Das muss ein Italiener sein, stellt Streifenpolizist Jim Malone angesichts eines Toten ungerührt fest: „Kommt mit ’nem Messer zu ’ner Schießerei.“ Brian de Palmas Krimiklassiker „The Untouchables – Die Unbestechlichen“ (1987) ist dank der Dialoge Sean Connerys ein wahrer Zitatenschatz. Die erste Lektion Malones für den legendären Gangsterjäger Eliot Ness lautet: „Man sorge dafür, dass man nach Dienstende lebend nach Hause kommt.“ Sarah Kohr macht zwar mitunter den Eindruck, als halte sie es lieber mit Martin Riggs (Mel Gibson), dem zumindest zum Reihenauftakt ziemlich lebensmüden „Lethal Weapon“-Helden (1987 bis 1998), aber überleben will auch sie; und wer glaubt, er habe gegen die unbewaffnete Polizistin mit einem Messer leichtes Spiel, hat schon verloren. Zwei Gegner sind ohnehin einer zu wenig für die von Lisa Maria Potthof auch im zwölften Fall gewohnt schlagkräftig verkörperte Hamburger LKA-Kommissarin. Vom dritten Mann hat sie jedoch nichts zu befürchten; die beiden wirken im Gegenteil beinahe wie ein ehemaliges Liebespaar.
„Großer Bruder“ ist allerdings nicht ganz so packend inszeniert wie die letzten Filme. Regie führte Kirsten Laser, sie hat zuletzt nach diversen Serienfolgen fürs ZDF die zwei jüngsten Episoden der Krimireihe „In Wahrheit“ gedreht. Beide Filme zeichneten sich vor allem durch große Empathie aus. Das gilt in gewisser Weise auch diesmal, denn Nils Köppke, der dritte Mann, entpuppt sich als tragische Figur: Der Sprengstoffspezialist ist einst von seinem Bruder auf die dunkle Seite gelockt worden, hat aber nach dem letzten Ding als Kronzeuge gegen ihn ausgesagt. Seither lebt er im Rahmen des Zeugenschutzprogramms in Bayern. Nun ist er nach Hamburg zurückgekehrt und macht offenbar da weiter, wo er vor einigen Jahren aufgehört hat: Kohr erwischt ihn und seine Komplizen beim Einbruch in ein Museum. Mit den beiden Typen wird sie locker fertig; erst die Wucht der Explosion haut sie um.
Foto: ZDF / Christine Schroeder
Die Besetzung Köppkes mit Steve Windolf ist mit Blick auf seine Filmografie doppelt reizvoll, schließlich ist er dank seines leicht melancholischen Teddybärblicks geradezu prädestiniert für romantische Rollen, die er in der Tat regelmäßig spielt. Tatsächlich wird Köppke erpresst. Sein kriminelles Comeback ist Teil eines raffinierten Coups, bei dem ein inhaftierter Berufsverbrecher die Fäden zieht: Mark Obsian ist der wahre Gegenspieler Kohrs. Martin Wuttke verkörpert die Unterweltgröße mit gewohnter Hingabe und doppeltem Boden: Als Obsian vor Kohrs Augen einen Herzinfarkt hat, rettet sie ihm das Leben. Fortan scheint er in ihrer Schuld zu stehen, aber in Wirklichkeit ist auch die Polizistin bloß eine Figur in einem perfiden Spiel, bei dem eine ganz andere Person die Fäden zieht.
Die gewohnt gute Thriller-Musik von Boris Bojadzhiev ist des Öfteren deutlich packender, als es die Bilder hergeben, deshalb erreicht „Großer Bruder“ nicht ganz die Intensität der letzten Filme. Das Drehbuch von Timo Berndt, der seit dem Start von „Sarah Kohr“ als Reihe (2018) alle Vorlagen verfasst hat, erfreut jedoch regelmäßig durch immer wieder neue Haken, auch wenn nicht alle gänzlich überraschend sind; dass sich beispielsweise die Mitwirkung Jasmin Gerats nicht auf die Rolle der um Obsians Wohl besorgten Gefängnisärztin reduziert, war zu erwarten. Trotzdem ist es ziemlich verblüffend, in welche Richtung sich die Handlung entwickelt, zumal sich die Verbrecher und ihre Jägerin ständig gegenseitig überraschen und gleich zwei Personen längst nicht so tot (oder zumindest fast tot) sind, wie es zunächst den Anschein hat. Einige Handlungsdetails sind allerdings nicht rundum plausibel; unter anderem befindet sich ein einst auf einer Wiese vergrabener Goldschatz heute im Fundament einer Hochhausbaustelle.
Foto: ZDF / Christine Schroeder
Während die Besetzung vor allem der Ganoven ausnahmslos trefflich ist (gerade Božidar Kocevski macht eine gute Figur, und das nicht nur als Potthoffs Sparringspartner), wirkt Herbert Knaup diesmal etwas unterbeschäftigt und hat als Oberstaatsanwalt Mehringer nicht viel mehr zu tun, als Kohr regelmäßig auf den neuesten Stand zu bringen. Die entsprechenden Dialogszenen wirken gestalterisch statisch und ähnlich einfallslos wie der schon seit vielen Jahren stereotype Krimiauftakt mit dem Kameraflug übers Wasser, aber das ist ein Problem vieler Reihen und Serien dieses Genres. Davon abgesehen bewegt sich die Kameraarbeit von Rodja Kükenthal, der für Kirsten Laser auch deren Episoden für die ZDF-Reihe „In Wahrheit“ fotografiert hat, deutlich über dem Durchschnitt.

