Wir Deutschen wissen gar nicht zu schätzen, was wir Griechenland alles zu verdanken haben. Klar, „Wiege der Demokratie“, „Ilias“ und „Odyssee“, außerdem die antiken Tragödien, von den großen Philosophen ganz zu schweigen; aber letztlich reduzieren wir das Land doch auf Akropolis, Vicky Leandros und Gyros. Das ist natürlich ein himmelschreiendes Unrecht. Wolfgang Schäuble hatte keine Ahnung, wie zutreffend sein Fazit „Isch over“ während der Eurokrise vor zehn Jahren war: Ohne griechische Geisterjäger wären wir alle längst Geschichte und die Erde ein Tummelplatz für Dämonen. Alle hundert Jahre sorgt eine bestimmte planetare Konstellation dafür, dass sich das Tor der Hölle öffnet, und allein die Mitglieder der Familie Rembetis können die Apokalypse verhindern.
Foto: ZDF / Nina Poppe
Im Grunde gibt es nur zwei Möglichkeiten, diese Geschichte zu erzählen: als fesselndes Fantasy-Spektakel mit Kreaturen aus dem Computer und aufwändigen visuellen Effekten; oder als Hommage mit optischen Tricks, die ein bisschen nach Handarbeit aussehen. Natürlich hat sich Schauspieler Jasin Challah, als Sohn einer griechischen Mutter und eines syrischen Vaters 1974 in Niedersachsen geboren, für Option Nummer zwei entschieden, weil Option Nummer eins ohnehin nicht zur Debatte stand. Das Ergebnis ist eine Parodie auf Ivan Reitmans modernen Hollywood-Klassiker „Ghostbusters – Die Geisterjäger“ (1984). Die Gespensterkomödie war allerdings bereits selbst eine Parodie. Dass einige der vielen Folgeprojekte bei weitem nicht mehr den ursprünglichen Charme hatten, lag auch an dem meist misslungenen Versuch, das Original zu persiflieren; Minus mal Minus gibt eben nicht immer Plus. Also hat Challah, an der von ihm selbst initiierten Serie als Chefautor, Hauptdarsteller, musikalischer Leiter sowie bei zwei Folgen als Co-Regisseur beteiligt, die Flucht nach vorn angetreten. Sein größter Trumpf: Selbstironie.
Hauptfigur der achtteiligen Serie ist Paris Rembetis. Der Costa-Cordalis-Verschnitt mit wallendem Brusthaar und Goldkette hatte vor vielen Jahren einen Hit („Orchideen aus Athen“). Seither versucht er, den Erfolg mit Hilfe seiner Managerin (Tanja Schleiff) zu wiederholen, und träumt von einem Auftritt in der Show von Florian Goldesel (Michael Kessler); bis dahin tourt er mit einem klapprigen VW-Bus durchs Land. Als während der Aufnahmen zu einem neuen Lied eine beängstigende Vision zum Kollaps führt, empfiehlt ihm sein Therapeut eine Auszeit, am besten im Kreis der Familie, die Paris jedoch einst fluchtartig verlassen hat, weil er keine Lust hatte, Vaters Imbiss „Olympia“ zu übernehmen; doch dann segnet sein Erzeuger das Zeitliche. Marcos Rembetis’ Ableben entpuppt sich allerdings als Trick, um den Sohn zurück ins rheinische Gosse zu locken: Der Familie bleiben nur zehn Tage, um das Hades-Tor zu schließen; und Paris ist als Erstgeborener dazu auserkoren.
Foto: ZDF / Nina Poppe
All’ das ist erst mal aber nur Hintergrund, denn als beim Gerangel zwischen Paris und seinem Bruder Hektor (Samy Challah) die Bouzouki der verstorbenen Mutter zerbricht, entfleucht allerlei Kroppzeug, das die Familie Rembetis fortan auf Trab hält. Einer der Geister fährt in einen Hackbraten und dann in den Mund einer harmlosen Hausfrau. Johanna Gastdorf spielt diese Rolle, als habe sie nur darauf gewartet, mal als Knallcharge besetzt zu werden. Der Theaterbegriff war ursprünglich zwar keineswegs negativ gemeint, aber auch die weiteren Mitwirkenden wandeln auf einem schmalen Grat zwischen Parodie und Karikatur; Pavlos Kourtidis zum Beispiel erinnert als Patriarch mitunter verblüffend an Robert De Niro, dessen Darbietungen gerade als Komödiant ja keineswegs zuverlässig „Oscar“-reif sind.
Dass „Rembetis“ trotzdem Spaß macht, liegt an dem sympathischen Übermut, mit dem Challah und Regisseurin Sophie Averkamp die im Schnitt 25 Minuten kurzen Episoden erzählen. Gut vorstellbar, dass viele Szenen wiederholt werden mussten, weil alle Beteiligten in schallendes Gelächter ausgebrochen sind. Einige Einfälle sind in der Tat herrlich absurd; in einer Folge werden die Brüder von einem besessenen Kopierer in eine schwarzweiße Parallelwelt gesogen. Nicht ganz ernst gemeint sind auch die vielen Musical-Einlagen. Dass sich das Teufelszeug allein mit Rembetiko-Klängen besänftigen lässt, ist historisch ohnehin wacklig: Die Musik ist erst vor hundert Jahren in den Armenvierteln griechischer Großstädte als Gegenkultur entstanden. Ihre Handlung nimmt die Serie allerdings ernst, nur deshalb wirken die Ereignisse nicht lächerlich, selbst wenn die Effekte mitunter eher rührend als bedrohlich sind. Das gilt auch für die Gegenspieler: Die Lotophagen (eine Reminiszenz an die „Odyssee“) zum Beispiel wirken wie Außerirdische aus dem Sechzigerjahre-Klassiker „Raumschiff Enterprise“. Die Episode heißt „The Time Of My Life“: Die beiden Schurken stehlen Lebenszeit und verwandeln Kinder auf diese Weise in alte Leute.
Foto: ZDF / Nina Poppe
Die weiteren Folgen tragen ebenfalls Songtitel. Die Verweise auf Popkultur und klassische Sagen sind ohnehin ein großes Vergnügen. Nicht gerade subtil, aber immerhin originell verpackt sind auch die Botschaften: Der dämonische Hackbraten will die geschändete Tierwelt rächen, der wahre Zeitfresser ist das Smartphone, und eine Sirene, deren betörendem Gesang niemand widerstehen kann, will Frauen zu ihren Rechten verhalfen. Als sich die Rembetis-Männer als Damen verkleiden, um Zugang zu Parthenopes rein weiblichem Gefolge zu bekommen, erinnert die entsprechende Folge („Killing Me Softly“) allerdings sehr an fragwürdige deutsche Komödien aus den Siebzigern („Wenn die tollen Tanten kommen“). Das Finale ist dafür umso fesselnder.
Soundtrack: Haddaway („What Is Love?“), Salt-N-Pepa („Push It“), Madonna („Like A Prayer“), Kraftwerk („The Robots“), Black Eyed Peas („The Time“), Pharrell Williams („Happy“), Donna Summer („She Works Hard For The Money“), Roberta Kelly (Aie“), Los Van Van („Temba, Tumba, Timba“), Mikis Theodorakis („Zorba’s Dance“)

