Dumm gelaufen. Dabei hatte Jana (Olga von Luckwald) eine bahnbrechende Idee: ein ehrliches soziales Netzwerk – ohne Likes, ohne Filter, ohne Lügen. Doch bevor Troothr ein 45-Millionen-Ding wird, wurde die geniale Programmiererin von ihrem Freund und ihrer besten Freundin gelinkt und aus ihrer eigenen Firma geschmissen. Nun will die 30-Jährige neu durchstarten und mietet sich im Coworking Space „The Next“ ein, in dem jede Menge andere Start-Upper*innen das nächste große Ding landen wollen. Es ist ein bunter Haufen egozentrischer, eigensinniger, versteckt hinter ihrer Business-Maske aber liebenswerter Mitstreiter*innen. Das allerdings merkt Jana erst mit der Zeit. Verletzt und verunsichert hat die an sich ehrliche Haut, die mit Troothr die öffentliche Kommunikation „authentisch“ machen wollte, sich vorgenommen, keine Gefühle mehr zu investieren und sich nur noch auf sich selbst zu verlassen. Und überhaupt, wer könnte ihr hier schon das Wasser reichen? Der narzisstische Charmebolzen und ironische Dauerquassler Kenny (Kelvin Kilonzo) etwa? Oder die programmierende Schlaftablette Jens (Lászlo Branko Breiding)? Die Wurm-App von Sophie (Karen Dahmen) und Nura (Mona Pirzad) hat zwar ökologisch-ökonomisch ein Riesenpotenzial, aber die toxische On-off-Beziehung der beiden mindert die Erfolgschancen. Ein Witz ist für Jana die hübsch-hohle Influencerin Melina (Lena Meckel), und Concierge-Scherzkeks Joachim (Dominik Weber) nimmt sich ja offensichtlich nicht einmal selber ernst.
Foto: ZDF / Frank Dicks
Die Macher der ZDFneo-Comedy „Start the fck up“, die Headautoren Patrick Stenzel und Andi Wecker mit einem fünfköpfigen Writers Room, geben der Heldin acht Folgen à 30 Minuten Zeit, die schrägen Kollegen und Kolleginnen von einer anderen Seite kennenzulernen. Dazu maßgeblich bei trägt die neue geniale Idee, die Jana allerdings nicht selbst hatte, sondern die ihr der großspurige Kenny nach einem Bier zu viel gepitcht hatte: eine App, die die Sorgen und Nöte des Gegenübers versteht, eine künstliche Intelligenz, die einem als Psychotherapeut(in) in jeder Lebenslage zur Seite steht. Da sein Filmriss vielleicht nicht von Dauer ist, muss Jana vorerst ihre PAM (Personal Assistant für Mental Health) vor den anderen geheim halten. Wird der Ideenklau auffliegen? Wird Jana auch aus „The Next“ rausgeschmissen? Oder obsiegt ihr Gewissen? Diese eher rhetorischen Fragen geben die Autoren Jana und dem Plot der ersten vier Folgen mit auf den Weg. Danach wird trotz so mancher Intrige an Gruppendynamik und Teamspirit gearbeitet. Aus diesen Einzelkämpfern wird wohl keine verschworene Gemeinschaft werden, aber sie werden sich zusammenraufen, sich gegenseitig wertschätzen, sich vielleicht sogar emotional weiterentwickeln: Am Ende jedenfalls wird der verschüchterte Ja-Sager Jens zum Nein-Sager, finden die aggressive Sophie und die harmoniesüchtige Nura zu einer praktikablen Übereinkunft; und selbst die misstrauischen Egoisten Jana und Kenny sind zu einer Kooperation bereit. PAM hat da ein Stück weit ihre Hand im Spiel, dürfte aber in einer zweiten Staffel weiterentwickelt – sprich: mit weiteren Daten, das menschliche Verhalten und die Psyche betreffend, gefüttert werden.
Die gemeinschaftsbildenden Maßnahmen innerhalb des Plots sind nur der dramaturgische Unterboden, der der Comedy, eine kölsche Zusammenarbeit von Network Movie („Merz gegen Merz“, „Thilo Neumann und das Universum“) und btf („Neo Magazine Royale“, „How to Sell Drugs online (fast)“), eine zwischenmenschlich-kommunikative Basis für äußerst wünschenswerte Folgestaffeln verschafft. Ältere Zuschauer, die zwischen Sch(m)erz, Satire und Nonsens sofort auch die höhere Bedeutung festhalten wollen, dürften eine gewisse Eingewöhnungszeit benötigen, bis sie diese Zeitgeist-Wundertüte zu öffnen wissen. In den vier Stunden wird so gut wie alles, was die die Millennials sowie die Generation Z auszeichnet und am Leben hält, mal mehr mal weniger ironisiert in die Handlung und die Charaktere eingearbeitet – nicht als öffentlich-rechtlicher Themenkatalog, sondern als ein in Comedy-Form gelebtes Generationenporträt. Neoliberale, von den Eltern gesponsorte Traumtänzer mit teilweise grünem Anstrich wollen innovativ und ihr eigener Chef sein. Die einen machen auf großen Zampano, die anderen werden immer wieder oder ständig von Selbstzweifeln matt gesetzt. Das ewige Auf und Ab dieser Unentschlossenen, mal miteinander, mal gegeneinander, dieses sich alle Türen offenhalten, das mag sich nicht zu einem klassischen Spannungsbogen fügen, aber was ist an „Start the fck up“ schon klassisch. Ohnehin machen die Charaktere die Musik. Und die sind stimmig, Comedy-like überzeichnet, und die Zuschauer*innen schließen sie dank der guten Besetzung schneller ins Herz, als es sie es moralisch verdient hätten.
Foto: ZDF / Frank Dicks
Die Komik der künstlichen Intelligenz erinnert ein bisschen an die Asperger-Syndrom-Komik (beispielsweise in „Ella Schön“): PAM ist absolut ernst, sachlich, hyperkorrekt und versteht keine ironischen Zwischentöne. Jana: „Ich habe es schon wieder verkackt, zum 100.000sten Mal.“ Daraufhin korrigiert PAM: „Das stimmt nicht. Du hast es bisher 47 Mal verkackt.“ Ohnehin ist PAM immer kurz und präzise: „Mimikanalyse abgeschlossen: Suizidgefahr!“. Die verunsicherte Jana indes verheddert sich gern in langen Monologen: „Tja, und dann hat sich der Typ, auf den ich nicht gehört habe, nachdem er mir helfen wollte, ein Problem zu lösen, mit der Idee, die ich ihm geklaut habe, für mich geopfert. Moralische Entscheidungen sind nicht so meine Stärke im Gegensatz zu Schachtelsätzen.“
Auch handwerklich ist die Serie ganz vorzüglich gemacht. Top die Exposition, in der Concierge Joachim in Conferencier-Manier Jana und den Zuschauer in Windeseile das Team vorstellt. Gut austariert die Zwiesprache-Intermezzi mit PAM: Mit der Zeit darf jeder mal diese KI füttern; das eröffnet die Möglichkeit, dass die ihre Probleme cool und sprachverliebt überspielenden Figuren ihre Gedanken, ihre Ängste, Bedürfnisse und Sehnsüchte, aussprechen dürfen. So weiß der Zuschauer immer etwas mehr, hat als Einziger den Überblick über diesen „Space“ of Chaos und findet sich immer besser ein in die Geschichten, die abwechslungsreich in einer Art Zopfdramaturgie verbunden sind. So fix wie die Start-Upper im Kopf, so rasant sind die Dialogwechsel – ganz nach dem Motto: Steht kein Witz am Ende, dann ist es noch nicht das Ende. Immer wird noch einer draufgesetzt, bis einer in dem verbalen Schlagabtausch das Nachsehen hat. Wegen der tief sitzenden Selbstzweifel gehen die Jokes oft auf Kosten der Person, die den Dialog bestimmt. Das hat rein gar nichts mit dem Schenkelklopfhumor früherer Sitcoms zu tun, bei Stenzel, Wecker & Co dominiert Charakterkomik über Pointe.
Foto: ZDF / Frank Dicks
Flott und flüssig sind auch die Szenenwechsel innerhalb des Hauptschauplatzes, an dem rund 90 Prozent der Serie spielt: den Kreativ-Räumen von „The Next“. Die Inszenierung ist konzentriert, raum- und charakterorientiert, aber immer auch offen für witzige Einspieler, Rückblenden, verspielte Exkurse, Graphiken, ja, alles, was das „Geschehen“ komisch belebt und vor allem schnell macht. So hat „What the fck up“ trotz der Raum-Dominanz ein enormes Tempo. Der Arbeitsplatz der Start-Upper*innen wirkt nicht zufällig wie ein großer Show-Room: Sich verkaufen, sich von seiner besten Seite zeigen ist alles – was aber nicht nur Influencerin Melinda immer schlechter gelingt. Die Ausstattung ist Sinnbild der Charaktere, sie spiegelt kreative Unordnung, sie ist flexibel, arbeitet mit mobilen Bausteinen – was stets für neue überraschende (Kamera-)Perspektiven sorgt. Auch ironische Kino-Zitate (Heist-Movies, Helden-Sagas: „Du gehst da jetzt raus und gibst dem Leben einmal einen Sinn“), mit der entsprechenden Musik untermalt, dürfen nicht fehlen. Und das Show-TV („Pitch Perfect“) bekommt genauso einen mit wie die (un)sozialen Medien, Maschmeyer, Til Schweiger oder Ingolf Lück – der darf als er selbst die Imagepflege à la Instagram ad absurdum führen.
„Start the fck up“ ist das dritte Generationen-Porträt, das ZDFneo in Serie schickt. Sind es in „Nix Festes“ (Staffel 1 bereits 2018) vier Leute Anfang 30, die in einer etwas alltagsnäheren Comedy ihr Glück als Berufseinsteiger versuchen, dominieren in der Dramaserie „Wir“ die Liebe und die ernsthafteren Lebensfragen, die man sich mit Mitte 30 stellt. „Start the fck up“ ist satirischer. Die Macken der Charaktere sind dem Zeitgeist abgelauscht; dennoch bleiben Jana & Co liebenswert – vor allem, weil die meisten von ihnen Schwächen zeigen, voller Selbstzweifel stecken und selbstkritischer sind, als sie zugeben wollen, weil Erfolgscoachs ihnen eingebläut haben, dass Selbstzweifel tödlich für den Erfolg seien. Dass das nicht stimmt, davon könnte – ohne in ein Wohlfühlfilm-Rosarot auszuarten – vielleicht die zweite Staffel noch mehr erzählen. Satirisch aufgespießt werden aber nicht nur die Charaktere, auch gesellschaftliche Rituale werden klug und hellsichtig analysiert: So gibt es in Folge 2 eine hausinterne Abstimmung über zwei Startup-Ideen, die sich wie eine Analyse von Armin Laschets Wahlkampftaktik ausnimmt. „Und wenn man keine Inhalte hat, dafür nur sehr viel Ambitionen, dann gibt es nur ein Mittel – Schritt 1: Angst erzeugen…“ Das Schreckgespenst Rot-Rot-Grün ist in der Serie die Öko-Wurm-App. Auch Janas Strategie „den Gegner diskreditieren“ geht nach hinten los. Was alle kleinen Wahrheiten von „Start the fck up“ miteinander verbindet, ist die beiläufige Art und Weise, wie sie vermittelt werden. Ein Aspekt der innovationshörigen Youngsters macht diese auch filmsprachlich hochwertig umgesetzte Workingplace-Serie sichtbar, ohne sie kritisch zu reflektieren. Das Start-Upper*innen-Dasein ist höchst ungesund: Wie der „DKV-Report“ unlängst bilanzierte, sind mit 10,5 Podex-Stunden die jungen Erwachsenen zwischen 18 + 29 Jahren hierzulande die „Sitzweltmeister“.
Foto: ZDF / Frank Dicks

