen.
Foto: HR / Senator Film / Dietrich Brüggemann
Das Szenario erinnert an die Glückssuche-Episode „Murot und das Paradies“ von Florian Gallenberger, bei der der hessische LKA-Kommissar auch schon auf der Couch eines Psychiaters lag, gespielt von Martin Wuttke, und ebenfalls fantastische Traumreisen in die eigene Innenwelt unternahm. Während Gallenberger „größer“ dachte, Murot sogar auf der Suche nach Gott durchs Weltall schweben ließ, bleibt Brüggemann gewissermaßen mit beiden Beinen auf der Erde – und schickt den Kommissar dennoch auf einen nicht minder skurrilen Trip ins Unterbewusstsein. Was daran unterhält, ist der aberwitzige, auch ein bisschen alberne Humor, sind die fantasievollen Kostüme und rätselhaften Figuren. Eine Art Felix und Eva im Wunderland. Allerdings erweist sich die Kontaktaufnahme im gemeinsamen Unterbewusstsein als schwierig: Beim ersten Versuch wird Murot von einem zotteligen Monster zu Boden geschlagen. Außerdem löst die Reise ins Innere beim Kommissar Halluzinationen aus. Die Grenzen zwischen filmischer Realität und filmischer Traumwelt verschwimmen mal wieder – ein wiederkehrendes Motiv der Murot-Reihe seit Anfang an, das heißt seit November 2010, als der Kommissar noch mit seinem Tumor namens Lilly plauderte. Murot jedenfalls hat seine Lektion gelernt: „Wir haben noch nie einen Fall in der sogenannten Realität gelöst“, verteidigt der Kommissar die Ermittlung per fantastischer Reise ins Unterbewusstsein.
Foto: HR / Senator Film / Dietrich Brüggemann
Und statt „Murot und der Elefant im Raum“ hätte diese Episode ebenfalls „Wer bin ich?“ betitelt werden können, so wie Bastian Günthers Film von 2015, dem fünften Streich in der Murot-Reihe, bei dem sich der von Tukur gespielte Kommissar und der Schauspieler Tukur persönlich begegneten. Jeder Film hat wieder eine andere Meta-Ebene. Diesmal hält Murot das „innere Kind“ in den Armen, eine Anspielung Brüggemanns auf Ratgeber-Bestseller: „,Das Kind in dir muss Heimat finden‘ ist seit Jahren jedes Jahr aufs Neue eines der am meisten verkauften Ratgeber in Deutschland, und wenn dieses Kind so dringend Heimat finden muss, dann hat es ja offensichtlich keine“, spottet der Regisseur, der es sich im Film freilich auch nicht nehmen lässt, sich selbst zu zitieren. Denn am Ende wird Murot von Magda Wächter (Barbara Philipp) wegen eines Banküberfalls angerufen. Bei einem solchen Einsatz war der Kommissar in Brüggemanns „Murot und das Murmeltier“ in eine Zeitschleife geraten. Auch einige Nebenfiguren wie das Polizei-Duo Schreiner (Monika Wojtyllo) und Dreher (Tom Lass) treten hier wieder auf. Aus der Krimi-Zeitschleife gibt es also kein Entkommen – wer wüsste das nicht besser als das deutsche Fernsehpublikum. Diesmal hat Brüggemann außerdem seinen Musiker-Kollegen Heinz Rudolf Kunze als LKA-Chef im Krisenstab untergebracht.
Ähnlich dicht, temporeich und tiefgründig wie das „Murmeltier“ ist „Murot und der Elefant im Raum“ allerdings nicht. Spannung kommt nach dem packenden Einstieg mit der Verhandlung vor dem Familiengericht und der Flucht von Mutter und Kind trotz des allein im Wald wartenden Benjamin nur in bescheidenem Umfang auf. Dafür gelingt es Brüggemann, nicht nur die psychologische Erforschung des Unterbewusstseins, sondern auch die Krimi-typische Ermittlungsarbeit mit komischen Dialogen und leichter Hand zu inszenieren. Das teils herrlich schräge Palaver im Krisenstab wirkt wie eine Parodie auf die konventionelle Erzählweise mit den üblichen Konkurrenzkämpfen und der politischen Einflussnahme. Als besonders schlagfertig erweist sich mal wieder Magda Wächter, die ja längst aus dem Schatten Murots herausgetreten ist. Selbst wem die Murot-„Tatorte“ zu abgedreht erscheinen, sollte dem erfrischenden Zusammenspiel von Barbara Philipp und Ulrich Tukur eigentlich etwas abgewinnen können. „Sie nehmen mich nicht ernst“, jammert Murot, der gerade behauptet hat, beim Zahnarzt statt beim Psychiater gewesen zu sein. „Richtig, das ist mein therapeutischer Ansatz“, antwortet Wächter.
Foto: HR / Senator Film / Dietrich Brüggemann

