Vier Tote in Frankfurt. „Da draußen ist jemand, der buchstäblich an nichts mehr glaubt. Der sagt, es gibt keine Regeln mehr auf dieser Welt. Wir versuchen, diesen Täter zu verstehen“, sagt Kommissar Murot zu einer aufgebrachten TV-Reporterin – und greift plötzlich nach der Kamera: „Töten Sie mich“, ruft Murot, direkt an den unbekannten Täter gerichtet. Die wehrlosen Opfer wurden meist hinterrücks mit einer alten Wehrmachtspistole erschossen. Dazwischen geschnitten sind rätselhafte Bilder von einem aufdringlichen Paketlieferanten asiatischer Herkunft und einigen Holzfiguren, die auf einem Tisch hin und her geschoben werden. Dazu hört man Schauspielerin Karoline Eichhorn sagen: „Bewegt sich ein Teil des Systems, dann haben die anderen Teile gar keine andere Wahl, als sich ebenfalls zu bewegen.“
Die Puzzleteile, die da zu Beginn des „Tatorts – Murot und das Prinzip Hoffnung“ schön verwirrend ausgebreitet werden, fügen sich am Ende zueinander, wobei das Murot’sche „Verstehen“ in einen Abgrund des Bösen blicken lässt. Erst einmal springt der Film eine Woche zurück: Da gab es schon zwei Tote, einen Gemüsehändler mit türkischen Wurzeln und einen chinesischen IT-Fachmann. Und weil Murot per Paket den Hinweis auf einen dritten Anschlag erhält, holt die Polizei die Obdachlosen von der Straße. Die naheliegende Vermutung, dass hier Rechtsextreme wie einst der NSU ihr Unwesen treiben, wird allerdings durch die dritte Tat erschüttert. Denn das Opfer ist Jochen Muthesius (Heinrich Giskes), ein ehemaliger Philosophie-Professor, der nach dem Suizid seiner Frau aus der Bahn geraten und schließlich obdachlos geworden war. Murot vermutet, dass die ersten beiden Morde nur zur Ablenkung geschahen und Muthesius von Anfang an das eigentliche Ziel war. Außerdem wird’s persönlich: Murot, der, wie man hier erstmals erfährt, vor der Polizeischule vier Semester Philosophie studierte, war Muthesius‘ „Musterstudent“ und war auch häufig bei der Familie privat zu Gast. Also konzentriert er sich bei seinen Ermittlungen auf die drei Muthesius-Kinder und die einst mit der Familie befreundete Nachbarin Franziska von Mierendorff (Angela Winkler) und deren Sohn Jürgen (Christian Friedel).
Die Taten könnte man als nihilistische Abkehr vom „Prinzip Hoffnung“ bezeichnen, das der marxistische Philosoph Ernst Bloch postuliert hat. Sein gleichnamiges Hauptwerk schrieb er zwischen 1938 und 1947 im US-amerikanischen Exil, wahrlich keine Zeit, die für allzu viel Hoffnung Anlass gab. Aber keine Sorge, die „Tatort“-Folge ist zwar angesichts der Anspielungen und scharfzüngigen Dialoge ein intellektuelles Vergnügen, aber man kann der Handlung auch ohne tiefere philosophische Fachkenntnisse folgen. Und wenn es einem zu viel wird mit der gelehrten Zitate-Schlacht, taugt Murots „Assistentin“ Wächter bestens als Identifikationsfigur. „Ich bin hier nur der ,Bild‘-Zeitungsleser“, ruft sie einmal aus, genervt vom arroganten Gehabe der Frau von Mierendorff, die sie am Bücherregal buchstäblich von oben herab behandelt hat. Die Wächter ist die heimliche Heldin des Films. Denn während die anderen reden und reden und der notorisch unbewaffnete Murot sich auf seine geistigen Waffen beschränkt, ist sie es, die in der Not zur Tat schreitet. Diese Folge des Hessischen Rundfunks bietet jedenfalls so viel Teamarbeit zwischen Murot und Wächter wie selten zuvor.
Das Reden ist hier allerdings von besonderer Qualität. Drehbuch-Autor Martin Rauhaus („Familienfest“, „Endlich Witwer“) hat bei seinem „Tatort“-Debüt herausragende Dialoge geschrieben. Sie sind einerseits ein intellektueller Parforceritt mit Anspielungen auf Bloch, Wittgenstein und die Frankfurter Schule, andererseits ein tolldreistes Sammelsurium aus Zitaten von Stalin („Keine Menschen – keine Probleme“) bis Juliane Werding („Denken will gelernt sein“). Dank des ausgezeichneten Ensembles und der kreativen, mit Licht und wechselnden Perspektiven spielenden Inszenierung von Rainer Kaufmann (Regie) und Klaus Eichhammer (Kamera) bleibt die Sache unterhaltsam, statt als eitle künstlerische Selbstbefriedigung zu langweilen. Wobei der Bühnen-Monolog („Anleitung zum Pulsader-Aufschneiden“) dem Theater-Star Lars Eidinger wie auf den Leib geschrieben wirkt. Ein funkelndes Stück Theater im Film, klasse in Szene gesetzt in einer schummrigen Kleinkunst-Kellerbar mit Murot, Wächter, einer teilnahmslosen Kellnerin und einem ebenso stummen, Karten legenden Zausel als Publikum. Unbedingt anschauen (ab Minute 17). Schön auch, wie Kaufmann am Ende die Familien-Aufstellung inszeniert: nicht mehr mit den hölzernen, sondern den lebendigen Figuren, wie beim Zauberschach in den „Harry Potter“-Geschichten.
Eidinger spielt Paul Muthesius, den Sohn des getöteten Philosophie-Professors, eine redegewandte, zynische Type, die den Vater einst derart zur Weißglut brachte, dass der auf ihn geschossen und fast getötet hatte. Eidinger, ein Spezialist für menschliche Ungetüme aller Art (man denke nur an den „stillen Gast“ in den drei Borowski-Krimis), macht eigentlich den ganzen Film zu seiner Bühne. Seine Präsenz ist ein bisschen erdrückend, wobei insbesondere Karoline Eichhorn eine undankbarere Rolle hat. Eichhorn muss als Muthesius-Tochter Inga, eine Familien-Therapeutin, permanent und etwas arg auffällig um Murot herumschwänzeln. Die Dritte im Bunde der hinterbliebenen Geschwister ist die religiöse Laura (Friederike Ott), die wegen ihrer Gläubigkeit vom Bruder gerne verspottet wird. Starke Auftritte haben auch Angela Winkler als belesene, verbitterte Witwe in der Villa nebenan sowie Christian Friedel als ihr rechtsextremer Sohn. Gruselig die kaltschnäuzige Art, mit der Friedel diesen bieder-blassen Jürgen in der Szene der Befragung durch die Polizei spielt.
Und was wird aus der Hoffnung, die schon im ersten Bild symbolisch zu Grabe getragen wird? „Hope“ steht auf dem Stein, der das Grab von Jochen Muthesius schmückt. Darauf legt Murot am Ende ein Exemplar des Buchs von Ernst Bloch. In krasser Konsequenz hat Autor Rauhaus erzählt, wozu es führt, wenn jeglicher Glaube verloren geht. Das ist durchaus im Sinne Blochs. Mit einem kurzen Schlussdialog soll dann wohl die Sache auf den Punkt gebracht werden: „Warum tun wir, was wir tun, Wächter? Sagen Sie es mir“, fragt Murot. „Weil wir die Guten sind?“, antwortet Wächter unsicher mit einer Gegenfrage. Darauf Murot, lächelnd: „Vielleicht. Oder weil es sonst so furchtbar dunkel wäre.“ Der Anflug von Optimismus tut ganz gut am Ende dieses Films, auch wenn ein finaler Belehrungssatz vom „Tatort“-Kommissar eigentlich nicht unbedingt sein muss.