Nelly (Ella Morgen) sieht aus wie eine Frau, die weiß, was sie will. Anfangs täuscht der Schein. Die 25-jährige BWL-Studentin weiß nur, was sie nicht länger will: dumm angemacht werden bei ihrem Messe-Job und weitere Jahre Zeit vergeuden mit unbezahlten Praktika. Mittelfristig möchte sie in der Wirtschaft Karriere machen – und sie würde gern mit dazu beitragen, dass Frauen mehr als nur ein Drittel des Vermögens von Männern besitzen. Jetzt muss sie erst einmal bis zu ihrem Master-Abschluss durchhalten. Belastend hinzu kommen die horrenden Schulden aus ihrem Studienkredit. Weil Nelly eine Frau ist, die nicht ins Schaufenster einer Luxusboutique nur gucken möchte, lässt sie sich von einer Freundin (Samirah Breuer) von den Vorzügen einer Premium-Escort-Agentur überzeugen. Mit vollem Elan dabei ist Nelly aber erst, als Bonnie (Manal Raga a Sabit), ihre WG-Mitbewohnerin und seit Kindertagen beste Freundin, den Plan eher aufregend als anstößig findet. Angestachelt von Nellys ersten Escort-Erfahrungen, hinterfragt auch sie ihr bisheriges Liebesleben und erkundet ihre Sexualität neu, abseits gesellschaftlicher Normen. Aber auch beruflich lässt sich die angehende Modedesignerin inspirieren von Nellys Job und deren taffen Kolleginnen: Sie kreiert Workwear for Sexworkers. Die Robe für Nelly soll ihr Gesellenstück werden. Die freundschaftliche Symbiose gerät dennoch in Gefahr – zu unterschiedlich haben sich die beiden entwickelt.
Foto: Degeto / Mia Wallace Productions / Senator Film / Vertongen
„Selling Sex“ erzählt weniger aus dem Leben eines Escort-Girls als vielmehr von der Veränderung, die eine junge Frau erlebt, nachdem sie monatelang in diesem Premium-Segment der Prostitution gearbeitet hat. Es ist eine sehr spezielle Geschichte über Selbsterfahrung und Selbstermächtigung, die ganz auf die Perspektive der Heldin abzielt. Diese Nelly ist ein sehr individueller Charakter. Allgemeingültig ist allein ihr Wunsch, möglichst viel Geld möglichst angenehm in kurzer Zeit zu verdienen. Dass sie darüber hinaus Pläne hat, wird immer wieder angedeutet in Präsentationen, die sie als Praktikantin bei einer Consulting-Firma zur Freude der Chefin (Inga Busch) zum Besten gibt. Dass nicht alle ihrer Kolleginnen den gleichen IQ, einen so großen Wert auf Selbstbestimmung und ihre kluge Weitsicht besitzen, versteht sich von selbst. Da gibt es Frauen, die gängige Vorurteile gegenüber Sexarbeiterinnen eher bestätigen. Bei einem Junggesellenabschied soll Nelly mit drei anderen Escorts den unwilligen Bräutigam und seine Kumpels mit Striptease und Sex verwöhnen. Nur Liliana (beeindruckend: Lera Abova) behält den Überblick, die anderen lassen sich gehen, eine schießt sich ab. Für Nelly, die Neue, eine lehrreiche Erfahrung. Und Liliana gibt ihr weitere Tipps mit auf den Weg durch die Betten der Kunden. „Wenn du den Job zu lange machst, büßt du irgendwann etwas ein: zuerst deine Einstellung zu Geld, Zeit, dann deine eigene Sexualität, dann deine Emotionen und Gefühle.“ Der Beruf hat ein Verfallsdatum, das zeigt diese einerseits starke, andererseits tragische Figur, die Mutter ist und die einer Kündigung nur entgehen könnte, wenn sie sich „unters Messer“ begibt. Das ist die Kehrseite dieser verführerischen Glamour-Welt. Die kommt zur Sprache, ist aber nicht das Thema der Serie. Mit den Gästen gibt es bei dieser Goldcard-Kunden-Agentur weniger Probleme. „Mach nicht die gleichen Fehler wie ich“, rät Liliana Nelly. An der Sache mit dem Verlust des „eigenen Sexualität“ ist auf jeden Fall was dran. Das merkt sie, als sie mit ihrem Escort-Buddy Ben (Malik Blumenthal) schlafen will; der aber begehrt Nelly und nicht ihr routiniertes Alter Ego Aurora.
Foto: Degeto / Mia Wallace Productions / Senator Film / Vertongen
„Selling Sex“ setzt weder plump auf das „Sex Sells“-Prinzip noch biegt diese dreistündige Dramedy dramaturgisch irgendwo falsch ab. Beides ist die Voraussetzung dafür, dass die Autorinnen/Regisseurinnen Miriam Dehne und Marie C. König, die selbst jahrelang als Escort gearbeitet hat, sowie Koautorin Hannah Schopf ihr kluges Konzept bis zum cleveren Ende (eine Art feministische Meta-Lösung!) durchziehen können. In den ersten beiden Folgen liegen mehrfach Fußangeln aus, die den Weg der Heldin steinig werden lassen könnten. Bei den Escort-Essentials heißt es „kein Treffen mit den Kunden auf privater Ebene“. Wenig später ringt ihr Bonnie das Versprechen ab, niemals bei ihrem Job etwas zu machen, was sie nicht will, egal, wie viel man ihr bietet. Wer annimmt, dies seien Fingerzeige auf spätere narrative Problemzonen, der sieht sich angenehm enttäuscht. Auch verlaufen die professionellen Dates nie übermäßig dramatisch, mal ist die Vorglühphase sogar interessanter, weil man mehr aus dem Leben, dem Alltag, der Escorts erfährt. Spannungen gibt es bei den Jobs immer wieder: So sind bei besagtem Junggesellentreff plötzlich acht statt wie ausgemacht vier Männer zugegen, oder ein als schwierig geltender Kunde kriegt keine Erektion und macht die Damen dafür verantwortlich. Solche Situationen lösen sich kultiviert auf, der vermeintliche Sex mit dem Bräutigam sogar köstlich komisch. Es geht also um keine aufgebauschten Konflikte, es geht um die Erfahrungen, die die Hauptfigur bei ihrer Kundenbetreuung macht. Auch die (dramaturgisch halbherzig) angedeutete mögliche Liaison mit Ben wäre eine dieser konventionellen romantischen Ausstiegschancen aus der Branche. Für solche Klischee-Wendungen aber sind die Macherinnen erfreulicherweise nicht zu haben.
Foto: Degeto / Mia Wallace Productions / Senator Film / Hyun De Grande
Ein kluger, narrativer Schachzug ist es, der Heldin eine Freundin gegenüberzustellen. So gibt es eine Verbindung zu Nellys Kindheit, zu dem Wert, den sie Freundschaften beimisst (auch wenn es Phasen mit anderen Prioritäten geben kann), ein Gegenpol zu ihrer „Diamonds are the Girl‘s best Friends“-Mentalität, welche im Übrigen nicht psychologisch begründet wird, was der Frau-ist-was-sie-ist-Logik der Geschichte durchaus entspricht. Aber sie erfüllt mehr als nur eine Erzählfunktion. Wirtschaftlich vertritt sie die Gegenposition zu Nellys Unternehmertum. Sie bezahlt für ihre sexuellen Vorlieben. Manal Raga a Sabit spielt sie weich, warm, Körper statt Kopf. Beruflich startet Bonnie auch durch. Und das beschert der ohnehin optisch exzellenten Serie, die nicht nur mit ihrer Licht- und Farbdramaturgie besticht, noch ein paar Glanzlichter mehr. Ein Höhepunkt ist die bunte, lebenslustige Workwear-Modenschau, die äußerst effektvoll mit einer Sadomaso-Nummer ihrer abwesenden Freundin verschnitten wird. Während Bonnies Traum zum ersten Mal richtig lebt, gibt Nelly zeitgleich für einen neuen Stammkunden (Madieu Ulbrich) lieber die Domina. Der Konflikt ist absehbar. Die Lösung nicht: Weder kommt die große Einsicht um die Ecke, noch gibt es ein billiges Einlenken oder die handelsübliche Läuterung, nein, bei dieser Nelly, die Ella Morgen mit Zartheit, Zielstrebigkeit und enormer physiognomischer Offenheit verkörpert, muss es schon eine Nummer größer sein: Unter einer realen feministischen Vision macht sie es nicht. Sie wäre allerdings auch die Letzte, die nicht zugeben würde, dass sie das, was sie (für andere) tut, auch deshalb tut, weil sie nicht länger die Edelboutique nur von außen sehen will.

