Tatort – Ein guter Tag + Schwarzer Schnee

Möhring, Moschitto, Jansen, Tacu, El Harrouk, Steinbichler, Adolph, Wehrum. Fesselnder Mafia-Thriller im Doppelpack

21.12.2025 20:15 ARD Ein guter Tag TV-Premiere
21.12.2025 20:15 ARD-Mediathek Ein guter Tag Streaming-Premiere
21.12.2025 21:40 One Ein guter Tag
21.12.2025 21:45 ARD Schwarzer Schnee TV-Premiere
21.12.2025 21:45 ARD-Mediathek Schwarzer Schnee Streaming-Premiere
21.12.2025 23:10 One Schwarzer Schnee
23.12.2025 00:35 ARD Ein guter Tag
23.12.2025 02:05 ARD Schwarzer Schnee
Foto: NDR / Georges Pauly
Foto Thomas Gehringer

Wie die „Mocro-Mafia“ mit Drogen, Gewalt und Bestechung den Staat untergräbt: Die vorweihnachtliche „Tatort“-Doppelfolge überschreitet als knallharter Thriller um einen entführten verdeckten Ermittler buchstäblich Grenzen – mit einem gemeinsamen Polizei-Einsatz in Deutschland und den Niederlanden, aber auch mit einer für „Tatort“-Verhältnisse ungewöhnlich komplexen und beängstigend nahe an der Realität erzählten Geschichte. Das dichte und vielschichtige Drehbuch von Alexander Adolph und Eva Wehrum setzen Regisseur Hans Steinbichler und Kameramann Alexander Fischerkoesen erstklassig in Szene – düster, konsequent, außergewöhnlich packend. Dabei muss sich der Einzelgänger Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) auf einen wunderlichen Computer-Nerd und eine reservierte niederländische Kollegin einlassen. Denis Moschitto feiert einen überzeugenden Einstand, Gaite Jansen in der deutsch-niederländischen Koproduktion von NDR und NPO ein eindrucksvolles Gastspiel.

Mario Schmitt, der Neue an der Seite von Bundespolizist Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), stöpselt die Welt um sich herum gerne aus. Wenn der IT-Spezialist sein Laptop aufklappt oder einen Tatort untersucht, stopft er sich Kopfhörer in die Ohren und hört „Denkmusik“. Er wirkt wie ein tiefenentspannter, sympathischer Kauz, der Falke anfangs irritiert und zunehmend nicht nur mit seinen Fähigkeiten als Computer-Nerd verblüfft. Ob er Arabisch spreche? „Geht so, mein Japanisch ist besser“, antwortet Mario Schmitt trocken. Der vielseitige Kölner Schauspieler Denis Moschitto, der auch einige Erfahrung mit Komödien („Kebap Connection“) und Gangster-Dramen („Chiko“) mitbringt, hat einen ersten, ausgesprochen erfrischenden Auftritt als neuer Partner von Wotan Wilke Möhring. Wie Falke, der emotionale Einzelkämpfer aus dem Hamburger Kiez, und der introvertierte Schlauberger Schmitt fremdeln und sich auf teils skurrile Weise annähern, hat eine Leichtigkeit, die der Thriller-Doppelfolge „Ein guter Tag“ und „Schwarzer Schnee“ ausgesprochen guttut. Die Neubesetzung nach dem Ausstieg von Franziska Weisz vor zwei Jahren scheint jedenfalls gelungen und hat den Reiz, dass bei diesem NDR-„Tatort“ in Zukunft zwei sehr unterschiedliche Männertypen aufeinanderprallen – wie etwa einst bei Schimanski und Thanner. Etwas leichtfertig scheint nur der Umgang mit dem Begriff Autismus zu sein, der im deutschen Fernsehen schnell jedem, der sich unkonventionell verhält, als besonderes Kennzeichen anhaftet. Hier trifft es Mario Schmitt, der aber auch diese Amateurdiagnose gelassen weglächelt.

Tatort – Ein guter Tag + Schwarzer SchneeFoto: NDR / Georges Pauly
Falke (Wotan Wilke Möhring), der Einzelkämpfer aus dem Hamburger Kiez, und sein neuer Kollege Mario Schmitt (Denis Moschitto), ein kauziger Schlauberger, fremdeln anfangs, jedoch die Ermittlungsergebnisse des IT-Nerds beeindrucken Falke.

Die Bundespolizisten Falke und Schmitt werden in die benachbarten Niederlande geschickt, weil ein deutscher Staatsbürger auf einem Campingplatz verschwunden ist und die Spuren eine Beteiligung der „Mocro-Mafia“ vermuten lassen. Das Publikum weiß bereits, dass der Mann geschlagen, entführt und in eine Villa gebracht wurde, aber ein besonderer Wissensvorsprung bedeutet das in der nun folgenden komplexen Geschichte nicht. Der entführte Autohändler Joe Glauning (großartig: Andrei Viorel Tacu) erweist sich als verdeckter deutscher Ermittler, der auf Ervin Zoric (Sasha Geršak) angesetzt war, einen mutmaßlich mit der „Mocro-Mafia“ in Verbindung stehenden Restaurantbesitzer in der niederländischen Provinz Groningen. Während Falke, Schmitt und die niederländische Kollegin Lynn de Baer (Gaite Jansen) nach Glauning suchen, erzählt ein paralleler Handlungsstrang, wie der junge Sami (Hamza Iallouchen), Angestellter in einem Imbiss und exzellenter Motorradfahrer, von der Mafia gewaltsam angeworben wird. Sami, der allein für seine überforderte Mutter und seinen kleinen Bruder sorgen muss, gerät zwischen die Fronten. Noch in der ersten Episode („Ein guter Tag“) geschehen zahlreiche Morde, auch das Ermittler-Trio übersteht nur knapp einen Angriff. Mafiaboss Ahmed Saidi (Yousef Sweid) scheint aus dem Gefängnis heraus die Fäden zu ziehen, doch sein Sohn Karim (Yasin El Harrouk), eine faszinierende und zugleich abstoßende Mischung aus Gangsta-Rapper, Literaturkenner, Jurist und Möchtegern-Drogenkönig, begehrt gegen den Vater auf. So gibt es mit den Dreharbeiten zu einem Musikvideo im zweiten Teil auch eine Film-im-Film-Sequenz. Außerdem bietet „Schwarzer Schnee“ ein intelligentes Verwirrspiel um die gespaltene Identität des verdeckten Ermittlers, einen korrupten Emder Stadtdirektor (Sebastian Hülk), durchgehende Spannung, überraschenden Dialog-Humor („Bin BWLer – will kein Held sein“) und natürlich weitere Tote.

Tatort – Ein guter Tag + Schwarzer SchneeFoto: NDR / Georges Pauly
„Tatort – Ein guter Tag“: Die niederländische Kollegin Lynn de Baer (leider nur ein Gastspiel: Gaite Jansen) kennt die örtliche Drogenszene. Bundespolizist Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) ist entsetzt über die Brutalität, mit der vorgegangen wird.

Obwohl die Gewalt nur selten direkt und offen gezeigt wird, ist der Terror, den die „Mocro-Mafia“ verbreitet, stets präsent. Zum Beispiel auch im feinen Spiel von Gaite Jansen. Weil sie einst bei der Verhaftung von Ahmed Saidi dabei war und anschließend bedroht wurde, muss Lynn de Baer vor einem möglichen Anschlag ständig auf der Hut sein. Jansen spielt eine professionell arbeitende Polizistin, versteht es aber, die permanente Angst ihrer Figur immer mal wieder mit wenigen Mitteln spüren zu lassen – ein eindrucksvolles Gastspiel der in Rotterdam geborenen Schauspielerin, die auch in den BBC-Serien „Peaky Blinders“ und „Line of Duty“ zu sehen war. Schade, dass es sich wohl nur um ein einmaliges „Tatort“-Gastspiel handeln dürfte.

Das Drehbuch von Alexander Adolph und Eva Wehrum, die unter anderem gemeinsam die ZDF-Krimireihen „München Mord“ und „Schwartz & Schwartz“ entwickelt haben, umfasst eine Fülle von Figuren und Schauplätzen dies- und jenseits der Grenze. Der Regisseur und zweifache Grimme-Preisträger Hans Steinbichler („Hierankl“, „Die zweite Frau“) sorgt bei seinem „Tatort“-Debüt mit der Einblendung der jeweiligen Ortsnamen dafür, dass die Zuschauer:innen den Überblick behalten. Gleichzeitig beschwören Steinbichler und sein ebenfalls mehrfach ausgezeichneter Kameramann Alexander Fischerkoesen („Eine Stadt wird erpresst“, „Tarragona – Ein Paradies in Flamen“, „Play“) eine packende und realitätsnahe Atmosphäre herauf. Dazu zählt, dass neben Deutsch auch Niederländisch, Englisch und Arabisch gesprochen wird und dem Publikum Untertitel zugemutet werden.

Tatort – Ein guter Tag + Schwarzer SchneeFoto: NDR / Georges Pauly
„Schwarzer Schnee“. Zwei faszinierende Charaktere. Oben: Karim Saidi (Yasin El Harrouk), der skrupellose Sohn von Drogenboss Momodou, eine Mischung aus Gangsta-Rapper, Literaturkenner, Jurist und Möchtegern-Drogenkönig. Unten: „Gekrissel“ im Kopf – Der entführte Autohändler Joe Glauning aka Carsten Kellmann (Andrei Viorel Tacu) ist ein verdeckter deutscher Ermittler.

Im Kern erzählt die Doppelfolge, eine Koproduktion des NDR mit dem öffentlich-rechtlichen niederländischen Sender NPO, vom Versuch einer Mafia-Organisation, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Wie verschiedene Anschläge, Entführungen und Morde in Köln, Düsseldorf, Hamburg und anderswo belegen, ist das ein fiktionales Szenario, das der Realität leider nahekommt. Das Unbehagen, dass die so eindringlich erzählte Geschichte auf weit verbreitete Ressentiments einzahlt, kann zwar durch eine einzelne „unschuldige“ Nebenfigur wie Sami nur bedingt ausgeräumt werden. Aber das rücksichtslose, demokratiegefährdende Vorgehen der „Mocro-Mafia“, die in den Niederlanden unter anderem für den Mord an dem Journalisten Peter de Vries im Juli 2021 verantwortlich war, lässt sich nicht beschönigen. Die fiktionale Geschichte „soll kein generalisierender politischer Kommentar sein. Die Realität in den Niederlanden ist eine andere, wie dort auch die Gesetzeslage eine andere ist“, heißt es in einem Presseheft-Statement des Autoren-Duos Adolph/Wehrum. Jedenfalls ist ihnen ein packender Thriller über Organisierte Kriminalität und die Angst, die der Mafia-Terror in der Gesellschaft auslöst, gelungen.

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NDR

Mit Wotan Wilke Möhring, Denis Moschitto, Gaite Jansen, Andrei Viorel Tacu, Hamza Iallouchen, Yasin El Harrouk, Sascha Geršak, Yousef Sweid, Sebastian Hülk, Nico Ehrenteit, Mo Issa, Samia Chancrin, Amer El-Erwadi, Matthias Lier, Angelina Häntsch, Behrad Beh Nezhad

Szenenbild: Thomas Freudenthal

Kamera: Alexander Fischerkoesen

Kostüm: Martina Fehmer

Schnitt: Patrick Wilfert

Musik: Matthijs Kieboom

Redaktion: Christian Granderath, Patrick Poch

Produktionsfirma: Nordfilm, Lemming Film

Produktion: Katinka Seidt, Wiebke Andresen, Leontine Petit, Julian Haisch

Drehbuch: Alexander Adolph, Eva Wehrum

Regie: Hans Steinbichler

EA: 21.12.2025 20:15 Uhr | ARD

weitere EA: 21.12.2025 20:15 Uhr | ARD-Mediathek („Ein guter Tag“) + 21:45 Uhr | ARD + ARD-Mediathek („Schwarzer Schnee“)

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