Mario Schmitt, der Neue an der Seite von Bundespolizist Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring), stöpselt die Welt um sich herum gerne aus. Wenn der IT-Spezialist sein Laptop aufklappt oder einen Tatort untersucht, stopft er sich Kopfhörer in die Ohren und hört „Denkmusik“. Er wirkt wie ein tiefenentspannter, sympathischer Kauz, der Falke anfangs irritiert und zunehmend nicht nur mit seinen Fähigkeiten als Computer-Nerd verblüfft. Ob er Arabisch spreche? „Geht so, mein Japanisch ist besser“, antwortet Mario Schmitt trocken. Der vielseitige Kölner Schauspieler Denis Moschitto, der auch einige Erfahrung mit Komödien („Kebap Connection“) und Gangster-Dramen („Chiko“) mitbringt, hat einen ersten, ausgesprochen erfrischenden Auftritt als neuer Partner von Wotan Wilke Möhring. Wie Falke, der emotionale Einzelkämpfer aus dem Hamburger Kiez, und der introvertierte Schlauberger Schmitt fremdeln und sich auf teils skurrile Weise annähern, hat eine Leichtigkeit, die der Thriller-Doppelfolge „Ein guter Tag“ und „Schwarzer Schnee“ ausgesprochen guttut. Die Neubesetzung nach dem Ausstieg von Franziska Weisz vor zwei Jahren scheint jedenfalls gelungen und hat den Reiz, dass bei diesem NDR-„Tatort“ in Zukunft zwei sehr unterschiedliche Männertypen aufeinanderprallen – wie etwa einst bei Schimanski und Thanner. Etwas leichtfertig scheint nur der Umgang mit dem Begriff Autismus zu sein, der im deutschen Fernsehen schnell jedem, der sich unkonventionell verhält, als besonderes Kennzeichen anhaftet. Hier trifft es Mario Schmitt, der aber auch diese Amateurdiagnose gelassen weglächelt.
Foto: NDR / Georges Pauly
Die Bundespolizisten Falke und Schmitt werden in die benachbarten Niederlande geschickt, weil ein deutscher Staatsbürger auf einem Campingplatz verschwunden ist und die Spuren eine Beteiligung der „Mocro-Mafia“ vermuten lassen. Das Publikum weiß bereits, dass der Mann geschlagen, entführt und in eine Villa gebracht wurde, aber ein besonderer Wissensvorsprung bedeutet das in der nun folgenden komplexen Geschichte nicht. Der entführte Autohändler Joe Glauning (großartig: Andrei Viorel Tacu) erweist sich als verdeckter deutscher Ermittler, der auf Ervin Zoric (Sasha Geršak) angesetzt war, einen mutmaßlich mit der „Mocro-Mafia“ in Verbindung stehenden Restaurantbesitzer in der niederländischen Provinz Groningen. Während Falke, Schmitt und die niederländische Kollegin Lynn de Baer (Gaite Jansen) nach Glauning suchen, erzählt ein paralleler Handlungsstrang, wie der junge Sami (Hamza Iallouchen), Angestellter in einem Imbiss und exzellenter Motorradfahrer, von der Mafia gewaltsam angeworben wird. Sami, der allein für seine überforderte Mutter und seinen kleinen Bruder sorgen muss, gerät zwischen die Fronten. Noch in der ersten Episode („Ein guter Tag“) geschehen zahlreiche Morde, auch das Ermittler-Trio übersteht nur knapp einen Angriff. Mafiaboss Ahmed Saidi (Yousef Sweid) scheint aus dem Gefängnis heraus die Fäden zu ziehen, doch sein Sohn Karim (Yasin El Harrouk), eine faszinierende und zugleich abstoßende Mischung aus Gangsta-Rapper, Literaturkenner, Jurist und Möchtegern-Drogenkönig, begehrt gegen den Vater auf. So gibt es mit den Dreharbeiten zu einem Musikvideo im zweiten Teil auch eine Film-im-Film-Sequenz. Außerdem bietet „Schwarzer Schnee“ ein intelligentes Verwirrspiel um die gespaltene Identität des verdeckten Ermittlers, einen korrupten Emder Stadtdirektor (Sebastian Hülk), durchgehende Spannung, überraschenden Dialog-Humor („Bin BWLer – will kein Held sein“) und natürlich weitere Tote.
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Obwohl die Gewalt nur selten direkt und offen gezeigt wird, ist der Terror, den die „Mocro-Mafia“ verbreitet, stets präsent. Zum Beispiel auch im feinen Spiel von Gaite Jansen. Weil sie einst bei der Verhaftung von Ahmed Saidi dabei war und anschließend bedroht wurde, muss Lynn de Baer vor einem möglichen Anschlag ständig auf der Hut sein. Jansen spielt eine professionell arbeitende Polizistin, versteht es aber, die permanente Angst ihrer Figur immer mal wieder mit wenigen Mitteln spüren zu lassen – ein eindrucksvolles Gastspiel der in Rotterdam geborenen Schauspielerin, die auch in den BBC-Serien „Peaky Blinders“ und „Line of Duty“ zu sehen war. Schade, dass es sich wohl nur um ein einmaliges „Tatort“-Gastspiel handeln dürfte.
Das Drehbuch von Alexander Adolph und Eva Wehrum, die unter anderem gemeinsam die ZDF-Krimireihen „München Mord“ und „Schwartz & Schwartz“ entwickelt haben, umfasst eine Fülle von Figuren und Schauplätzen dies- und jenseits der Grenze. Der Regisseur und zweifache Grimme-Preisträger Hans Steinbichler („Hierankl“, „Die zweite Frau“) sorgt bei seinem „Tatort“-Debüt mit der Einblendung der jeweiligen Ortsnamen dafür, dass die Zuschauer:innen den Überblick behalten. Gleichzeitig beschwören Steinbichler und sein ebenfalls mehrfach ausgezeichneter Kameramann Alexander Fischerkoesen („Eine Stadt wird erpresst“, „Tarragona – Ein Paradies in Flamen“, „Play“) eine packende und realitätsnahe Atmosphäre herauf. Dazu zählt, dass neben Deutsch auch Niederländisch, Englisch und Arabisch gesprochen wird und dem Publikum Untertitel zugemutet werden.
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Im Kern erzählt die Doppelfolge, eine Koproduktion des NDR mit dem öffentlich-rechtlichen niederländischen Sender NPO, vom Versuch einer Mafia-Organisation, auch in Deutschland Fuß zu fassen. Wie verschiedene Anschläge, Entführungen und Morde in Köln, Düsseldorf, Hamburg und anderswo belegen, ist das ein fiktionales Szenario, das der Realität leider nahekommt. Das Unbehagen, dass die so eindringlich erzählte Geschichte auf weit verbreitete Ressentiments einzahlt, kann zwar durch eine einzelne „unschuldige“ Nebenfigur wie Sami nur bedingt ausgeräumt werden. Aber das rücksichtslose, demokratiegefährdende Vorgehen der „Mocro-Mafia“, die in den Niederlanden unter anderem für den Mord an dem Journalisten Peter de Vries im Juli 2021 verantwortlich war, lässt sich nicht beschönigen. Die fiktionale Geschichte „soll kein generalisierender politischer Kommentar sein. Die Realität in den Niederlanden ist eine andere, wie dort auch die Gesetzeslage eine andere ist“, heißt es in einem Presseheft-Statement des Autoren-Duos Adolph/Wehrum. Jedenfalls ist ihnen ein packender Thriller über Organisierte Kriminalität und die Angst, die der Mafia-Terror in der Gesellschaft auslöst, gelungen.

