Tatort – Abbruchkante

Behrendt, Bär, Nüsse, Franke, die Zahns, Fischer. Schöne, menschliche Regel-Brüche

Foto: WDR / Martin Valentin Menke
Foto Thomas Gehringer

Auswärtsspiel im rheinischen Braunkohlerevier: Die Kölner „Tatort“-Kommissare ermitteln in der Episode „Abbruchkante“ (WDR / Bavaria Fiction) nach dem Mord an einem Arzt in Alt-Bützenich, das dem nahen Tagebau zum Opfer fallen sollte, nun aber doch erhalten bleibt. Eva und Volker A. Zahn (Drehbuch) und Torsten C. Fischer (Regie) legen keinen Themenfilm über Klima, Kohle, Lützerath vor, sondern erzählen von den Folgen eines langen Kampfes um die Heimat für die ansässigen Familien. Die Landschaftsbilder spiegeln die Zerrissenheit der Gemeinschaft, und auch Ballauf kriegt in dieser merkwürdigen Zwischen-Welt den Blues. Ein starker Köln-„Tatort“ mit einer schönen Rolle für Barbara Nüsse.

Das alte Ehepaar hat mit dem Leben abgeschlossen. Inge Schnitzler (Uta-Maria Schütze) zerstampft das todbringende Medikament. „Lass es mich allein trinken – bitte“, sagt ihr Mann Peter (Peter Franke), doch Inge verteilt das Pulver stumm auf zwei mit Sekt gefüllte Gläser. Nach einem letzten Tanz – aus dem Off erklingt ein Bibel-Zitat – trinken beide die Gläser leer und legen sich aufs Bett. Während Inge stirbt, wird Ehemann Peter (Peter Franke) wiederbelebt. Lebensretter Dr. Christian Franzen (Leopold von Verschuer) erntet von Yannik (Leonard Kunz), dem Enkel der Schnitzlers, jedoch keinen Dank, sondern eine zünftige Beschimpfung. Vier Wochen später wird der Arzt erschossen in seinem alten, leer stehenden Haus in Alt-Bützenich aufgefunden. Der Ortsname ist natürlich erfunden und klingt nach einer Prominenten-Mischung aus Lützerath (abgerissenes Dorf) und Mützenich (Kölner Abgeordneter und SPD-Fraktionsvorsitzender im Bundestag).

Tatort – AbbruchkanteFoto: WDR / Martin Valentin Menke
Die Zerrissenheit der Tagebau-Landschaft frisst sich in die Gesichter der Bewohner ein. Aber nicht nur, wer hier wohnt, auch Ballauf bekommt den Blues. Jörn Hentschel

Wenige Wochen nach der Räumung Lützeraths strahlt das Erste eine „Tatort“-Episode mit dem Kölner Team Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) aus, die komplett im rund 40 Kilometer entfernten Braunkohlegebiet spielt. Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling) bleiben nur gelegentliche Telefonate mit den Kommissaren vor Ort, Kriminaltechnikerin Natalie Förster (Tinka Fürst) ist anfangs noch am Tatort zu sehen. Die Folge „Abbruchkante“ ist aber kein Beitrag, der auf Aktualität schielt oder in belehrenden Dialogen die Debatte um Kohleabbau und Kohleausstieg zum Thema macht. Stattdessen lässt Regisseur Torsten C. Fischer die Bilder sprechen. Nicht nur von der Riesengrube mit den Riesenbaggern, sondern vor allem auch von der Landschaft diesseits der „Abbruchkante“.

Die Kamera von Theo Bierkens fängt die merkwürdige Atmosphäre dieser realen Zwischen-Welt wunderbar ein, diese Mischung aus Verfallendem und blitzsauberem, aber noch unbehaustem Neuen. In Alt-Bützenich leben nur wenige Menschen, im nahen Neu-Bützenich stehen großzügige Neubauten, aber allzu lebendig wirkt das Dorf nicht. Ab und zu schwebt die Kamera aus der Vogelperspektive über das Land, das vom bröckelnden Asphaltgrau einer sinnlos gewordenen Straße durchschnitten wird. Die Natur wuchert und feiert im alten Dorf Geländegewinne, aber auf den Feldern ist nichts los und auch die Tierwelt scheint umgezogen. Denn das Ende der Welt ist hier nur wenige Schritte entfernt, hinter der „Abbruchkante“. Und zu all dem leiert die Hawaiigitarre im „Sleep Walk“ von Santo & Johnny, als befände man sich in einem Nirgendwo, in dem die Zeit vergeht, wie die Musik klingt: in Zeitlupe. Nur die Security des namenlosen „Konzerns“, der hier das Sagen hat, rast manchmal durch die Dörfer, was dann sofort wie Schikane wirkt.

Tatort – AbbruchkanteFoto: WDR / Martin Valentin Menke
Diese Figur, die linke, die Küsterin der katholischen Gemeinde macht richtig Laune. Mit Witz und Würde bestreitet die Dame ihr Leben. Alt-Bützenich? „Hier hab ich das Gefühl, hier kann ich ich selber sein.“ Eine köstliche Paraderolle für Barbara Nüsse

Das „gigantische Klimakiller-Loch“ nennt Freddy Schenk die Braunkohlegrube, vornehmlich um seine ökologisch nicht ganz einwandfreie Oldtimer-Leidenschaft gegen den maulenden Ballauf zu verteidigen. Sein „cooles Baby“ aus den Polizei-Asservaten ist diesmal ein schicker Ami-Schlitten der Marke Ford, der nur leider über kein funktionierendes Licht verfügt – was Ballauf und Schenk erst am Abend feststellen. Bei Karin Bongartz (Barbara Nüsse) im alten Wirtshaus finden die Kommissare in einem kargen Zimmer mit Doppelbett Unterschlupf. Ballauf ist erst sauer und kriegt dann den Blues, denn Schenk telefoniert mit seiner Frau, freut sich auf ihren Sauerbraten am nächsten Tag und weist den Kollegen und Freund anschließend nicht sehr zartfühlend auf dessen Alleinsein hin: „Komm schon, was verpasst du denn schon großartig?“ Derartig aufgerüttelt, setzt Ballauf bei einem nächtlichen Spaziergang eine Sprachnachricht an seine heimliche Liebe Lydia Rosenberg (Juliane Köhler) ab.

Auch in der von Eva und Volker A. Zahn ebenso sorgsam wie sachkundig entwickelten Kriminalgeschichte offenbaren sich langsam alte Wunden und Risse, die sich aufgrund des Verlusts der Heimat gebildet haben. Als Bützenich noch dem Untergang geweiht war, kaufte der Konzern Häuser und Grundstücke auf und finanzierte den Eigentümern einen Neuanfang im wenige Kilometer entfernt gelegenen Neu-Bützenich. Nur wenige blieben im alten Dorf, andere mochten lieber nicht an den Konzern, sondern an einen vertrauten Interessenten verkaufen: an den Arzt Christian Franzen. Nun bleibt Alt-Bützenich doch stehen – was in der Realität tatsächlich für vier Dörfer gilt, die nach dem Kompromiss zwischen der nordrhein-westfälischen Landesregierung und der Aktiengesellschaft RWE erhalten bleiben. Das Ehepaar Schnitzler wollte wieder zurück in ihr altes Haus ziehen, was Franzen blockierte. Aber auch um Franzens Ehe mit Betje (Lou Strenger) war es nicht zum Besten bestellt. Und als Besitzer der mutmaßlichen Tatwaffe wird Konrad Baumann (Jörn Hentschel) ermittelt. Der litt nach dem Verlust seiner bei Protesten gegen den Tagebau ums Leben gekommenen Tochter an Depressionen. Seine Frau Martina (Daniela Wutte) hatte ihm deshalb die Waffe abgenommen und dem alten Pfarrer anvertraut, der freilich ebenfalls bereits gestorben ist.

Tatort – AbbruchkanteFoto: WDR / Martin Valentin Menke
Die meisten Episodenfiguren sind schwer zu fassen – für den Zuschauer, aber auch für Ballauf (Behrendt). Werkschützer Yannik (Leonard Kunz) hat mindestens zwei Seiten.

Die konventionelle „Tatort“-Ermittlung mit den typischen Befragungen und vielsagenden Blicken wird durch eine schöne Nebenfigur ergänzt: Karin Bongartz ist eine schlagfertige Gastgeberin und intime Kennerin der Bützenicher Geschichte. Außerdem ist sie dank ihrer Lebenserfahrung und ihres Humors eine echte Hilfe für Männer um die 60, die in ihrer Einsamkeit nach Halt suchen. Mit Ballauf, der auch am nächsten Abend lieber in Bützenich bleiben will, verbindet sie bald ein mütterliches Verhältnis. Außerdem ist da noch die Sache mit der Madonna aus der alten Kirche, die Karin Bongartz vor dem neuen Pfarrer in Sicherheit bringen will, denn die zupackende, alte Dame war in Bützenich die Küsterin der katholischen Gemeinde. Barbara Nüsse erweckt diese schöne Figur mit Witz und Würde zum Leben. Die 1943 in Essen geborene und im südlichen Ruhrgebiet aufgewachsene Nüsse kann auf eine lange Karriere in Film und Theater zurückblicken. Aus Anlass ihres 80. Geburtstags wurde sie gerade zum Ehrenmitglied des Hamburger Thalia Theaters ernannt, dessen Ensemble sie seit 2010 angehört und wo sie zuletzt unter anderem als Pippi Langstrumpf zu sehen war.

Die Episode „Abbruchkante“ ist als Auswärtsspiel eine Ausnahme von der Kölner Regel, hebt sich aber auch sonst wohltuend vom Krimi-Allerlei ab. Zum Beispiel mit einem unspektakulären, aber sehenswert inszenierten Finale. Vorbereitung, Tatablauf und Geständnis fließen durch eine parallele Montage ineinander, wobei „Beichte“ wohl das passendere Wort wäre, denn Ballauf und Schenk lösen den Fall in der alten Kirche. Gleichzeitig erfüllt der Film auf herausragende Art den „Tatort“-Auftrag, mittels einer unterhaltsamen Krimi-Fiktion auch zeitgeschichtlich relevante Geschichten zu erzählen. (Text-Stand: 23.2.2023)

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Reihe

WDR

Mit Klaus J. Behrendt, Dietmar Bär, Barbara Nüsse, Peter Franke, Lou Strenger, Leonard Kunz, Jörn Hentschel, Daniela Wutte, Leopold von Verschuer, Roland Riebeling, Tinka Fürst, Joe Bausch, Uta-Maria Schütze

Kamera: Theo Bierkens

Szenenbild: Thomas Schmid

Kostüm: Holger Büscher

Schnitt: Dora Vajda

Musik: Olaf Didolff

Redaktion: Götz Bolten

Produktionsfirma: Bavaria Fiction

Produktion: Jan Kruse

Drehbuch: Eva Zahn, Volker A. Zahn

Regie: Torsten C. Fischer

Quote: 10,09 Mio. Zuschauer (30,9% MA); (2025): 4,53 Mio. (19,4% MA)

EA: 26.03.2023 20:15 Uhr | ARD

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