In seinem Buch „Also sprach Zarathustra“ hat Friedrich Nietzsche einst dem persischen Priester und Philosophen einen Satz in den Mund gelegt, der gleichermaßen rätselhaft wie romantisch klingt: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.“ Die Weisheit könnte auch von BND-Ausbilder Detlev Voss stammen, denn der wirft ständig mit solchen tiefgründig klingenden Aphorismen um sich. Voss-Darsteller Götz Otto nutzt das Nietzsche-Zitat, um damit im ZDF-Pressetext eine Frage zu beantworten: Wie fühlt es sich an, „die chaotischste Nachwuchstruppe auszubilden, die man sich vorstellen kann?“
Zum Glück hat „SpyOn“ nicht das Niveau der Frage, sondern der Antwort: Die achtteilige Serie ist keine Klamotte, sondern knapp 200 Minuten lang witzig, originell, kurzweilig und überaus abwechslungsreich; selbst wenn es zwischendurch auch mal albern oder zotig wird. Hannah Schopf (Buch), Christof Pilsl (Buch und Regie) sowie Nadine Keil (Regie) ist eine wilde Mischung gelungen, die zwar ein Comedy-Etikett trägt, aber über weite Strecken auch eine doppelte Romanze ist und gegen Ende sogar zum Thriller wird. In erster Linie erzählen die acht Folgen jedoch, wie fünf vom Leben oder den eigenen Ambitionen überforderte junge Leute während ihrer Ausbildung beim Bundesnachrichtendienst über sich hinauswachsen. Voraussetzung dafür ist jedoch letztlich die von Nietzsche formulierte Erkenntnis: Individuell wären sie komplett überfordert, aber als Gruppe ergänzt sich das Quintett perfekt, weil alle Mitglieder über eine spezielle Fähigkeit verfügen. Gemeinsam, stellt Voss fest, sind sie „der perfekte Spion“.
Foto: ZDF / Susanne Bernhard
Bis es soweit ist, müssen erst mal einige Hürden genommen werden. Auf den ersten Blick wirken die fünf nicht nur nach Ansicht von Voss’ Chefin Haberland (Sophie von Kessel) beim Geheimdienst denkbar deplatziert: Polizist Andreas Rödig (Klaus Steinbacher) ist ein olfaktorisches Genie, ansonsten jedoch nicht der Hellste. Trotzdem sieht er sich als neuen James Bond, wie die anspielungsreiche Filmmusik (Giovanni Berg) mehrfach andeutet. Diplomatentochter Victoria von Meckwitz (Lea Zoë Voss) leidet unter ihrer panischen Prüfungsangst fast ebenso sehr wie unter einer herrischen Mutter (Natascha Ochsenknecht), die sich in ihrem Kopf immer wieder einmischt. Mikroingenieurin Yuki Rübsamen (Nhung Hong) wird permanent übersehen, weshalb sie dauernd wie aus dem Nichts auftaucht; eigentlich eine perfekte Voraussetzung für eine Tätigkeit als Agentin, aber für sie persönlich natürlich ein Problem, zumal sie hoffnungslos in Rödig verknallt ist. Mathematiker Asel Asanow (Lukas Zumbrock) hat eine neuronale Störung aus dem Autismus-Spektrum und ein fotografisches Gedächtnis, kann jedoch nicht lügen. Informatik-Lehrerin Sami Hadad (Sogol Faghani) ist ein herzensguter Mensch, aber etwas naiv und hat, wie Haberland ausnahmsweise zu Recht feststellt, eine „Persönlichkeit wie ein Monchhichi“. Das wiederum macht sie zum emotionalen Zentrum des Quintetts. Sami streitet sich mit Vicky, in die sie zu allem Überfluss verliebt ist, um die Führung der Gruppe. Sie hat sich beim BND beworben, um in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten. Den hat sie zwar nie kennengelernt, aber laut Mutter Ceylan (Ilknur Boyraz) war er „ein internationaler Topspion“.
Soundtrack: Frank Sinatra („That’s Life“), Marianne Rosenberg („Er gehört zu mir“), Boys Town Gang („Can’t Take My Eyes Off Of You“), Abba („Gimme! Gimme! Gimme!“), Janis Joplin („Cry Baby“), Limp Bizkit („Break Stuff“)
Foto: ZDF / Susanne Bernhard
Was Schopf, Pilsl und Keil auf Basis dieser Gemengelage geschaffen haben, entpuppt sich als mit spürbar großer Freude an den Figuren und ihren Dialogen gespielte sowie temporeich umgesetzte Serie, deren Qualität ein schlichtes Comedy-Etikett nicht gerecht würde. Tatsächlich ist „SpyOn“ sogar mit Hilfe eines Fachberaters entstanden: Bodo Hechelhammer war viele Jahre lang Chefhistoriker des BND und hat darauf geachtet, dass die Geschichten gerade hinsichtlich der operativen Ausbildung des Quintetts einen gewissen Realitätsbezug haben. Die Umsetzung mag oft überzeichnet sein, aber gerade in Zeiten einer allumfassenden Digitalisierung spielen zum Beispiel analoge tote Briefkästen nach wie vor eine große Rolle, selbst wenn es in der Wirklichkeit vermutlich nicht so anrüchig zugeht wie in der Serie: Die Truppe von Voss konkurriert mit den Azubis eines Kollegen (Alexander Beyer). Unter anderem sollen die beiden Gruppen das Nachrichtenversteck der anderen Klasse finden, weshalb Asel die öffentlichen Toiletten observiert; zum Glück nur akustisch, aber das reicht.
Neben all’ den anderen positiven Faktoren zeichnen sich die Drehbücher auch durch ihre vielen Überraschungen aus. Das gilt für unerwartete Allianzen ebenso wie für die kleinen und großen Verblüffungen, mit denen einige Folgen enden, wenn beispielsweise ausgerechnet Andreas („License to grill“) mit mehr Glück als Verstand einen Schläfer enttarnt. Mindestens genauso viel Spaß machen die Liebe zum Detail, etwa das Zitat aus „Club der toten Dichter“, als sich die Gruppe mit Andreas solidarisiert und zur Filmmusik von Maurice Jarre auf die Stühle steigt, sowie beiläufig eingestreute Momente wie der Kopierer, der ein mysteriöses Eigenleben entwickelt. Natürlich gibt es auch eine Verbeugung vor Gimmick-Tüftler „Q“ aus den James-Bond-Filmen. Für Tempo sorgt nicht zuletzt der Schnitt, mit dessen Hilfe Pilsl und Keil einige Male ebenfalls witzige Akzente setzen, und auch die Slapstickszenen sind sehr überzeugend inszeniert. Am Schluss überlistet die vermeintliche „Gurkentruppe“ sogar eine Precrime-Software von Palantir und deckt ein Komplott innerhalb der Behörde auf. Die letzte Episode schließt mit einem Clou, der dringend nach einer Fortsetzung verlangt.
Foto: ZDF / Sebastian Schulte

