Die Inszenierung des NDR-„Tatorts – Im Wahn“ von Viviane Andereggen nach einem Drehbuch von Georg Lippert beginnt widersprüchlich: Die Schnittfolge legt nahe, dass beide Taten direkt aufeinander folgen. Allerdings berichtet Bundespolizist Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) der Hannoveraner Polizeidirektorin Gabriele Seil (Anna Stieblich), dass die 200 in der entsprechenden Funkzelle eingeloggten Personen gegenüber der Polizei nur dürftige Aussagen zum Täter gemacht hätten. Die Befragungen dürften eine Weile gedauert haben. Dennoch erklärt Falke, dass er von der zweiten Messerattacke auf einen Obdachlosen, der dem Täter hinterhergelaufen war, nichts wisse. Die Meldung sei erst vor fünf Minuten eingetroffen, berichtet Seil. Später wird eine Rechtsmedizinerin jedoch bestätigen, dass zwischen beiden Taten nur „zwei, drei Minuten“ lagen.
Foto: NDR / O-Young Kwon
Ein etwas verwirrender Einstieg, aber der Schaden hält sich in Grenzen, weil die zeitliche Abfolge in dem Krimi weiter keine Rolle spielt. Die Ermittler erhalten stattdessen Unterstützung von Künstlicher Intelligenz. Die von modernen Technologien überzeugte Direktorin Seil hat bei der Landesregierung die Genehmigung eingeholt, die KI-basierte Software einer britischen Firma namens Kroisos versuchsweise einzusetzen. Und es klingt durchaus überzeugend, was deren Mitarbeiter Finn Jennewein (Thomas Niehus) der kleinen Ermittlungsgruppe präsentiert. Neben Seil und Falke sind das die Kripobeamtin Yael Feldman (Peri Baumeister) aus Hannover und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba), die aus Göttingen dazu gebeten wurde, um auch dieser Dienststelle Einblick in die Arbeit mit einem KI-Fahndungstool zu gewähren. „Ich bin hier vor allem als Touristin dabei“, bemerkt Kommissarin Schmitz sarkastisch zur Begrüßung – was leider insofern stimmt, weil die einstige NDR-Ermittlungspartnerin von Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) hier zu einer reinen Zuträgerin degradiert wird. Für das einmalige „Tatort“-Comeback Kasumbas hätte dem NDR durchaus mehr einfallen können.
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Dank Kroisos scheint der Täter jedenfalls schnell gefunden. Das Programm rechnete mit einer Datenanalyse die Wahrscheinlichkeit aus, wer als Täter infrage kommen könnte. Konkret wertete es das Bewegungsprofil der vergangenen 21 Tage, die Social-Media-Posts und sämtliche Behördenkontakte der vergangenen zehn Jahre von allen in der Funkzelle zur Tatzeit eingeloggten Passanten aus – und präsentiert den psychisch kranken René Kowalski (Mirco Kreibich) als mit Abstand wahrscheinlichsten Täter. Als Falke und Feldman bei dessen Wohnadresse auftauchen, gerät Kowalski in Panik, verbarrikadiert sich in seinem Dachzimmer, klettert schließlich aus dem Fenster und stürzt ab. An Kleidung und Schuhen des Toten wird Blut gefunden. Direktorin Seil hält den Fall für gelöst und bürstet den zweifelnden Falke mit einem Satz ab, der sich auf das legendäre Schachduell zwischen Mensch und Maschine in den Jahren 1996 und 97 bezieht: „Was wird das, eine Neuauflage von Kasparow gegen Deep Blue 30 Jahre später?“ Der Kommissar, der hier keineswegs als Maschinenstürmer auftritt, scheint Recht zu behalten, als ein dritter Anschlag nach demselben Muster geschieht. Auch Kowalskis Schwester Nora (Maria Dragus) bestätigt, dass ihr Bruder zwar unter Verfolgungswahn gelitten habe, aber zuletzt „auf einem sehr guten Weg“ gewesen sei. Allerdings stammt das Blut an Kowalskis Sachen tatsächlich von den beiden ersten Opfern.
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Dank der rätselhaften Wendungen bleibt die Spannung auf einem soliden Level. Zudem wird die KI durchaus differenziert in die Handlung miteinbezogen, ohne den Film mit technischen Details oder didaktischen Vorträgen zu überfrachten. Der Tempovorteil einer Software, die blitzschnell riesige Datenmengen auswertet, leuchtet ohnehin sofort ein. Ein bisschen oberflächlich geht Autor Lippert über die – insbesondere nach tödlichen Messerangriffen unpopulären – Datenschutzbedenken hinweg. Das Programm werte „nur richterlich freigegebene Daten“ aus, betont Jennewein lediglich. Vielsagend ist dann wiederum, wen Kroisos als zweitwahrscheinlichsten Täter präsentiert: einen syrischen Flüchtling, der schon mal bei einer Prügelei ein Messer verwendet und sich möglicherweise in Deutschland radikalisiert hatte.
Am Ende zeigt sich: Die KI lieferte wichtige Hinweise, doch der Fall entwickelt sich schließlich in eine ganz andere, überraschende Richtung. Eine clevere Wendung, bei dem Investigativjournalist Moritz Staub (Garry Fischmann) eine bedeutende Rolle spielt und die für ein spannendes Finale und einen Hauch Verschwörungsthrill sorgt. Falke und Feldman bewähren sich außerdem als Team, wobei Peri Baumeister offenbar nicht als neue Kollegin an der Seite von Wotan Wilke Möhring vorgesehen ist – was man nach dieser Episode durchaus bedauerlich finden kann. Dass einige Fragen offen bleiben, mag das Publikum enttäuschen. Aber das Finale bekräftigt umso deutlicher die Botschaft, dass auch Künstliche Intelligenz kein Allheilmittel bei der Kriminalitätsbekämpfung sein dürfte. „Der Fehler lag bei uns, bei uns Menschen“, sagt Direktorin Seil. „Die Blinden, das sind wir.“ Diese Einsicht kommt zwar ziemlich überraschend, bedenkt man Seils Auftreten zuvor, taugt aber als treffendes Schlusswort.