Tatort – Letzte Ernte

Furtwängler, Wendel, Fischer, Porath, Röskau, Dähnert, Naber. Lindholms Rückkehr

Foto: NDR / Christine Schroeder
Foto Volker Bergmeister

Nach ihrer Strafversetzung und sechs Einsätzen in Göttingen ermittelt Charlotte Lindholm wieder beim LKA in Hannover. Beim Comeback im „Tatort – Letzte Ernte“ (NDR / Nordfilm) geht es für Maria Furtwängler als NDR-Kommissarin aber gleich mal in die Pampa – ins Alte Land zur Apfelernte. Ein angeblicher Arbeitsunfall erweist sich als Tötungsdelikt. Zur Klärung des Falls muss sich Spürnase Lindholm in bester Agatha Christie-Manier mit einer Bauernfamilie und Umweltfrevlern herumschlagen. Wie in einem Puzzle führt Regisseur Johannes Naber bei seinem „Tatort“-Debüt die einzelnen Teile dieser Mischung aus Familiendrama und Krimi zusammen, legt geschickt zahlreiche Spuren, die am Ende zur Lösung des Falls führen. Die Story wirkt allerdings etwas überladen, was möglicherweise daran liegen könnte, dass hier gleich drei Autoren zu Gange waren.

Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ist zurück. 2019 wechselte die „Tatort“-Kommissarin nach fast 20 Jahren von Hannover nach Göttingen, bekam dort neue KollegInnen. Jetzt ist die Ermittlerin in die niedersächsische Landeshauptstadt zurückgekehrt. Kaum angekommen, startet sie sogleich zu einer Landpartie. Denn im Alten Land heißt es: Rübe ab! Aushilfsbauer Victor wurde auf dem Biohof der Feldhusens enthauptet. Für Dorfpolizist Gerke (Ole Fischer) ein tödlicher Arbeitsunfall mit einer Landmaschine, den fehlenden Kopf hat sich wohl ein Fuchs aus der Scheune geholt. Doch Lindholm hat Zweifel. Sie tritt gerade wieder ihren Dienst beim LKA in Hannover an und geht der Sache nach, auch wenn sie – weil ein anderswo verschwundenes Kind alle Einsatzkräfte bindet – nahezu auf sich allein gestellt ist. Sie mietet sich im Pensionszimmer des Biohofs ein und knöpft sich die eher verstockte Bauernfamilie um Hofchefin Marlies (Lina Wendel), Sohn Sven (Henning Flüsloh) und dessen Frau Frauke (Ronja Herberich) vor. Dabei deckt sie nicht nur toxische Beziehungen untereinander auf, sondern kommt auch üblen Machenschaften und Intrigen beim Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft auf die Spur.

Tatort – Letzte ErnteFoto: NDR / Christine Schroeder
Viel los auf dem Land. Fast bisschen zu viel. Marlies Feldhusens (Lina Wendel) geliebte Bienen fallen einem Brand zum Opfer.

Gespritzte Äpfel, bedrohte Bienen, rollende Köpfe – der „Tatort – Letzte Ernte“ bietet eine brisante Mischung aus Familiendrama und Umwelt-Konflikten in der Landwirtschaft. Wie in einem Puzzle führt Regisseur Johannes Naber („Zeit der Kannibalen“) bei seinem „Tatort“-Debüt die einzelnen Teile zusammen, legt geschickt zahlreiche Spuren, die am Ende zur Lösung des Falls führen. Allerdings wirkt die Story etwas überladen, was möglicherweise daran liegen könnte, dass hier mit Benedikt Röskau, Stefan Dähnert und Naber gleich drei Autoren zu Gange waren. Der Alt-Bauer siecht dahin, der Jung-Bauer ist depressiv, die Hofchefin kämpft gegen die Obstbauern, die weiter auf Pestizide setzen, die Frau des Jung-Bauern träumt vom Leben fern der Landwirtschaft. Dazu der einfältig wirkende Dorfpolizist, der sich das Material für den Hausbau von einem skrupellosen Geschäftsmann holt und dafür für ihn Beweise vernichtet. Alt gegen jung, Ökolandbau gegen traditionelle Landwirtschaft, wirtschaftliche Sorgen und Nöte, gesundheitliche Probleme, alte Verletzungen und Kränkungen – all das zusammen genommen ist ein wenig viel für 90 Filmminuten.

Und mittendrin Charlotte Lindholm bei ihrer Rückkehr zu ihren Wurzeln auf Solopfaden. Sie darf wieder die couragierte Einzelgängerin, die überlegte Spürnase, die unerschrockene Ermittlerin geben, die in eine verschworene und zutiefst misstrauische Gemeinschaft quasi als Fremdkörper eindringt, um den Tod des Aushilfsbauern aufzuklären. Widerstände prallen an ihr ab, sie geht ihren Weg. Fast ein Alleingang für Maria Furtwängler, wenn da Lina Wendel nicht wäre, die als tragische Hofchefin Marlies Feldhusen, die um die wirtschaftliche Existenz und gegen das Auseinanderfallen der Familie kämpft, eine Gegenspielerin auf Augenhöhe ist und durch ihr unaufgeregtes, präzises Spiel für besondere Momente sorgt.

Tatort – Letzte ErnteFoto: NDR / Christine Schroeder
Furtwänglers Lindholm ermittelt wieder solo. Im Alten Land bekommt sie es mit einer anderen Einzelkämpferin (Wendel) zu tun.

Ein hochemotionaler „Tatort“, mit stimmungsvollen Naturaufnahmen aus dem Alten Land, der sich am Ende mehr als vielschichtiges Familiendrama denn als konventioneller Krimi entpuppt, und mit einem fast 20-minütigen Finale aufwartet. Und das wirkt wie eine Reminiszenz an Agatha Christie: Im Stil einer Miss Marple oder eines Hercule Poirot versammelt die Lindholm alle Verdächtigen zum wirkmächtigen Showdown in der Scheune. Sie rekonstruiert minutiös die Tat, vertraut darauf, dass sich die Beteiligten in Widersprüche verstricken und bringt so die Wahrheit ans Licht. Regisseur Naber montiert dabei geschickt und fließend Rückblenden und verbale Rekonstruktionen ineinander, die Dorfpolizistin präsentiert die gesammelten Beweise und Charlotte Lindholm kombiniert, dass es eine wahre Freude ist. Keine fröhliche, aber eine psychologisch intensive Landpartie.

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1 Antwort

  1. Na endlich, meine Lieblingskommissarin allein, ohne die kahloköpfige unsympatische und schlecht gespielte „Kollegin“. Ich freue mich. Eine ruhige Folge, es war wirklich in Agatha Chriesties Stil, 7/10

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Reihe

NDR

Mit Maria Furtwängler, Lina Wendel, Ole Fischer, Tim Porath, Henning Flüsloh, Ronja Herberich, Greg Stosch, Safak Sengül, Franziska Menüs, Dominik Bliefert, Josel Volmer, Denise Reise

Kamera: Pascal Schmit

Szenenbild: Lars Brockmann

Schnitt: Carlotta Kittel

Musik: Oli Biehler

Redaktion: Patrick Poch, Christian Granderath

Produktionsfirma: Nordfilm

Produktion: Kerstin Ramcke, Polli Elsner

Drehbuch: Benedikt Röskau, Stefan Dähnert, Johannes Naber

Regie: Johannes Naber

Quote: 8,62 Mio. Zuschauer (31,5% MA)

EA: 26.10.2025 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 26.10.2025 20:15 Uhr | ARD-Mediathek

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