In der Bar eines Rügener Luxushotels hat ein Bauunternehmer die Spendierhosen an. Mit drei falschen Freunden findet er sich spätabends sturzbetrunken in der Sauna wieder. Wenig später ist ein Mann tot, ein anderer liegt im Koma. Wieder einigermaßen nüchtern wundert sich jener Detlev Schulte (Martin Brambach) über den Polizeiauflauf im Hotel, bevor die Erinnerung zurückkehrt. Dem Mann gelingt die Flucht. Am nächsten Tag kommt es zwischen Jule Zabek (Sophie Pfennigstorf) und Schulte zu einer schicksalhaften Begegnung – auf der Rügen-Brücke. Zabek verfolgt den eben noch lebensmüden Bauunternehmer, der nun plötzlich einem anderen Impuls folgt: „Jetzt komm ich!“ Dann stürzt die Kommissarin in die Tiefe und Schulte entkommt. Der Mann, der halb Stralsund gebaut hat, begibt sich offensichtlich auf einen Rachefeldzug. Als Erstes bekommt die Leiterin des Bauamts eine Lektion erteilt. Dann wird die Sache persönlicher. Bauinvestor Peter Unger (Steffen Münster), mit dem er jahrelang lukrative Geschäfte am Rande der Legalität gemacht hat, hat ihn in die Pleite getrieben. Außerdem hat der eine Affäre mit Schultes zweiter Frau Birgit (Carina Wiese), die ihren eigenen Mann wegen Korruption angezeigt hat. Während Hidde (Alexander Held) und Nowak (Jakub Gierszal) noch spekulieren, ob Schulte nur ein „harmloser Spinner“ sei, hat dieser einen seiner berühmten Pläne. Dafür braucht er seinen Sohn Hannes (Marius Ahrendt). Ob das gut gehen kann – sieht doch jeder der beiden im anderen nur einen Loser.
Foto: ZDF / Sandra Hoever
„Jetzt komm ich!“, die 27. Episode der ZDF-Reihe „Stralsund“, ist ein packender Genre-Hybrid aus Krimi, Thriller und Krimi-Drama, dessen Geschichte unterschwellig gesellschaftskritische Töne anschlägt und ein Stück weit den wirtschaftlichen Wildwuchs der Nachwendezeit bespiegelt. Als Zuschauer folgt man dieser tickenden Zeitbombe Schulte anfangs noch mit einem Mitleidsblick. Die geborene tragische Figur. Ihm gegenüber stehen die zufälligen Opfer, drei österreichische Handelsvertreter, kapitale „Oaschlöcher“, die den „Ossi“ mehrfach beleidigen („Euch kann man jeden Scheißdreck aufschwatzen“). Martin Brambach spielt Schulte als einen Mann am Abgrund, ein seelisches Wrack, dessen Einfälle selten bis zum Ende durchdacht sind. Das weiß Unger, aber auch Schultes Sohn. Autorin Anika Wangard und Koautor Eoin Moore (auch Regie) ist die Verzahnung von beruflichem Niedergang und den privaten Wunden, die Schulte und seinen Nächsten zugefügt wurden, ganz vorzüglich gelungen. Und so entwickelt dieser Film einen Handlungs-Flow, dem man sich nicht entziehen kann, und zugleich rumort es unter dieser Oberfläche gewaltig. Es gibt mehr als nur alte Rechnungen materieller Art, die in dieser Horrorfamilie beglichen werden wollen. Aber auch die Spannungen zwischen Zabek und Hidde Nowak sind diesmal mehr als das Revier-übliche Generationen-Gerangel. Hidde, dem der neue Kriminaldirektor im Nacken sitzt, dessen Bein schmerzt und dem die Einsamkeit zu schaffen macht, gibt den Druck an Zabek weiter. Und die verschweigt ihm ihren gefährlichen Abgang von der Brücke, den sie zwar äußerlich unverletzt überlebt, der ihr aber massive Gleichgewichts- und Wahrnehmungsstörungen beschert. In diesem Zustand und mit einem Handy, das nach dem Brückensturz nur noch selten funktioniert, wird sie von der Autorin in den Showdown in einem leeren Hochhauskomplex geschickt, in einen Kampf mit zwei Psychopathen.
Der komplexen Geschichte entspricht die Stringenz der Inszenierung. Eoin Moore, lange Zeit die prägende Kraft beim Rostocker „Polizeiruf“, beweist auch in seiner ersten „Stralsund“-Episode, dass ihm Ostsee und Realismus liegen. Ausgesprochen elegant ist die Montage (Julia Oehring). Gleich die ersten Einstellungen sind mehr als die obligatorischen Establishing Shots plus Drohnenflug: ein Blick auf Stralsund, im Hintergrund die Rügen-Brücke, ein wichtiger Schauplatz der Geschichte, dann die Steilküste entlang in Richtung des Hotels, in dem jener Schulte auf seinen Auftritt wartet, die Hand nervös in Großaufnahme, der Atem schwer: Bereits nach 25 Sekunden und Einstellung Nummer 5 nimmt das Unheil seinen Lauf. Auch später: immer wieder Bilder, die sich einprägen. Dieses gigantische Bauwerk und der kleine Mann, ein Winzling, verglichen mit den Ausmaßen der Rügen-Brücke. Die Momente im Inneren der Brücke sind zwar kurz, aber dennoch physisch beklemmend. Und dann baumelt die Kommissarin zwischen Himmel und Wasser. Nach dem Tod in der Sauna die nächste Urangst, der sich der Zuschauer innerhalb weniger Filmminuten ausgesetzt sieht. Über die kurzzeitige Wirkung hinaus bleibt ein dauerhaftes Mitgefühl für Jule Zabek, hinzu kommt ihr Angeschlagen-Sein durch diese Nahtoderfahrung, wodurch sie sich immer wieder schrecklichen Erscheinungen ausgesetzt sieht. Keine schlechte Voraussetzung für den erwähnten Showdown. Der befreiende Schrei und die Weltumarmungsgeste am Ende wirken wie eine riesige Erlösung der seit sechs Episoden beständig angespannten Kommissarin. Man darf gespannt sein, ob dieser Augenblick für den Fortgang der Reihe ein Sinnbild ist à la „Jetzt komm ich!“.
Foto: ZDF / Carol Burandt von Kameke
Diese „Stralsund“-Episode gönnt einem kaum eine Verschnaufpause. Wo man auch hinschaut, herrschen Ausnahmezustände: situativ bei Zabek, existenziell bei Schulte und irgendwo dazwischen steht Hidde, unwirscher denn je, dem nach 35 Dienstjahren der ganze Polizeizirkus inklusive die Jungspunde um ihn herum reichlich auf die Nerven geht. Aber auch drei weitere Episodenfiguren befinden sich im Ausnahmezustand, zwei sind in Schultes Gewalt, einer kämpft mit seinen inneren Dämonen. So viel war lange nicht los in dieser ZDF-Krimi-Reihe, die ab 2009 zunächst mit Thriller- und Action-Elementen sowie abenteuerlich-horizontalen Wendungen bestach, während zuletzt die besten Episoden deutlich in Richtung konzentrierter Krimi-Dramen gingen. „Jetzt komm ich!“ kombiniert alles das, was bisher gut funktioniert hat. Und Sophie Pfennigstorf ist ein Versprechen dafür, dass es in der Zukunft so bleiben könnte.

