Es ist die Zeit der Swinging Sixties. Betti (Picco von Groote) verliebt sich in Harry (Steve Windolf), den besten Starfighter-Piloten seiner Staffel. Anfangs ist sie fasziniert von der verwegenen Art ihres neuen Freundes. Doch das soll sich ändern, nachdem immer mehr Kampfjetflieger in den Tod rasen. Pilotenfehler sollen die Gründe für die Abstürze sein. Erste Zweifel kommen auf, ob dieser „Sternenkämpfer“ seinem Ruf als modernstes Kampfflugzeug tatsächlich gerecht wird. Nach der Hochzeit der beiden und einer Schwangerschaft, bei der sie ihr Kind verliert, drängt Betti Harry, bei der Luftwaffe seinen Abschied zu nehmen. Sie will nicht, dass der sogenannte „Witwenmacher“ auch ihr Leben wie das vieler anderer Pilotenfrauen zerstört. Auch Harrys bester Freund Richie (Frederick Lau) redet ihm ins Gewissen. Und dann steigt Harry zum letzten Mal in diesen großen grauen Vogel aus Stahl.
Foto: RTL / Wolfgang Ennenbach
„Starfighter – Sie wollten den Himmel erobern“ begibt sich auf eine äußerst gewagte Gratwanderung. RTL und die Kölner Produktionsfirma Zeitsprung Pictures schließen den Mythos des 60er-Jahre-Fortschrittsglauben und der Technikbegeisterung mit dem zeitgenössischen Glamour der Popkultur kurz, um diesen Mythos wenig später als bittere Fußnote des Kalten Kriegs wieder zu zerstören. Der Starfighter ist alles andere als Rock & Roll. Die Piloten sind nicht länger die Rockstars der Bundeswehr, sondern Versuchskaninchen für ein unausgereiftes Flugzeug. Und so ist denn auch die weibliche Hauptfigur der Held dieses packenden Films, der zwei Stunden die Ideologien und den Zeitgeist der 60er und frühen 70er Jahre beschwört und von einem der größten Skandale der bundesdeutschen Wiederbewaffnung – höchst populär – erzählt. 916 deutsche Starfighter wurden von der Bundeswehr zwischen 1962 und 1984 geordert, davon stürzten 262 ab, 116 Piloten starben.
Soundtrack: Jerry Lee Lewis („Great Balls Of Fire“), Sam the Sham & the Pharaohs („Wooly Bully“), Kinks („All Day and All of the Night“ / „You Really Got Me“), Rolling Stones („Satisfaction“ / „Get Off Of My Cloud“ / „Not Fade Away“), Johnny Kidd & The Pirates („Shaking All Over“), The Beatles („I Feel Fine“), Chuck Berry („Roll Over Beethoven“), Danny And The Juniors („At The Hop“), Everly Brothers („Wake Up Little Susie“), The Who („My Generation“), Bobby Darin („Dream Lover“), The Sorrows („Take A Heart“), Sam & Dave („Hold On I’m Comin'“), Gypsies („It’s A Woman’s World“), Led Zeppelin („Kashmir“)
Foto: RTL / Wolfgang Ennenbach
„Starfighter“ setzt zunächst ganz unverhohlen auf den Rausch der Geschwindigkeit, auf die Faszination dieser Potenzmaschinen, auf die Preisung der Technologie durch die männlichen Helden. „Yes, das ist Musik in meinen Ohren“, schwärmt die männliche Hauptfigur gleich in der ersten Szene des Films über den Sound der cool manövrierenden Düsenjäger während einer Kunstflugstaffel. Für den Zuschauer endet dieser Adrenalinschub mit den ersten Bruchlandungen, für die weiblichen Figuren wenig später. Mit pathetischen Hochglanz-Produktionen wie „Top Gun“ oder patriotisch unterfütterten US-Serien wie „JAG – Im Auftrag der Ehre“ oder „Navy CIS“ hat dieses zeitgeschichtliche deutsche TV-Drama nichts gemein. Die digitalen Flieger-Sequenzen – insgesamt gibt es rund 14 Special-Effects-Minuten im Film – sind dennoch stimmig in das Production Design integriert. „Bei der Realisierung der visuellen Effekte wurde darauf geachtet, keine unnötige ‚Effekthascherei’ zu betreiben“, so der VFX-Supervisor Denis Behnke. „Vielmehr wurde versucht, jede Szene so zu konzipieren, dass man das Gefühl hat, die Aufnahmen hätte man auch original so drehen können.“
Optisch mindestens ebenso markant wie der stahlgraue Vintage-Look der ehernen Kampfgefährten sind zunächst die zeittypischen PopArt-Symbole, die den Film prägen. Zwischen Courréges-Mode, Minirock und Beat-Club-Flair, zwischen Sixties-Deko und coolem US-Styling bewegt sich anfangs der Look. Ein visueller Hauch „American Graffiti“ weht anfangs durch die Szenerie. Und der Soundtrack spielt, was die Jukebox der Jahre hergab. Zeitgeschichte, gespiegelt in der Populärkultur, ganz so wie es die Amerikaner lieben, auch mal im deutschen Fernsehen – warum nicht?! Keine Werte ohne Schauwert. Darin ist „Starfighter“ konsequent. Und weshalb muss deutsche TV-Fiktion, die sich früheren Dekaden annimmt, immer so unsexy aussehen? Dass Geschichte 1:1 abgebildet sein muss, um als stimmig zu gelten, ist eines der großen Missverständnisse des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das Glaubwürdigkeit allein mit dokumentarischer Akribie gleichsetzt.
Foto: RTL / Wolfgang Ennenbach
Dramaturgisch gelingt es dem Film, aus einer attraktiven Nummern-Revue, die den Alltag im Fliegerhorst mit dem der deutschen „Fräuleins“, die tödlichen Einsätze der fliegenden Buddies mit den Szenen vom privaten Glück, dem Wirtschaftswunder-Phänomen und den politischen Schlagwörtern der Zeit (beispielsweise „APO“ oder „Notstandgesetze“) konterkariert, eine spannende „Betti-gegen-die-Bundeswehr“-Geschichte werden zu lassen. Der Film wechselt mehrfach seine Tonlage, folgt der Dramaturgie des Starfighter-Skandals – und wirkt dennoch ins sich geschlossen und für den Zuschauer, der sich Zeitgeschichte als Genrefilm gefallen lässt, durchweg interessant. Regisseur Miguel Alexandre („Die Flucht“) war noch nie ein Regisseur, der sich großen Gefühlen verweigert hätte. Die Identifikationsdramaturgie der letzten 45 Minuten ist ebenso simpel wie effektiv, da einem nicht nur die engagierte Heldin, sondern auch ihre Mitstreiter ans Herz gewachsen sind. Picco von Groote, Steve Windolf, Frederick Lau, Alice Dwyer und Paula Kalenberg sind ein starkes Ensemble: jeder wird seiner Rolle gerecht – und auch ikonografisch wissen die attraktiven, sehr physischen Schauspieler zu überzeugen. Nach den misslungenen Fiktion-Versuchen von RTL in den letzten Jahren ist „Starfighter“ der richtige Weg, Anspruch mit Unterhaltung, klassische Dramaturgie mit Populärkultur aufzuladen – wie es (nicht nur) die Zielgruppe erwartet. (Text-Stand: 9.3.2015)