Die Geschichte des Fahrrads und die der Stadt Münster könnte neu geschrieben werden. Doch zunächst dürfte die Fahrradmanufaktur Hobrecht & Hobrecht ein Problem mit der Polizei bekommen. Denn bei der Präsentation ihres „First Bike“ befindet sich in der Kiste, die Kurt Hobrecht (Hannes Hellmann) feierlich öffnet, nicht das erste Münsteraner Velodrome, sondern eine Tiefkühltruhe mit der eingefrorenen Leiche seines Bruders Albrecht (Heinrich Giskes), das ungeliebte schwarze Schaf der Familie. Der Mann hatte seit Jahren nichts mehr mit der Firma zu tun. Weshalb musste er sterben und weshalb diese absurde Inszenierung? Viel Arbeit für Thiel (Axel Prahl) und Schrader (Björn Meyer), aber auch für Boerne (Jan Josef Liefers) und Haller (ChrisTine Urspruch); man hat nicht alle Tage einen Tiefkühltoten auf dem Tisch. Aber auch die noch Lebenden erweisen sich als harte Brocken: Sohn Konstantin (Franz Hartwig) ein verunsicherter Kronprinz, sein Sprössling Kurt jun. (Simon Steinhorst) scheint geistig beeinträchtigt zu sein und Konstantins Schwester Karla (Karolina Lodyga) ist die Unfreundlichkeit in Person. Kurt sen. ist noch der am wenigsten exzentrische Hobrecht, doch den hat der Vorfall erst einmal aufs Krankenbett verschlagen. Dass ausgerechnet Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) ihn – mit großen Augen – in der Klinik besucht, hat Gründe, die bis ins Jahr 1975 zurückreichen.

Eine Familiendynastie, die sich aktuell als reichlich dysfunktional präsentiert, ein klassischer Wodunit, bei dem nicht wenige ein Mordmotiv haben könnten, ein Fall, bei dem es um gut gehütete Familiengeheimnisse gehen muss. Es lässt nur wenig darauf schließen, dass „Die Erfindung des Rades“ den Krimi neu erfindet. Und doch gelingt es dem 48. „Tatort“ aus Münster den 90 Minuten etwas Unverwechselbares zu geben. So beginnt der Film von Till Franzen nach dem Drehbuch von Thorsten Wettcke mit einer Sequenz aus dem Jahre 1882 in stilvollem Schwarzweiß: eine dunkle Gasse, die Skizze eines Fahrrads, eine Pistole, ein Schuss, ein Brand wird gelegt, ein Sterbender sichert die möglicherweise wertvolle Skizze. Ein filmisch exquisiter Einstieg, der mit roter Schrift auf Vintage-Schwarzweiß graphisch noch veredelt wird, bevor das Ganze sogleich gebrochen wird durch den Queen-Gassenhauer „Bicycle Race“ und Thiel, der in extremer Froschperspektive durch Münster radelt. Dass einem dabei hoch zu (Stahl-)Ross ein Monsieur-Hulot-Double begegnet, ist ein weiteres Indiz dafür, dass Krimikomödie angesagt ist. Das bestätigt denn auch gleich der erste Dialogwechsel im Film: Thiel: „Herr Professor …?“ Boerne: „Herr Thiel, was ist denn mit Ihnen passiert? Haben Sie mit Reißzwecken gegurgelt?“ Hat er nicht. Thiels Stimme ist vielmehr eine verspielte, vorweggenommene Reminiszenz an Wilhelmine Klemm („Ich bin zu alt für diesen Scheiß“) alias Mechthild Großmann, die in dieser Episode ihren Abschied nimmt. Komödie kommt also einmal mehr im „Tatort“ Münster nicht durch vordergründige Spässken & Verbalattacken zustande, sondern eher durch systemische Ironie & Ästhetik.
Und der Plot? Der ist verzwickt, verwickelt, vergangenheitsorientiert. Nach dem ersten Drittel gibt es bereits ein Geständnis, allerdings kein Mordgeständnis. Dass dem Toten alle zehn Finger gebrochen wurden, ist äußerst seltsam – und wird nicht minder kurios narrativ aufgelöst. Gut, wenn es in einer Geschichte einen gibt, der obsessiv das Leben mit seiner Filmkamera begleitet und die Videos penibel archiviert. Das erfreut nicht nur den Kommissar, sondern auch den Zuschauer. Film im Film kommt immer gut. Onkel Albrecht war ganz offensichtlich ein Mistkerl – und nicht unschuldig an des Juniors Funktionsstörungen. Aber auch das ehemalige Herzblatt der Staatsanwältin konnte ein mieser Patriarch sein: Karla, sein „Löckchen“, wurde stets vertröstet, spielte allenfalls die dritte Geige in der Firma und musste sich offenbar ein sexuell „fiffiges“ Ventil für ihre Wut suchen. Sie liebt das große Drama und die kleinen Spielchen. Aber auch mit dem Verhältnis zwischen Vater und Sohn stand es zwischenzeitlich nicht zum Besten: Konstantin wollte auf die „Motordinger“ umsatteln, erinnert sich Vaddern (Claus D. Clausnitzer), der die krebskranke Hobrecht-Mutter einst mit Cannabis versorgte. Das tat Konstantin schließlich auch. Stellt sich die Frage, weshalb er Jahre später ausgerechnet im klassischen „First Bike“ eine Zukunft für die Firma sah. Über diverse Anekdötchen, die Fleißrecherchen von Schrader und eine analytische Meisterleistung von Silke Haller geht es voran im Fall, bei dem es nach dem zweiten Drittel ein weiteres Geständnis gibt. Diesmal ein Mordgeständnis.
Foto: WDR / Frank Dicks
„Die Erfindung des Rades“ lebt wie zumeist im „Tatort“ Münster weniger vom Krimi und der Spannung auf den Ausgang, vielmehr sind es die vielen kleinen, unterhaltsamen Einfälle und Accessoires am Rande, die einen die Zeit – trotz oder vielleicht gerade wegen der Dialoglastigkeit – nie lang werden lassen. Die Highlights sind die Rückblenden in die blutige alte Zeit. Offenbar als Ausgleich zur (historischen) Familienfehde, herrscht im Team diesmal überraschende Einmütigkeit. Da werden kaum verbale Bosheiten ausgetauscht. Vielmehr gibt es aufrichtiges Lob, von Boerne an Haller, und Thiel übt schon mal für die Nach-Klemm-Zeit: „Richtig gute Arbeit, Schrader.“ Es sei betont, dass diese Harmonie keinesfalls stört – und für einen Joke im Vorbeigehen reicht es immer noch. Und dann gibt es eben noch jenen Abschied von Staatsanwältin Klemm („Gute Arbeit, Thiel“), zwar „nur“ eine Nebenfigur, allerdings eine sehr markante, auch dank Mechthild Großmanns fulminanter Präsenz: diese Mähne, dieser Blick, diese Gier nach Nikotin – diese Stimme! Womöglich war auch dieser Ausstand ein Grund für den freundlichen Umgangston im Team. „Und Champagner geht immer.“ Kommen außerdem noch (wunderbar inszenierte) Frühlingsgefühle ins Spiel, dann kann der Widerspenstigen Zähmung nichts mehr im Wege stehen.


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Ich fand in sehr gut,die Schauspieler sind eine Augenweide, wahr spannend und Emotional. Eine 10 von 10 Dankeschön.