David Walcher (Roland Silbernagl), Leiter einer sozialpädagogischen Wohngemeinschaft für Jugendliche, wird nachts erschlagen. Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ermitteln im „Sonnenhof“, der als Zufluchtsort für männliche Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren dient. Fünf Bewohner und drei Betreuer geraten in den Fokus der Ermittlungen. Allerdings ist mit dem 16-jährigen Cihan (Alperen Köse) einer der Jugendlichen verschwunden, was ihn zum Hauptverdächtigen macht. Femi (Ayo Aloba), Aras (Emre Cakir) und Simon (Augustin Groz) sind vorsichtig mit Angaben, sie wollen das Vertrauen der Jugendlichen nicht gefährden. Und die Kids um den aggressiven Leon (Tristan Witzel) mauern. Das schafft eine angespannte Atmosphäre, in der die Kommissare auf wenig Unterstützung hoffen können. Bald stellt sich heraus, dass Walcher ein Choleriker war, seine Ex-Frau misshandelt und seine Mitarbeiter bei rassistischen Vorfällen im Stich gelassen hat. Und dann ist da noch der militante Nachbar, der seit Langem im Clinch mit dem „Sonnenhof“ liegt…
Für den typischen Wiener Humor in den Dialogen zwischen Bibi und Moritz ist diesmal kein Platz. Der „Tatort – Gegen die Zeit“ ist eher harter Tobak. Mittendrin in einem sozialen Brennpunkt ermitteln die Kommissare. Es ist eine schwer zugängliche Welt, in die sie eintauchen. Die Darstellung der Konflikte zwischen den Bewohnern, den Betreuern und der Polizei bei den Ermittlungen im „Sonnenhof“ spiegelt dabei reale gesellschaftliche Spannungen wider. Obwohl der Film fiktiv ist, ist das Thema aktuell. Reibereien zwischen den Generationen und Herausforderungen der Integration sozial auffälliger Jugendlicher sind und bleiben relevante Themen öffentlichen Interesses.
Foto: ORF / Petro Domenigg
Der überwiegende Teil des Films spielt im „Sonnenhof“ oder in unmittelbarer Umgebung. Für die Jagd nach dem flüchtigen Cihan ist Assistentin Meret zuständig, die nicht nur für die rasanten Actionszenen sorgt, sondern auch in psychische Ausnahmesituation gerät, als sie den flüchtigen Jugendlichen festnehmen will. Bibi und Moritz versuchen Zugang zu der Welt der sozialpädagogischen Wohngemeinschaft zu finden und geraten dabei an Grenzen. Mit kriminalistischem Geschick, Empathie und Einfühlungsvermögen nähern sie sich den Jugendlichen, für die unter schwierigsten Bedingungen ihre Zukunft nach einer schwierigen Vergangenheit auf dem Spiel steht. Katharina Mückstein nimmt sich die nötige Zeit, damit man Betroffene und Betreuer in ihren persönlichen Schicksalen kennen und verstehen lernt. Der Autorin (gemeinsam mit Hermann Schmid) und Regisseurin, die auch den Wien-„Tatort – Dein Verlust“ verantwortet hat, gelingt es, die Lebenswirklichkeit der Protagonisten behutsam und würdevoll einzufangen. Sie zeigt eine fragile Welt von Verletztheit, Disziplin und Überlebenswillen. In der agiert ein stimmig und divers besetzter Cast. Einzig der gewaltbereite Nachbar mit Flinte und Schäferhund ist als Figur allzu holzschnittartig geraten.
Filmisch lässt Katharina Mückstein ihre beiden Ermittler für die Zuschauer sichtbar in die Vergangenheit eintauchen, wenn bei der Rekonstruktion der Tat beide zu Beobachtern vor Ort werden und so ihre Schlüsse ziehen. Eine Vorgehensweise, die derzeit gerne von RegisseurInnen gewählt wird. Ein kluger Kniff: Vergangenheit und Gegenwart werden so ein Stück weit zusammengeführt. Fazit: Der vorletzte Wien-Krimi macht neugierig aufs Finale.
Foto: ORF / Petro Domenigg

